Im Jahr 1964 ließ der Dorfälteste von Vohipeno im Südosten der Insel Madagaskar einen Priester rufen und bat ihn um die Taufe. Der Mann, der im Sterben lag, erzählte dem Lazaristen-Missionar, der herbeigeeilt war, seine Geschichte: Fünfzehn Jahre zuvor, zur Zeit der Kämpfe um die Befreiung Madagaskars von der französischen Kolonialmacht, hatte er einen einheimischen katholischen Lehrer zum Tode verurteilt, weil dieser sich geweigert hatte, sich den Rebellen anzuschließen. Vor seiner Hinrichtung habe der Lehrer ihm prophezeit, dass auch er selbst als Christ sterben werde. Nachdem der Lazarist ihn getauft hatte, schloss der Dorfälteste friedlich für immer die Augen. Der Lehrer hieß Lucien Botovasoa; er wurde am 15. April 2018 im Auftrag von Papst Franziskus seliggesprochen.
Lucien Botovasoa wurde 1908 in Vohipeno, einem Dorf, das vom Reis- und Kaffeeanbau lebt, als erstes von neun Geschwistern geboren. Er wurde zu Ostern 1922, mit vierzehn Jahren, getauft und empfing einen Tag später die Erstkommunion und die Firmung. Bei Jesuiten erwarb er das Lehrerdiplom und unterrichtete ab Oktober 1928 in der Pfarrschule von Vohipeno. 1930 heiratete er Suzanne Soazana; das Paar bekam acht Kinder. Auf die Frage, warum er nicht Priester geworden sei, antwortete er, dass er den Menschen, von denen viele keine Christen waren, nicht fremd erscheinen wolle. Im Drittorden der Franziskaner entdeckte er schließlich eine Lebensform, in der er als verheirateter Laie ein religiöses Leben führen konnte, und überzeugte weitere Pfarrmitglieder, sich diesem Lebensideal anzuschließen.
Der größte Schatz: ein einfaches Leben
Am 8. Dezember 1944 wurde Lucien eingekleidet und trug von nun an immer ein khakifarbenes Hemd und eine ebensolche Hose, gegürtet mit dem Strick der Franziskaner. Außerdem widmete er viel Zeit dem Gebet und fastete regelmäßig. Seiner Frau Suzanne war sein Eifer unheimlich. Sie hatte Angst, dass er sie verlassen würde, um sich einem Orden anzuschließen, aber er konnte sie beruhigen: Er würde dies niemals tun. Ihren Bitten, eine besser bezahlte Arbeit anzunehmen, gab er jedoch nicht nach, sondern sagte, dass das einfache Leben, das sie führten, der größte Schatz sei. Als er einen Sack voll Geld fand und ihn dem Eigentümer zurückbrachte, verzichtete er sogar auf den Finderlohn.
Lucien liebte Musik, spielte Trompete und begleitete die Gottesdienste auf dem Harmonium. Neben Madagassisch und Französisch sprach er weitere europäische Sprachen und etwas Chinesisch und konnte die klassischen Texte der madagassischen Tradition lesen, die auf Arabisch verfasst waren.
1947 begannen Unruhen, die Insel zu erschüttern, als die Unabhängigkeitsbewegung, die Madagaskar von der französischen Kolonialmacht befreien wollte, immer stärker wurde. Auch Lucien wurde aufgefordert, sich den Rebellen anzuschließen. Er lehnte es ab mit den Worten: „Politik ist mir völlig fremd. Ihr wisst, dass ich religiöse Fragen liebe und dass diese meine ganze Zeit in Anspruch nehmen.“
Sterben, aber als getaufter Christ
Am Wochenende des 30. März, dem Palmsonntag 1947, griffen die Rebellen ein Militärlager und verschiedene madagassische Städte an; der Aufstand gegen die französische Kolonialmacht begann. Lucien floh zunächst mit seiner Familie in einen Wald außerhalb des Dorfes, kehrte aber am Mittwoch darauf zurück, als er hörte, dass es in Vohipeno ein Massaker gegeben habe. Tatsächlich lag die Mission verlassen da, die Kirche war aufgebrochen. Am Sonntag nach Ostern versammelte er die verbliebenen Christen – Katholiken und Protestanten – in der Schule, wo sie gemeinsam einen Wortgottesdienst feierten.
Am 15. April wurde Lucien zum Dorfältesten zitiert und erneut aufgefordert, sich den Rebellen anzuschließen. Lucien antwortete: „Ihr mordet, brennt Kirchen nieder, hindert die Menschen am Gebet, lasst sie das Kreuz mit Füßen treten und wollt die Kirche in einen Ballsaal verwandeln. Ich weiß, dass ihr mich töten werdet, und ich entziehe mich nicht.“ Bevor er abgeführt wurde, fügte er hinzu: „Bevor du stirbst, wirst auch du getauft werden; du wirst als Christ sterben.“ In der Nacht vom 16. auf den 17. April wurde Lucien Botovasoa enthauptet. Seine Prophezeiung bewahrheitete sich fünfzehn Jahre später.
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