Herr Professor Herzberg, woran haben Sie Ihre Berufung zum Ständigen Diakon erkannt?
Im Rückblick würde ich sagen: Es war das stille Wachsen einer persönlichen Gewissheit durch ganz verschiedene Lebensphasen hindurch (intensives Studium der Philosophie, Eheschließung und Familiengründung, Vater-Sein, akademische Lehrtätigkeit). Verankert war dieses Wachsen in einer Kindheitserfahrung: Als Ministrant stand ich am Weihnachtstag neben dem Ambo und hörte den Johannes-Prolog, wie er vom Diakon meiner Heimatpfarrei gesungen wurde. Ich war auf einer ganz tiefen Ebene angesprochen, einerseits von der Weisheit, die in diesem erhabenen Text zum Ausdruck kommt, andererseits von der Schönheit der Liturgie, in der dieser Text eingebettet ist. Beides ließ mich nicht mehr los: Ich wollte die Grundlagen des christlichen Glaubens verstehen, und mir wurde klar, dass ich mich erst einmal ganz der Philosophie hingeben muss, vor allem der antiken Philosophie in Gestalt von Platon und Aristoteles, ohne die man die christlichen Meisterdenker wie Augustinus und Thomas von Aquin nicht verstehen kann. Die Liebe zur Liturgie mit ihrer eigenen Ordnung führte mich zunächst zur Kirchenmusik, einen Dienst, den ich seit meinem 14. Lebensjahr bis zu meiner Diakonenweihe mit großer Freude in verschiedenen Pfarreien und in verschiedenen Bistümern ausgeübt habe. Schließlich kam ich nach der philosophischen Promotion, nach einer langen und schwierigen Phase der inneren Prüfung zur Gewissheit, dass ich als katholischer Philosoph, Ehemann und Familienvater der Kirche dienen möchte.
Welche Rolle spielte für Ihre Berufung das Leben in Ehe und Familie?
Die Familie bedeutet für mich eine immer wieder neue Hinwendung zum Konkreten des Alltags mit all seinen Herausforderungen, ein Dienst im Stillen, ein Zurückstellen eigener Interessen, vor allem aber die Erfahrung einer Wachstumsgemeinschaft im Leben wie im Glauben mit meiner Frau, die als Ärztin und nebenamtliche Kirchenmusikerin tätig ist, und unseren drei Kindern. Irgendwann entstand aus diesem Geflecht von philosophischer Tätigkeit, liturgischem Dienst und familiärem Leben in meiner Seele das Bild eines Diakons, und so begab ich mich noch einmal neu auf den Weg.
Papst Franziskus hat den Dienst des Diakons umschrieben als „kein Priester zweiter Klasse, kein Luxusministrant“. Wie würden Sie den Dienst des Diakons positiv definieren?
Bei aller Konkretheit etwa im persönlichen Gespräch über Glaubensfragen, in der Taufvorbereitung mit jungen Eltern oder im Trauergespräch – der Dienst des Diakons ist im Ganzen gesehen vor allem ein symbolischer Dienst, ein Zeichen für die dienende Liebe Christi: Der Diakonat, gerade als eine eigene und beständige Weihestufe, erinnert die Kirche immer wieder daran, dass alle ihre Ämter Dienstämter sind, wie es in der Fußwaschung zum Ausdruck kommt. „Diakon ist und bleibt eine Dimension jedes geistlichen Amtes, weil der Herr, der all diese Ämter trägt, selbst unser Diakon geworden ist“, so Papst Benedikt. Das Diakonale ist eine grundlegende Dimension jedes kirchlichen Handelns. In „Lumen Gentium“ heißt es über die Diakone: „Mit sakramentaler Gnade gestärkt, dienen sie dem Volke Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebestätigkeit in Gemeinschaft mit dem Bischof und seinem Presbyterium.“ Zwischen „Diakonie“ im weiten und im engen Sinn ist also zu unterscheiden; es wäre eine Verkürzung, dies einzig im caritativen Bereich verwirklicht zu sehen.
Und was bedeutet „Diakonie“ in diesen verschiedenen Grundvollzügen?
Was „diaconia“ in den unterschiedlichen Vollzügen konkret bedeutet, zeigt sich in der Sendung des Einzelnen. Allgemein würde ich aber sagen: In der Liturgie zeigt es sich vor allem in der Bereitung der Gaben. Das steht für den notwendigen Tischdienst, ohne den kein Festmahl möglich ist. Neben dieser praktischen Dimension ist für mich aber auch eine kontemplative Dimension zentral: während der Konsekration in einer Haltung der Anbetung sichtbar auf Christus ausgerichtet zu sein, auf den hinzuweisen, der unter den Zeichen von Brot und Wein geheimnisvoll gegenwärtig ist. Der Diakon ist kein Konzelebrant. Das Diakonale in der Verkündigung sehe ich vor allem darin, die Stimme desjenigen Menschen hörbar zu machen, der wie der blinde Bartimäus am Rand der Straße sein „Misere mei“ ruft, dessen Stimme aber in einer Kirche, die leider zu oft in ihrer Verkündigung um interne Themen kreist, ungehört bleibt. Gerade der Diakon im Zivilberuf, der „von außen“ kommt, kann auf solche Stimmen aufmerksam machen.
