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Meine Zeit im Chor der Domsingknaben

Nicht nur ein Zugang zu Musik und Kultur, sondern auch ein Weg zum Glauben an Jesus Christus.
Pueri Cantores Treffen in Rom
Foto: IMAGO/IPA/ABACA (www.imago-images.de) | Musik führt in die Weite. Im Bild die Audienz bei Papst Franziskus anlässlich des Treffens von Pueri cantores in Rom.

„Wer singt, betet doppelt“, soll der heilige Augustinus gesagt haben. Das durfte ich in meinem Leben in besonderer Weise erfahren. Denn vor 15 Jahren wurde ich in die Gemeinschaft der Essener Domsingknaben aufgenommen. Eine Zeit begann, die mich für ein Leben prägen sollte, und nun zu Ende geht.

So wuchs ich in die große Gemeinschaft des Chores hinein, erhielt eine profunde musikalische Ausbildung und übernahm zunehmend Verantwortungen für die jüngeren Mitsänger im Umfeld der regelmäßigen Proben, Gottesdiensten und auf den Konzertfahrten.

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Oftmals muss man Unlust und Faulheit – auch mit Hilfe der Eltern – überwinden. Denn Fleiß und Disziplin sind gefragt, habe ich doch mit neun Jahren beim ersten Kapitelsamt versprochen, dass ich meinen Dienst bei den Domsingknaben stets „pünktlich, sorgfältig und ehrfürchtig, zum Lobe Gottes und zur Freude der Gemeinde“ verrichten werde.

Gesang als Verkündigung

Reisen führten mich schon nach Rom, New York, Washington, Graz, Wien, Barcelona, Lecco und die meisten deutschen Domstädte. Den besonderen Charme macht dabei das gemeinsame Singen aus, gehört dieses doch zu den einzigartigen, gottgeschenkten Ausdrucksformen des Menschen.

Überhaupt ist diese wundervolle Melange aus dem gemeinsamen Erarbeiten und Aufführen hochwertiger, anspruchsvoller Musik und dem Erleben von Gemeinschaft prägend für ein ganzes Leben. Das gemeinsame Erreichen kultureller Höchstleistungen in Gemeinschaft stiftet Identität und schafft ausgeglichene, zufriedene Persönlichkeiten – eine Substanz, von der man sein Leben lang zehren darf.

Der wichtigste Auftrag ist und bleibt aber die Verkündigung christlichen Glaubens durch den Gesang. So ist der Chor Träger der Domliturgie und daher auch geistliche Gemeinschaft. Und das in Verbindung mit tausenden anderen Kindern und Jugendlichen in den katholischen Chören Deutschlands und der Welt, die sich in der Gemeinschaft der „Pueri Cantores“ versammeln.

Pueri Cantores

Im Rahmen von Festivals treffen sie sich regelmäßig. In sehr besonderer Weise wird mir das letzte „Pueri Cantores“-Treffen in Rom in der Seele eingebrannt bleiben. Hier haben wir Domsingknaben an Stelle der Cappella Sistina, dem päpstlichen Knabenchor, in der Papstmesse am Neujahrstag mitsamt Fernsehübertragung allein gesungen. Bei dieser Romreise habe ich in wenigen Tagen und Nächten zwischenmenschlich und spirituell bereits so viel erlebt, wie wohl im ganzen Rest des Jahres nicht mehr.

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Für mich waren die Domsingknaben aber nicht bloß Zugang zu Musik und Kultur, sondern auch der Weg zum Glauben an Jesus Christus. Die regelmäßige Mitgestaltung der Liturgie, die Beschäftigung mit den gesungenen Texten und der besondere Zugang, den die Musik zu ihnen gibt, aber vor allem der gelebte Glaube in der Gemeinschaft ließen mich zur Kirche finden.

Wenn (geistliches) Miteinander auf diese Weise geschieht und Gott sich weiterhin aus dem Munde der Kinder Lob verschafft (Ps 8, 3), so dass seine Güte und Schönheit, seine Herrlichkeit und Heiligkeit in Gemeinschaft und Musik erfahrbar und sichtbar werden, wird die Kirche leben!

Trostbringende Lieder

Denn zur Freude der Gemeinde und zum Lob Gottes gemeinsam singen zu können, bedeutet immer wieder pures Glück. Etwa beim Singen von Josef Gabriel Rheinbergers „Abendlied“, in dem der 15-Jährige den Emmaustext „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ (Lk 24, 29) vertonte. Der trostbringende Bibelvers wird a cappella gesungen; alle Stimmen liegen sehr nah beieinander; der Anspruch an Intonation und Homogenität des Chorklanges ist hoch. Mit einer Melodik im flehentlichen Gestus wird Gott um Schutz und Sorgenfreiheit für die Nacht angerufen. Und mehr noch: Nachdem die Emmausjünger den Herrn erst nicht erkennen, geht ihnen ein Licht auf. Sie bitten ihn nun zu bleiben. Und tatsächlich: Christus ist das Licht der Welt, das auch mir aufgegangen ist.

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Emiel Kowol Glaube Jesus Christus Päpste

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Andrea Püllen

Kirche