Benedikt XVI. und Augustinus

Augustinus, der Weggefährte

Der heilige Bischof von Hippo war ein Lehrmeister für Joseph Ratzinger, der ihn von den jungen Jahren bis in die Zeit als Papst begleitete.
SCENES FROM LIFE OF ST. AUGUSTINE OF HIPPO, 1490, Netherlandish, Northern Renaissance oil painting. Saint Augustine, a 5
Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Szenen aus dem Leben des Heiligen Augustinus, Bischof von Hippo.

Der Eifer, mit dem der kleine Junge sich dieser seltsamen Tätigkeit widmete, weckte seine Neugier, und er fragte ihn, was er dort täte. Als das Kind ihm erklärte, es wolle das ganze Meer in das Loch füllen, sagte der Heilige ihm sichtbar erstaunt, dass das unmöglich sei: Das Meer sei unendlich groß und das Loch, in das er das Wasser füllen wolle, viel zu klein. Daraufhin entgegnete ihm der Knabe ungerührt, bevor er vor seinen Augen verschwand: „Und wieso glaubst du dann, du könntest Gott, der unendlich ist, mit deinem Verstand, der so begrenzt ist, verstehen?“

Eine Legende verweist auf Unerschöpflichkeit des Geheimnisses Gottes

Diese Legende ist ein bildhafter Verweis auf die Unerschöpflichkeit des Geheimnisses Gottes, das immer über die Grenzen des menschlichen Verstandes hinausgeht. Gleichzeitig macht sie jedoch deutlich, dass ein Mensch trotz allem, wenn er seinen Intellekt darauf verwendet, zu einer – wenngleich nur bruchstückhaften – Erkenntnis Gottes gelangen kann. Als Anspielung auf diese Legende hat Joseph Ratzinger bereits in sein Wappen als Erzbischof von München und Freising eine Muschel gesetzt, die sich in noch prominenterer Position in seinem Papstwappen wiederfindet.

Dies allein würde schon genügen, um die enge Beziehung zum Ausdruck zu bringen, die Joseph Ratzinger mit dem Bischof von Hippo verbunden hat und deren erster Beleg seine 1951 vorgelegte Inauguraldissertation „Haus und Volk Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“ ist. In diesem Werk hört der junge bayerische Theologe dem Bischof von Hippo aufmerksam zu und folgt seinen Gedankengängen.

Zentrales Element der Kirche ist die Eucharistie

Für den jungen Augustinus, der ganz darauf bedacht ist, die Beziehung zum Göttlichen zu „erfahren“, ist das Haus Gottes vor allem die Innerlichkeit des Menschen. Die Auseinandersetzung mit den Donatisten macht Augustinus offen für ein anderes Verständnis, dem zufolge die Kirche, auch wenn sie aus Heiligen und Sündern besteht, ihre Gestalt vom Heiligen Geist empfängt. Es handelt sich also um eine Gemeinschaft, die man ohne Bezug auf das Heilswirken Gottes nicht verstehen kann: Ihr zentrales Element liegt in der eucharistischen Gemeinschaft, in der die Kirche, der mit seinem Haupt vereinte Leib Christi, gewissermaßen sich selbst empfängt.

Wenn Augustinus später, in der Polemik gegen die Heiden, von der Civitas Dei – der Ausdruck ist nicht allzu weit von populus Dei entfernt – schreibt, dann nimmt er nicht so sehr Bezug auf die geschichtliche Kirche, zu der, wie gesagt, Gute und Böse gehören, sondern auf die Gemeinschaft der Erlösten – sowohl jener, die noch in der Welt pilgern, als auch jener, die bereits in der Freude der communio sanctorum leben, die auch die heiligen Engel einschließt.

Ratzinger lernt von Augustinus den sakramentalen Blick

Die große Lektion, die Ratzinger von Augustinus lernt, ist eine ekklesiologische Sichtweise, die man als „sakramental“ bezeichnen könnte: Die geschichtliche Kirche, die von der Charitas – ein anderer Name, um über den Heiligen Geist zu sprechen – zusammengeschweißte Gemeinschaft der Gläubigen, ist das sichtbare Zeichen und die Voraussetzung für die Möglichkeit einer anderen wesentlichen Beziehung: der Beziehung zwischen Gott und der Menschheit, sowohl als Einzelne als auch als Gemeinschaft.

1968 veröffentlicht Joseph Ratzinger, damals Professor in Tübingen, in der „Theologischen Quartalschrift“ einen Artikel mit dem Titel „Die Bedeutung der Väter für die gegenwärtige Theologie“. Trotz des im Plural gehaltenen Titels ist in dem Artikel vor allem von einem „Vater“ die Rede: von Augustinus. Sein wertvolles Zeugnis eines echten und tiefen Verständnisses der Heiligen Schriften, die nur durch böswillige Manipulation in Gegensatz zur wahren kirchlichen Überlieferung gebracht werden können, wird darin deutlich gemacht.

Kanon, Regula Fidei, liturgisches Gebet und Verstand

Vier Punkte hebt er nachdrücklich hervor: Augustinus, der sehr auf die Überlieferung achtete, spielte eine wichtige Rolle bei der Herausbildung des Kanons, also der Unterscheidung zwischen dem, was zur Heiligen Schrift gehört und was nicht; außerdem hat er sich ausführlich mit der Regula Fidei befasst, also mit jenem in den Symbola zusammengefassten Komplex von Lehren, die sich als wichtige Elemente zur Definition der Grenzen des kirchlichen Glaubens erwiesen haben.

