An der ägyptischen Mittelmeerküste, etwa 70 Kilometer westlich des Gazastreifens, liegt der Badeort Al-Arisch. Der Ort, an dem mittelalterliche Pilger das biblische Sukkot, den ersten Lagerplatz des Volkes Israel nach dem Auszug aus Ägypten, vermuteten, wurde über dem antiken Rhinokorura erbaut, das im 4. Jahrhundert vor Christus im Grenzland zwischen Ägypten und Palästina entstand. Rhinokorura wurde in frühchristlicher Zeit Bischofssitz. In der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts amtierte hier der heilige Melas, dessen Gedenktag das „Martyrologium Romanum“ am 16. Januar verzeichnet.
Seit 364 war im Oströmischen Reich, zu dem Ägypten gehörte, Kaiser Valens an der Macht. In den Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der 40 Jahre zuvor auf dem Konzil von Nizäa getroffenen Beschlüsse und ihren Gegnern, die der arianischen Lehre anhingen, schlug Valens sich auf die Seite der Arianer, was den Protest großer Theologen wie der Kirchenväter Athanasius und Basilius nach sich zog. Melas war ebenfalls ein treuer Anhänger der Konzilslehre. Um seine Macht zu behaupten, ließ Valens viele Bischöfe, die sich der arianischen Lehre nicht anschließen wollten, ins Exil senden; auch Melas musste Rhinokorura verlassen. Über seine Vertreibung gibt es einen zeitgenössischen Bericht aus der Feder von Sozomenos, eines aus Gaza stammenden Historikers, der eine neunbändige Kirchengeschichte verfasst hat.
Fortschritte in Gottes- und Nächstenliebe
„Rhinokorura war damals berühmt“, schreibt Sozomenos im letzten Band, „wegen seiner heiligen Männer, die nicht von auswärts kamen, sondern Einheimische waren. Die bedeutendsten Philosophen unter ihnen waren, wie mir zugetragen wurde, Melas, der die Kirche des Landes verwaltete; Dionysius, Abt eines Klosters im Norden der Stadt; und Solon, Melas’ Bruder und Nachfolger im Bischofsamt. Als das Dekret zur Verbannung aller Priester, die die arianische Lehre ablehnten, erschien, fanden – so heißt es – die mit der Festnahme von Melas beauftragten Beamten ihn wie einen einfachen Diener vor, der gerade die Lampen der Kirche herrichtete, mit ölbefleckter Schürze über dem Gewand und Dochten in der Hand. Als sie ihn nach dem Bischof fragten, antwortete er, dass er drinnen sei und er sie zu ihm führen würde. Da sie von der Reise müde waren, brachte er sie in die bischöfliche Wohnung, ließ sie am Tisch Platz nehmen und gab ihnen zu essen, was im Hause war. Nach der Mahlzeit brachte er ihnen Wasser, um sich die Hände zu waschen. Er bediente die Gäste und erzählte ihnen dann, wer er war. Erstaunt über sein Verhalten, bekannten sie, in welcher Mission sie gekommen waren, ließen ihm aber aus Achtung die volle Freiheit, hinzugehen, wohin er wolle. Er antwortete, dass er sich nicht den Leiden entziehen würde, denen die anderen Bischöfe, die seine Meinung teilten, ausgesetzt waren und dass er bereit sei, ins Exil zu gehen. Er hatte von Jugend an philosophiert und sich in allen monastischen Tugenden geübt.“
So begab sich Melas als Zeugnis seiner Treue zu dem nizänischen Glauben freiwillig ins Exil. Ob er später, nachdem Kaiser Valens im Jahr 378 in der Schlacht von Adrianopel gefallen war, nach Rhinokorura zurückgekehrt ist, ist nicht bekannt. Sozomenos erwähnt nur noch seinen Bruder und Nachfolger Solon, der „den Handel aufgab, um Mönch zu werden, was sehr zu seinem Guten gereichte, denn unter der Anleitung seines Bruders und weiterer Asketen machte er rasch Fortschritte in der Gottes- und Nächstenliebe. So stand die Kirche von Rhinokorura von Anfang an unter der Leitung vorbildlicher Bischöfe, wich später nie von ihren Grundsätzen ab und brachte gute Männer hervor. Der Klerus dieser Kirche wohnt zusammen in einem Haus, alle essen am selben Tisch und besitzen alles gemeinsam.“ Bis heute ist Rhinokorura Titularbistum, der Sitz ist allerdings seit 1967 vakant. Melas wurde im 14. Jahrhundert in den Heiligenkatalog des venezianischen Hagiographen Petrus de Natalibus und später in das „Martyrologium Romanum“ aufgenommen.
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