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Ein Besuch im Heiligen Land ist wie ein fünftes Evangelium

Die Heiligen Orte zu besuchen, ist eine denkwürdige Erfahrung. Die Erinnerung stärkt die Hoffnung auf Frieden.
Blick auf die Grabeskirche in Jerusalem
Foto: IMAGO/Christian Offenberg (www.imago-images.de)

Es ist etwas mehr als ein Jahr her, dass ich die einzigartige Gelegenheit hatte, das Heilige Land zu besuchen: eine ganze Woche Jerusalem. Dies war umso erstaunlicher, da meine Taufe zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ein Jahr zurücklag, ich sozusagen noch „ganz frisch“ im Glauben war. Im Rückblick war es sicherlich eine Gnade, die Heilige Stadt besuchen zu dürfen, zumal dies damals noch problemlos möglich war.

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Es war in vielen Teilen surreal, diese Reise zu unternehmen, die für mich in Tel-Aviv begann, wo ich Jaffa besuchte. Der Weg führte mich hier zunächst ausgerechnet in eine katholische Barockkirche, die über der Mittelmeerküste vor der Skyline Tel-Avivs thront und mir einen ersten Vorgeschmack auf das gab, was vor mir lag. Der Kontrast zwischen Tel-Aviv als moderner Metropole und Jerusalem konnte jedoch kaum größer sein.

Die Grabeskirche

Der folgende Besuch der Jerusalemer Altstadt war für mich eine Wucht, die ich kaum erwartet hätte. Der Weg führte mich durch die engen, mit Räucherwerk und Gewürzen geschwängerten Gassen an einem viel zu heißen Tagen zu meinem ersten und wichtigsten Ziel: der Grabeskirche. Wegen des orthodoxen Osterfestes war die Kirche maßlos überfüllt und ließ keine besinnliche Stimmung in mir aufkommen, auch wenn ich zumindest einige Blicke auf das Grab Christi erhaschen konnte.

Die von mir geplante Teilnahme an der Heiligen Messe kam dort ebenso wenig zustande, zumindest an diesem Tag. Dieser erste Besuch war zugegebener Weise eine Enttäuschung. Ich kehrte in das Hotel bei Abu Gosch, wo das berühmte Emmaus vermutet wird, zurück.

Geduld lohnt sich

Doch Gott belohnte meine Beharrlichkeit, kam ich doch am folgenden Morgen in aller Früh in die Altstadt Jerusalems zurück. Ich eilte durch die leeren Gassen und hatte Glück: Die Kirche war nahezu menschenleer, ich konnte einen Moment an der Grabplatte unseres Herrn verweilen und dann an einer denkwürdigen Messe der Franziskaner vor dem Grab teilnehmen. Der lateinische Choral der Mönche und die Liturgie wurden für eine japanische Pilgergruppe ausgerichtet, sodass die Liturgie mit den Lesungen eine exotische Mischung war.

Den Glauben im Alltag leben

Die Bedeutung dieses Besuches wurde mir erst einige Zeit später bewusst: Ich hatte tatsächlich den Leib Christi vor dem Ort empfangen, an dem der Sohn Gottes von den Toten auferstanden ist! Viele Male ging ich in den nächsten Tagen den Kreuzweg und betete. Ich besuchte den Garten Getsemane, den Ölberg und den Saal des letzten Abendmahls. Stärkende Momente konnte ich bei Kaffee im österreichischen Hospiz der Heiligen Familie genießen, einem Ort der Ruhe im lauten Trubel des muslimischen Viertels.

Präsenz im Heiligen Land

Das Hospiz, aber auch die stete Präsenz der Kustodie des Heiligen Landes, gaben mir Vertrautheit an einem völlig fremden Ort, der mir in verschärfter Weise meine eigene Identität als Europäer und lateinischer Christ vor Augen führte. In der Menge von Muslimen, Juden und orthodoxen wie orientalischen Christen, mit denen mich doch zumindest die gemeinsame Pilgererfahrung in der Heiligen Stadt verband, waren das rote Jerusalemkreuz, der Habit eines Franziskaners oder das Kollar eines Priesters ein Trost, der mich aus der Fremde emporhob. Dennoch will ich nicht leugnen, dass diese Fremde die Pilgererfahrung auch enorm bereicherte, erlaubte sie doch gerade, dass die Beziehung zu Gott aus dem manchmal zu Alltäglichen herausgestellt werden konnte.

Denkwürdige Erfahrung

Insgesamt war es eine äußerst denkwürdige Erfahrung, die mich in meinem Glauben bestärkt hat und an die ich mich mit Freude und ein wenig Wehmut zurückerinnere, besonders nun nach Ostern. Dem heiligen Hieronymus und vor kurzem auch Papst Franziskus ist in jedem Falle zuzustimmen, dass das Heilige Land das fünfte Evangelium bleibt. Man kann nur hoffen, dass bald wieder Frieden einkehrt und diese Erfahrung wieder zu machen ist.

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Jonathan Maximilian von Hoegen Evangelium Grabeskirche in Jerusalem Heilige Messe Jesus Christus Muslime Papst Franziskus

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