Wie wichtig ist der Altardienst für den Ständigen Diakon?
Der Dienst des Ständigen Diakons kann und darf sich nicht auf den Altardienst beschränken. Dieser zeichenhafte Dienst muss durch das konkrete Tun, oft im Hintergrund und manchmal in eher kirchenfernen Bereichen, gefüllt werden. Gleichwohl ist der Altardienst unverzichtbar, um den Diakon daran zu erinnern, dass alles, was er als Diakon tut, seinen Grund im Geheimnis der Eucharistie hat, die „Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche“ ist und dem Aufbau der Kirche als Leib Christi dient.
In der alten Kirche gehörte die Armenfürsorge zu den Aufgaben des Diakons. Welche Rolle hat dieser Aspekt heute für Sie?
Diese Arbeit liegt in unseren Breiten weitgehend in den Händen der Caritas, die dies sehr professionell versieht. Für mich bedeutet dieser Aspekt vor allem die Aufmerksamkeit für den Einzelnen in seiner nicht nur materiellen, sondern auch seelischen Not. Ob durch eine sensible Nachfrage, durch das Angebot eines Gesprächs oder durch einen kleinen Brief: dem Nächsten, dessen Not mir bekannt geworden ist, zumindest erfahren zu lassen „Du bist nicht vergessen“, ist hier mein Anliegen.
Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Diakon?
Im besonderen Kontext von Hochschule, Familie und einer Großpfarrei sehe ich meine Hauptaufgabe in der Glaubensvertiefung, sei es in der Predigt, in theologischen Gesprächsabenden, in eucharistischen Andachten mit Betrachtung der Heiligen Schrift oder auch im persönlichen Glaubensgespräch. Als eine weitere wichtige Aufgabe betrachte ich die diskrete, sichtbare Präsenz im Leben der Gemeinde, aber auch bei zivilgesellschaftlichen Anlässen.
Papst Benedikt hat den Dienst des Diakons 2008 deutlicher vom Dienst des Bischofs und Priesters abgegrenzt. Wie hilfreich ist diese Entscheidung für Sie gewesen? Inwieweit hat sie sich auf Ihren Alltag ausgewirkt? Und: Gibt es aus Ihrer Sicht noch Luft nach oben für eine Profilschärfung des Ständigen Diakonats?
Die Aussage des Motu proprio „Omnium in mentem“, dass Bischöfe und Priester die Sendung und Vollmacht empfangen, in persona Christi capitis zu handeln, während Diakone die Kraft erhalten, dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der tätigen Liebe zu dienen, oder wie einige Theologen sagen: Christus, insofern er der Diener aller Menschen geworden ist, zu repräsentieren, könnte erst einmal als eine Zurücksetzung empfunden werden. Das übersieht aber, dass die Repräsentation Christi, des Dieners, die grundlegende Dimension jedes geistlichen Handelns ist, also auch die Art und Weise bestimmen muss, wie Vollmacht in persona Christi capitis ausgeübt wird. Daran zu erinnern, ist gerade heute, wo es immer nur um Machtfragen zu gehen scheint, ein prophetisches Zeichen. Nicht das kämpferische Erringen von Vollmachten gibt einem kirchlichen Amt seine Kontur. Entscheidend ist letztlich, ob ein Amt in der Lage ist, etwas am „unergründlichen Reichtum Christi“ (Eph 3, 8) sichtbar und konkret erfahrbar werden zu lassen. Papst Leo hat jüngst in einem Apostolischen Schreiben zum Priesteramt das Amt des Ständigen Diakons, „das nach dem Vorbild Christi, des Dieners, gestaltet ist“, ein „lebendiges Zeichen einer Liebe“ genannt, „die nicht an der Oberfläche bleibt, sondern sich herabbeugt, zuhört und sich schenkt.“
Haben Sie persönliche Vorbilder?
Ich kenne Diakone, die in dem Feld, das ihnen mit den Jahren zugewachsen ist, mit bewundernswerter Hingabe tätig sind – etwa in der Gefangenenseelsorge oder in der Hospizarbeit. In der Sensibilität, fremde Not zu sehen, und in dem Mut, neue Wirkungsfelder zu erschließen, ohne dabei Christus hintanzustellen, sind sie mir Vorbild.
Gibt es etwas, das Sie vermissen, um Ihre Berufung als Diakon besser leben zu können? Und anders gefragt: Wer sind Ihre besten Unterstützer?
Was ich manchmal im engeren kirchlichen Kontext vermisse, ist eine persönliche, klare und ehrliche Gesprächskultur, auf welcher Ebene auch immer. Kritik am eigenen Tun erfährt man oft nur indirekt oder im Nachhinein, oder es wird verklausuliert mitgeteilt. Hier wünsche ich mir mehr wechselseitigen Freimut (Parrhesia) zusammen mit der Bereitschaft, sich auf die Argumente und Prinzipien des anderen einzulassen. Die größte Unterstützung ist für mich zu wissen, dass es auch in unseren Pfarreien noch Gläubige gibt, die täglich den Rosenkranz beten, die eucharistische Anbetung halten und für die Kirche und ihre Bischöfe, Priester und Diakone beten.
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