IM BLICKPUNKT

Vorbilder fehlen, nicht Ämter

Vor 80 Jahren wurde die heilige Edith Stein ermordet. Eine Relecture ihrer Schriften über die Berufung der Frau könnte dazu beitragen, die innerkirchliche Diskussion um die Rolle der Frauen zu entgiften.
Edith Stein Kirchenfenster
| Edith Stein kann ein Vorbild für Frauen im Glauben auch in unserer Zeit sein.

Die Gedanken und Texte der heiligen Edith Stein sind es wert, neu gelesen zu werden. Im Hinblick auf die Debatten des Synodalen Wegs leisten sie dank ihrer Klarheit und Authentizität Hilfestellung: Trotz ihrer überragenden Begabung ist Edith Stein nie der akademischen Versuchung erlegen, den Glauben zu zerreden, sondern sie hat ihn gelebt. Im Hinblick auf die geradezu törichte Vertrauensseligkeit, die einige Katholiken neuen Thesen der Humanwissenschaften entgegenbringen, leistet die Pädagogin Edith Stein ein unverzichtbares Korrektiv zu falschen Hoffnungen und Selbsttäuschungen der Genderbewegung. Als Jüdin erlebte sie die politische Manipulationsanfälligkeit der Humanwissenschaften in der NS-Zeit; als Philosophin und Lehrerin standen ihr die Grenzen des Wissenschaftsbetriebs schon vor dem Eindringen des der nationalsozialistischen Irrlehren in das deutsche Bildungswesen klar vor Augen.

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Machtkampf um Ämter

Vor allem für katholische Frauen ist die Heilige, deren Todestag sich am 9. August zum 80. Mal jährt, ein Leitstern. Als politisch wache Zeitgenossin interessierte sich Edith Stein für die Anfang des 20. Jahrhunderts erstarkende Frauenbewegung. Den Kampf um Gleichberechtigung unterstützte sie, ohne einer unreflektierten Gleichmacherei von Männern und Frauen oder einem Machtkampf um Ämter in der Kirche das Wort zu reden. Edith Steins Perspektive auf die Eigenart und Berufung der Frau bieten einen großen Reichtum, der zumindest in Deutschland bisher für die synodalen Debatten nicht erschlossen worden ist.

Die unzeitgemäße Antwort der Heiligen an die Frauen besteht in der Entdeckung der Mütterlichkeit   und zwar nicht allein in Bezug auf biologische Nachkommen, sondern auch im Sinne einer geistiger Mutterschaft. Das Ideal der Nachfolge Christi ist für Edith Stein ein marianisches: Die Immakulata, die Christus auf seinem Kreuzweg folgt und die Treue hält. Als Gefährtin   nicht als Konkurrentin   des Mannes und als Mutter erfüllt die Frau ihre Berufung. Beide Gedanken könnten, wenn sie in den Synodaldebatten einfließen würden, das ideologisch aufgeladene Klima entgiften.  

Fehlentscheidung

Edith Steins tragisches Schicksal setzt auch ein Fragezeichen hinter die Vorstellung, man könne mehr Frauen in Leitungsämter propagieren ohne das Versagen von Frauen in kirchlichen Führungsämtern zu thematisieren. Die Entscheidung der Oberin des Kölner Karmel, Edith Stein und ihre Schwester Rosa nach Holland zu schicken, sollte sich als fataler Fehler herausstellen. In Echt fielen beide den Nazis in die Hände. Edith Stein selbst hatte gehofft, in einen Karmel nach Palästina übersiedeln zu können.

Trotz aller Unzulänglichkeiten der Kirche ihrer Zeit strahlt Edith Steins Glaube etwas aus, das den Debatten in Krirchenkreisen heute weitgehend fehlt: ein Urvertrauen in den Schöpfer und auch die Kirche   die "selige Sicherheit des Kindes, das sich getragen weiß von einem starken Arm".

Anmaßung in Reformdebatten

Die Hektik und Anmaßung der Reformdebatten heute wäre ihr vermutlich fremd. Doch gerade ihre populärwissenschaftlichen Schriften hätten es verdient, in den Diskussionen des Synodalen Prozesses mit bedacht zu werden. Sie könnten die Fixierung auf die Amtsfrage aufbrechen und die Gottesfrage neu in den Fokus rücken. Edith Stein selbst hat nie ein Leitungsamt bekleidet: Sie war weder Schulleiterin noch Priorin oder Novizenmeisterin. Das hat ihrer Berufung und Sendung für die Kirche keinen Abbruch getan: Generationen von Frauen haben ihre Schriften gelesen und sie als Vorbild im Glauben entdeckt. Vorbilder fehlen den Frauen offensichtlich mehr als Ämter.

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