Franz von Sales

„Der Geist Philipp Neris hat mich tief geprägt“

Der Kirchenlehrer Franz von Sales (1567–1622) war Bischof von Genf und reformierte die Kirche, indem er die Menschen zum Gebet hinführte und geistliche Schriften verfasste.
Franz von Sales, Patron der Schriftsteller und Journalisten
Foto: Agenzia Romano Siciliani (KNA) | Franz von Sales setzte sich wortgewaltig für das Evangelium ein und wird als Patron der Schriftsteller und Journalisten verehrt.

Verehrter Herr Bischof, Sie haben als Seelsorger in äußerst bewegten Zeiten gewirkt, als viele Menschen an der katholischen Kirche zweifelten und sich von ihr abwandten. Wie sind Sie zu Ihrer Berufung gekommen?

Die Stürme der Reformationszeit haben mein Leben vielfältig geprägt. In meiner Heimat Savoyen, wo ich 1567 geboren wurde, und in Paris, wohin ich 1578 zu Schule und Studium zog, hatte der Calvinismus einen tiefen Eindruck hinterlassen. Auch ich konnte mich dem nicht entziehen, und Calvins Lehre von der doppelten Prädestination – dass manche Menschen durch Gottes Gnade zum ewigen Heil bestimmt seien, andere aber durch seinen absoluten Ratschluss zur ewigen Verdammnis – hat mich als junger Mann beinahe zur Verzweiflung gebracht. Dank der Fürsprache Mariens hatte ich jedoch eine lebendige Erfahrung der Liebe Gottes, und so konnte ich mich ihm ganz hingeben.

Als Priester waren Sie vor allem im Chablais tätig, einem abgelegenen Berggebiet in Savoyen, wo der calvinistische Glaube sehr verbreitet war. Da Ihnen die Predigt verboten war, nutzten Sie die Möglichkeiten des Buchdrucks und brachten viele Menschen durch Flugblätter zum katholischen Glauben zurück. Daher sind Sie der Schutzpatron der Journalisten und Schriftsteller.

Es war ein anstrengendes Apostolat und nicht ohne Gefahren, aber, wie ich einmal an Mutter von Chantal geschrieben habe: „Ich bin [Gott] in seiner ganzen Güte und Milde selbst inmitten unserer höchsten und rauesten Berge begegnet, wo viele einfache Seelen ihn in aller Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit lieben und anbeten“.

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Papst Clemens VIII. schätzte Ihr Wirken sehr und ernannte Sie zum Fürstbischof von Genf.

Der Titel klingt sehr bedeutend, und Genf ist eine ehrwürdige Diözese mit Wurzeln im antiken Christentum, aber als ich mein Amt 1602 antrat, konnte ich die Stadt nicht einmal betreten. Genf war das „calvinistische Rom“! Diese widrigen Umstände hatten auch ihr Gutes, denn so musste ich mich auf die wesentlichen Aufgaben eines Bischofs konzentrieren: Pfarreien besuchen, den Glauben predigen, soliden Religionsunterricht organisieren – und vor allem Seelen zu Gott führen.

Waren diese Aufgaben schwieriger in Ihrer Epoche als zu anderen Zeiten in der langen Geschichte der Kirche?

Es gibt sicher Zeiten, die schwieriger sind als andere, und was wir um Zuge der protestantischen Reformation erlebt haben, hat die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Sicher gab es um 1500 – wie zu jeder Zeit – Probleme und „Baustellen“, wie Sie heute sagen, aber es gab auch viel Gutes und Gesundes in der spätmittelalterlichen Kirche, nicht zuletzt Erneuerungsbewegungen, die aus tiefer persönlicher Frömmigkeit gespeist wurden. Von der Notwendigkeit echter Reformen hat fast jeder gesprochen. Aber dann kam Martin Luther mit seiner revolutionären Lehre, in der er neu bestimmte, was „Rechtfertigung“ und was „Glauben“ heißt, und das hat eine Dynamik entfaltet, die auch er nicht vorhersehen konnte.

Mit Luther kam eine radikale Wendung zum Subjektivismus, wodurch die moderne Welt tief geprägt worden ist. Wie kann die katholische Kirche darauf antworten?

