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Das Wunder des gemeinsamen Lebens

Wer war Frère Roger? Eine neuaufgelegte Biografie bringt den Gründer von Taizé und seinen Beitrag zur Versöhnung näher.
Frère Roger und Johannes Paul II.
Foto: Imago/Eastnews | Frère Roger begrüßt Papst Johannes Paul II. 1986 in Taizé.

Taizé dürfte nahezu jedem Christen ein Begriff sein – selbst wenn man das Dorf im südlichen Burgund, in dem die gleichnamige Brüdergemeinschaft in den 1940er-Jahren entstand, noch nicht persönlich besucht hat. Die internationalen Jugendtreffen, die seit mehr als fünfzig Jahren unter der Teilnahme von oft zehntausenden jungen Christen stattfinden, ebenso wie die Gebete und die charakteristischen Taizé-Gesänge, haben den ökumenisch ausgerichteten Orden über alle Grenzen hinaus bekannt gemacht. So wurden etwa die Texte der einstrophigen religiösen Gesänge in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt und auf allen Kontinenten veröffentlicht.

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In ihrer Biografie „Frère Roger“ schildert die Autorin Kathryn Spink den außergewöhnlichen geistigen Weg des jungen Schweizer Theologen Roger Schutz (1915–2005), dessen großes Werk die Gründung der Communauté von Taizé war. In etlichen Gesprächen mit Frère Roger erfuhr Kathryn Spink aus erster Hand, was den Geistlichen familiär prägte, wie er den Platz für sein Wirken nahe Cluny fand und die Brüdergemeinschaft dort aufbaute, nachdem er während des Zweiten Weltkriegs Flüchtlinge versteckt hatte, darunter auch Juden. 
Nach und nach wuchs die Zahl der Brüder, im Jahr 1949 legten die ersten sieben von ihnen – alle evangelischen Bekenntnisses – ihr Gelübde ab. Die Gemeinschaft ist heute mit etwa achtzig Brüdern aus über 25 Ländern internationaler denn je. Durch ihre Arbeit erwirtschaften sie einen finanziellen Freiraum, denn sie nehmen keine Spenden und Geschenke an. Die Einnahmen werden an Menschen in Not weitergegeben, aber auch teilweise für die Realisierung der Jugendtreffen verwendet. Gemeinsam sind die Brüder unterwegs zu dem, was Frère Roger einst das „Wunder des gemeinsamen Lebens“ nannte, das zu einem Abenteuer mit Gott wird.

Die Autorin schildert, wie sich der populäre Taizé-Gründer ihr gegenüber, sobald es um ihn selbst ging, stets zurückhaltend, fast scheu zeigte. Er unterstrich seine Haltung mit den Worten: „Gott geht uns immer voraus. Gott öffnet den Weg. Seit jeher suchen Menschen nach Gründern, nicht nur in der Kirche. Doch Gott legt das Fundament. Das Strahlen geht von Gott aus, nicht von Menschen. Es macht mich verlegen, wenn man uns mit großen Worten auf einen Sockel stellt.“ Bis zu seinem 50. Lebensjahr fiel es Frère Roger aufgrund seiner Schüchternheit schwer, öffentlich zu sprechen. Dabei war er den ganz Großen ganz nah. In den 1960er-Jahren schloss er Freundschaft mit dem Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel – eine Verbindung, die Frère Roger sehr kostbar war.

Während dieser Zeit pflegte er ebenfalls einen guten Kontakt zu Papst Paul VI., den er einmal jährlich in Rom besuchte. Zudem kamen zahlreiche Kirchenverantwortliche aus aller Welt und unterschiedlicher Konfessionen nach Taizé. So der Erzbischof von Canterbury, George Carey, das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, sowie die gesamte Bischofskonferenz von Schweden mit ihren vierzehn Bischöfen. Drei Tage verbrachten sie mit den Taizé-Brüdern in Gebet und Austausch.

Frère Roger, aus einem evangelischen Pfarrhaus stammend, legte jedoch von Beginn an großen Wert auf den Dialog mit der katholischen Kurie. Auch aus sehr persönlichen Motiven: „Ich habe meine Identität als Christ darin gefunden, in mir den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen – ohne mit irgendjemandem die Gemeinschaft zu brechen.“

Im Jahr 1986 besuchte Papst Johannes Paul II. im Rahmen einer Frankreichreise das burgundische Taizé und bezeichnete den Ort vor Tausenden Jugendlichen als eine „Quelle“: „Der Reisende hält ein, löscht seinen Durst und zieht weiter. Ihr wisst, dass die Brüder der Communauté euch nicht an sich binden, sondern frei lassen wollen. Im Gebet und in der Stille möchten sie euch ermöglichen, vom lebendigen Wasser zu trinken, das Christus verheißen hat (…), um dann wieder abzufahren, und in euren Kirchengemeinden, an euren Schulen, euren Universitäten und an euren Arbeitsplätzen seine Liebe zu bezeugen und euren Brüdern zu dienen.“

Schon als Erzbischof von Krakau war Karol Wojtyla zweimal in Taizé gewesen, umgekehrt hatte Frère Roger ihn in Krakau besucht. Am Tag des Attentats auf den Papst, am 13. Mai 1981, war Frère Roger mit einem Bruder im Wald unterwegs. Plötzlich war ihm unwohl und er sagte: „Gehen wir zurück, hier ist es zu dunkel.“ Nach Hause zurückgekehrt erfuhren sie, dass der Papst gerade auf dem Petersplatz von einem Attentäter schwer verletzt worden war.

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Das Buch enthält mehrere solcher Anekdoten, von denen die eine oder andere leider nur kurz angerissen bleibt und aus dem Zusammenhang fällt. Wahrscheinlich soll die Kurzbiografie nur einen Überblick geben über das gewaltige Schaffen des Taizé-Gründers. Das letzte längere Gespräch zwischen ihm und Autorin Kathryn Spink fand 1995, also zehn Jahre vor seinem Tod, statt. Die Neuauflage des Buches streicht das Wesentliche heraus: die ökumenische Berufung der Communauté, den Geist des kontemplativen Wartens, des Vertrauens und der Hoffnung. 


Kathryn Spink: Frère Roger – Gründer der Communauté von Taizé. Leben für die Versöhnung, Freiburg: Verlag Herder, 2025, 192 Seiten, Klappenbroschur, EUR 18,–

Die Rezensentin ist freie Journalistin und Buchautorin.

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