Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Junge Federn

Wer Ohren hat, der höre

Auch bei nicht explizit christlicher Musik lohnt es sich, aufmerksam zu sein. Eine spannende Entdeckung: Der texanische Singer- Songwriter Townes Van Zandt.
Townes van Zandt
Foto: Imago | Die Songs von Townes van Zandt können aufmerksam machen auf die Verlierer des Lebens. Sie können den Blick für die Not des Nächsten schärfen.

Schon länger beschäftigt mich die Frage, ob man als gläubiger Christ etwas aus nicht explizit christlicher Musik mitnehmen kann. Schließlich hat das kreative Schaffen des Menschen grundsätzlich etwas vom schöpferischen Willen des göttlichen Logos an sich. Kann sich also hinter „weltlichen“ Texten doch ein wenig mehr Tiefe verbergen, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden?

Lesen Sie auch:

Ich machte mich also daran, meine kleine Musiksammlung durchzusehen. Schnell bestätigte sich meine Vermutung: Eindeutig christliche Musik ist in diesen CD-Regalen ein rares Gut. Mal singt eine Bluegrass-Band über eine „Reunion in Heaven“, mal ein Folk-Sänger ein Lied mit biblischem Thema. Mehr auch nicht. Gegen Ende der alphabetisch sortierten Sammlung kommt dann doch unerwartet Spannung auf: Townes Van Zandt. Vielleicht der Inbegriff des tragischen Künstlers; der Mann, der sagte, dass er nicht nur traurige Songs hat, sondern auch völlig hoffnungslose. Seine Texte sind oft direkt und ungeschönt. Sie entspringen einem rastlosen Leben, das mehr Tiefen als Höhen kannte. Van Zandt, der 1997 im Alter von 52 Jahren verstarb, war ein „Songwriter für Songwriter“. Kommerziell erfolgreich war er nie, aber dafür sehr einflussreich. Seine großen Hits haben andere gesungen. Zu Fans seiner Musik gehören unter anderem Stars wie Bob Dylan, Emmylou Harris oder Willie Nelson. Die Musikerin Nanci Griffith bezeichnete Van Zandt als wahren Poeten und „größten Folk-Songwriter, den Texas jemals hervorgebracht hat“.

Man muss an Elija denken

Hoffnungslose Musik – ist das mit dem Christsein kompatibel? Ich beschäftigte mich also wieder etwas mit der Musik von Townes Van Zandt und wurde überrascht. In Liedern wie „Rake“ oder „Nothin’“ besingt der Texaner ausweglose Lebenslagen. „Waitin’ around to Die“ und „Tecumseh Valley“ beschreiben Abwärtsspiralen des menschlichen Lebens. Dabei haben ehrliche Klage und Verzweiflung durchaus etwas Biblisches an sich. „Warum, Herr, verstößt du mich, verbirgst vor mir dein Angesicht? Elend bin ich, ein Sterbender von Jugend an, ich trage deine Schrecken und erstarre.“, heißt es im Psalm 88. „Ich bin erschöpft vom Seufzen, jede Nacht benetze ich weinend mein Bett, ich überschwemme mein Lager mit Tränen.“, liest man im sechsten Psalm. Klagen sind zahlreich in der Bibel; mehr als nur ein Prophet wünschte sich den Tod. Die ehrliche Verzweiflung, die sich bei Van Zandt oft findet, ist zuerst eine grundlegende menschliche Erfahrung. Die Schilderungen der Songs können aufmerksam machen auf die Verlierer des Lebens. Sie können den Blick für die Not des Nächsten schärfen.

Ich gehe voran, weg von den Klageliedern des Songschreibers. „I’ll be here in the Morning“ hält eine überraschende Mahnung für mich bereit: „Your softest whisper’s louder than the highways call to me“, heißt es in der zweiten Strophe. Ich muss an Elija denken, dem sich Gott nicht in Feuer und Sturm, sondern in einem sanften Säuseln offenbart (vgl. Kön 1,19,12). Wie oft hören wir gerade nicht auf die leise Stimme Gottes? Wie oft wird sie von allem anderen übertönt?

Ich komme zu „Pancho and Lefty“, dem vielleicht bekanntesten Song von Townes Van Zandt. Es ist ein Lied über zwei Banditen; eine Geschichte von Verrat, wie sie typischer nicht sein könnte. Lefty liefert seinen Gefährten aus, bekommt seine 30 Silberlinge und wird von Schuld geplagt. Van Zandt wendet am Schluss überraschend die Sichtweise auf den Verräter: „Pancho needs your prayers, it’s true. But save a few for Lefty, too.“ Was klingt da an? Mitgefühl, Barmherzigkeit, Vergebung? Vielleicht auch der Wunsch nach Erlösung. Offenbar kann auch etwas Christliches dort sein, wo man es nicht vermutet. Wie Jesus nicht müde wurde zu sagen: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Der Autor hat Altertumswissenschaften studiert und betreibt mit seiner Frau einen Online-Shop.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Max Maletzki Bibel Psalmen Willie Nelson

Weitere Artikel

Die Psalmen können dabei helfen, Gott nicht zu vergessen. Die Lektüre-Tipps für diejenigen, die fließend „biblisch“ sprechen können.
03.02.2026, 07 Uhr
Max Maletzki

Kirche

Vor 70.000 Menschen im Bernabéu-Stadion ruft Leo XIV. dazu auf, dorthin zu gelangen, „wo die neuen Narrative und Paradigmen entstehen“.
09.06.2026, 06 Uhr
José García
Dort, wo das Gnadenbild des Barmherzigen Jesus entstand, feiern Tausende in dieser Woche wieder Gottes bedingungslose Liebe. Erzbischof Gänswein und Erzbischof Koch sind dabei.
08.06.2026, 18 Uhr
Meldung
Im spanischen Parlament nennt Leo XIV. den Frieden eine „moralische Notwendigkeit“. Die Bischöfe erinnert er daran, dass die Stärke der Kirche in der Heiligkeit ihrer Kinder liege.
08.06.2026, 13 Uhr
José García
Leo XIV. empfing eine rund 100-köpfige Delegation des Cartellverbandes (CV) zur Audienz. Dabei rief der Papst zum „christlichen Humanismus“ auf.
07.06.2026, 14 Uhr
Sebastian Zellner