Es gibt sicher verschiedene Antworten auf diese ungeheure Herausforderung, aber meine Antwort ist es gewesen, den Getauften die Berufung zur Heiligkeit in Erinnerung zu rufen und sie auf diesem Weg zu Gott zu führen. Hier bin ich selbst in die Schule des heiligen Philipp Neri gegangen, dem ich so viel verdanke. Meine eigene Berufung wurde bestärkt, als ich 1593 die Maximen Philipps (die damals schon handschriftlich verbreitet wurden) las.

Sie haben ja auch eine oratorianische Kongregation nach dem Vorbild Philipp Neris gegründet?

Bei meinen Besuchen in Rom lernte ich Weggefährten Philipp Neris kennen und blieb mit ihnen verbunden. Das Zusammenleben der Priester ohne Ordensgelübde und ihre Hingabe an die Seelsorge wollte ich in meiner savoyardischen Heimat einführen. Auf mein Bitten hat der Papst 1599 das Oratorium von Thonon errichtet. Da ich kurz darauf Bischof von Genf wurde, musste ich die oratorianische Lebensform zwar aufgeben, aber innerlich hat mich der Geist Philipp Neris tief geprägt.

Noch heute werden Sie als geistlicher Lehrer hochgeschätzt, und unter ihren vielen Werken ragt die Anleitung zum frommen Leben heraus, die im deutschen Sprachraum als Philothea bekannt ist. Darin zeigen Sie den Weg zur Heiligkeit für alle Christgläubigen auf – ein Anliegen, das dem Zweiten Vatikanischen Konzil besonders wichtig war.

Diese Einsicht ist keineswegs neu und fest im Evangelium verwurzelt, wurde aber zu meiner Zeit sehr aktuell. Im Mittelalter waren sowohl das private als auch das öffentliche Leben der Menschen weitgehend vom christlichen Glauben geprägt, auch wenn das natürlich nicht immer sehr tief ging und vieles im Argen war. Mit der Renaissance und der Reformation lösten sich viele Lebensbereiche von der Religion, etwa Politik, Wirtschaft und Künste. Viele Menschen fragten sich, wie sie ihren christlichen Glauben in einer solchen Welt vollkommen leben können.

In Ihren Schriften zeigen Sie auf, wie das gelingen kann, auch wenn jemand keine Berufung zum geweihten Leben verspürt.

„Gott ist der Gott des menschlichen Herzens.“ Das geistliche Leben, das heißt die Reinigung und Erleuchtung der Seele, die zur Einigung mit Gott führt, ist nicht nur für religiöse „Spezialisten“, sondern alle Getauften sind dazu berufen. Heute suchen vielen Menschen in fernöstlichen Religionen nach Spiritualität, vielleicht auch weil die katholische Kirche so sehr um sich selbst kreist, mit Strukturdebatten beschäftigt ist und so das Wesentliche vergisst.

Wie kann ich mich in dem hektischen Leben unserer komplizierten Welt Gott hingeben?

An erster Stelle steht das Gebet, das uns mit Gott verbunden hält. Das äußere Gebet darf man nicht geringschätzen, und wie Philipp Neri empfehle ich kurze Stoßgebete, wodurch wir uns auch im geschäftigen Alltag achtsam auf die Gegenwart Gottes werden. In meinen Schriften versuche ich dann, die Menschen zum inneren Gebet hinzuführen. Die Sakramente sind für geistlichen Weg unerlässlich und befähigen uns, christliche Tugenden zu leben.

Sie wurden vor allem für Ihre Sanftmut und Milde gerühmt.

Das ist mir nicht leicht gefallen, denn von Natur aus war ich recht cholerisch, und mein Gesicht wurde nicht selten rot vor Zorn. Aber mit Gottes Gnade habe ich diese Neigung überwunden. „Man darf in der Ausübung der Tugenden nicht gar zu kompliziert sein! Es genügt, aufrichtig und mit freiem Geist so gut voranzuschreiten, wie man es vermag“.

Was würden Sie der Kirche heute aus Ihrer Weisheit und Erfahrung raten?

Projekte und Programme könne keine echte Erneuerung der Kirche schaffen, sondern nur die persönliche Heiligung und die tätige Nachfolge Christi.

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