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Der achte Tag ist der Tag der Auferstehung

Jesus irritiert mit seiner Auslegung der Gebote. Doch ein Liberaler ist er nicht. Er legt die Schrift konsequent auf den Menschen hin aus.
Moses
Foto: Pixabay | Jesus hebt das Gesetz des Mose nicht auf, er legt es konsequent auf den Menschen hin aus.

War Jesus ein liberaler Rabbi, der es mit den Geboten der Tora nicht so genau genommen hat? War er Kritiker eines legalistischen Judentums und verkündete er einen menschenfreundlichen Gott, indem er Gebote der Tora wie das Sabbatgebot provokativ überschritt und den Menschen und seine Bedürfnisse zum Dreh- und Angelpunkt religiöser Praxis machte, wenn er im heutigen Evangelium den Pharisäern entgegenhält: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Markus 2, 27).

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Hat Jesus in der Religions- und Geistesgeschichte eine Wende von der Theozentrik zur Anthropozentrik eingeleitet, eine Kopernikanische Wende, die endlich auch in der Kirche zu der Einsicht führen sollte, dass der Mensch zu der Freiheit berufen ist, sich die Gesetze seines Handelns selbst zu geben? Tatsächlich wird die Jesus-Geschichte heute von vielen so verstanden und auch schon zur Zeit des Apostels Paulus gab es innerhalb der christlichen Bewegung Gruppierungen, die so dachten (vgl. Galater 5, 13–25). Doch eine sorgfältige Lektüre der Heiligen Schrift zeigt, dass ein solches Verständnis zu kurz greift.

Neu gedeutet

Die Gebote Gottes, wie sie in der Schrift überliefert sind, werden von Jesus nicht verworfen, sondern von ihm und auf seine Person hin neu ausgelegt: „Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat“ (Mk 2, 28). Wir können diesen Vorgang mit einem Magneten vergleichen, der die auf einer Platte liegenden Eisenspäne neu ausrichtet. Keiner der Späne geht verloren (vgl. Mt 5, 17), und doch entsteht ein neues Profil. Wohl kaum eine Gestalt des Neuen Testaments war mit dem jüdischen Glauben so vertraut wie Paulus, doch in der Begegnung mit Christus, dem Auferstandenen, ist ihm etwas aufgegangen, das alles, was er bisher gelernt und gelebt hatte, in einem neuen Licht erscheinen und überschreiten ließ (vgl. Phil 3, 7–14).

Arbeitsruhe und Gottesdienst, die grundlegenden Gehalte des Sabbats, des siebten Tags der Woche, sind in der christlichen Tradition nicht verlorengegangen, sondern auf den achten Tag der Woche, den ersten Tag der neuen Schöpfung, übergegangen. Damit wird die im Alten Testament bezeugte Geschichte Gottes mit seinem Volk, zu der auch die Offenbarung am Sinai mit den Zehn Geboten gehört, nicht verworfen, sondern in das Licht des Anfangs gestellt.

Eine neue Schöpfung

Dieses Licht des Ursprungs ist mit Jesus in die Welt gekommen (Joh 1, 9). Die durch die Sünde verfinsterte Welt wurde durch das Licht Christi erleuchtet. Zwar konnten die Mächte der Finsternis mit dem Tod Jesu vorübergehend die Herrschaft an sich reißen (Mk 15, 33), doch wurden sie mit der Auferstehung „am ersten Tag der Woche, da soeben die Sonne aufgegangen war“ (Mk 16, 2), endgültig besiegt. Mit Christi Auferstehung am dritten Tag bricht eine neue Schöpfung an (2 Kor 5, 17). Mögen die äußeren Umstände nach wie vor beschwerlich und bisweilen lebensbedrohlich sein, so sind sie doch in der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen von innen her überwunden.

Text unter der Lupe

Deuteronium 5, 12–15
2 Korinther 4, 6–11;
Markus 2, 23–3, 6
Zu den Lesungen des 9. Sonntags im Jahreskreis 2024 (Lesejahr B)

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Ludger Schwienhorst-Schönberger  Altes Testament Apostel Christi Auferstehung Jesus Christus Neues Testament Thora

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