Als dritter Punkt wird hervorgehoben, dass Augustinus mit seinen knappen und harmonischen Formulierungen dazu beigetragen hat, dem liturgischen Gebet Form zu verleihen – in diesem Zusammenhang taucht im Hinblick auf die Eucharistie das ekklesiologische Thema der Dissertation wieder auf – und abschließend, dass das augustinische Prinzip, dem zufolge man sich des Verstandes bedienen muss, um den Glaubensinhalt zu verstehen, und des Glaubens, um dem Verstand einen soliden Ausgangspunkt zu bieten, eine unverzichtbare Errungenschaft für jede theologische Reflexion darstellt.

Ratzinger reflektiert über Augustinus‘ politische Theologie

1998, nunmehr als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, nimmt Kardinal Ratzinger an der Vorstellung einer Anthologie über Augustinus‘ Denken mit dem Titel „Il potere e la grazia“ [das Buch ist nicht auf Deutsch erschienen; Anm.d.Ü.] teil. Nach einer leidenschaftlichen Erklärung seiner Liebe zum Bischof von Hippo, von dem er sagt, er habe in ihm einen Zeitgenossen erkannt, entfaltet der Kardinal eine Reflexion über Augustinus‘ politische Theologie.

Ihr Schwerpunkt liegt in der Unterscheidung zwischen dem Geschichtlichen und dem, was über die Geschichte hinausgeht, zwischen weltlichen Institutionen wie dem Römischen Reich und einer Institution – natürlich die Kirche –, die zwar weltliche Auswirkungen hat, aber in dem verwurzelt ist, was über die Geschichte hinausgeht: in Gott, der die Welt liebt und rettet, und die auf diesen Gott hin ausgerichtet ist.

Drei Bekehrungen des Heiligen Augustinus

Die bis hierher aufgezeigte liebevolle Vertrautheit tritt sehr deutlich auch in den vielen Predigten und Katechesen zutage, die Benedikt XVI. dem Bischof von Hippo gewidmet hat. Am 22. April 2007, auf einem Besuch in Pavia, wo die Reliquien des heiligen Bischofs aufbewahrt werden, stellte der Papst den Wert der Bekehrung in den Mittelpunkt seiner Reflexion und hob dabei auf Augustinus‘ Weg gleich drei „Bekehrungen“ hervor:

Die erste führte ihn dahin, den Glauben der Kirche anzunehmen und um die Taufe zu bitten; die zweite brachte ihn dazu, die Beschaulichkeit des monastischen Lebens aus Studium und Gebet zu verlassen, um ein kirchliches Amt zu übernehmen; und die dritte ließ ihn erkennen, dass die Kirche, die von ihm so sehr geliebte Kirche, oft nicht imstande war, sein Denken zu verstehen und – schlimmer noch –, dass sie von der Sünde entstellt ist und stets der Barmherzigkeit Gottes bedarf.

 Fünf Mittwochsaudienzen über Augustinus 

Tritt in diesen Überlegungen, vielleicht unbewusst, ein autobiografisches Element zutage? Auf demselben Besuch, den der Papst selbst als „Pilgerfahrt“ bezeichnete, verwies er auf Augustinus als Vorbild für alle Menschen, die bemüht sind, durch gegenseitige Anregung Wissenschaft und Glauben zusammenwirken zu lassen, sowie als gutes Beispiel für das Engagement in der Kirche und für die Kirche.

Einige Monate später, im Januar und Februar 2008, widmete der Papst dem Bischof von Hippo, den er als den „größten Vater der lateinischen Kirche“ bezeichnete, gleich fünf Mittwochsaudienzen, in denen er die Hauptlinien im Lebenslauf des Heiligen aufzeigte und sein Denken erläuterte. Dabei ging es um das Thema der Beziehung zwischen Glauben und Vernunft, um den einzigartigen Einfluss seiner literarischen Werke im Laufe der Geschichte und erneut um das Thema der Bekehrung, beziehungsweise der drei bereits erwähnten „Bekehrungen“.

Benedikt XVI. lädt Jugend ein, Augustinus zu lesen

Aber auch bei anderen Gelegenheiten hat Papst Benedikt über Augustinus gesprochen: ein deutliches Zeichen für eine Liebe, die nie erloschen ist. Auf einer Gebetsvigil mit den Jugendlichen auf der Pferderennbahn Randwick in Sydney in Australien am 19. Juli 2008, im Rahmen des Weltjugendtages, hat Benedikt XVI. die Jugendlichen eingeladen, Augustinus‘ Schriften zu lesen, um ein besseres Verständnis vom Geheimnis Gottes und vor allem vom Heiligen Geist zu erlangen, den der Bischof von Hippo als das „Geschenk“ erkennt, das die Gemeinschaft in Gott, zwischen Gott und der Menschheit und letztlich unter den Menschen schafft und dauerhaft festigt.

Am 2. September 2009 sagte der Papst, nachdem ihm noch vor der Uraufführung ein in Italien produzierter Film über Augustinus gezeigt worden war, dass Augustinus historisch zwar sehr fern, aber dennoch stets allen Menschen sehr nahe sei, die nach der Wahrheit dürsten – nach jener Wahrheit, die Mensch geworden ist, um ihnen auf ihrem Weg zu begegnen. Und schließlich erklärte Benedikt XVI. am 25. August 2010 in Castel Gandolfo im Rahmen der Mittwochsaudienz, dass Augustinus für ihn ein „Weggefährte“ gewesen sei: eine wunderschöne Umschreibung für eine liebevolle Präsenz, die ihn auf seinem ganzen Lebensweg begleitet hat.

Der Autor ist Präsident des Patristischen Instituts „Augustinianum“ in Rom. Aus dem Italienischen übersetzt von Claudia Kock.

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