Kirchenlehrer

„Auf Christus schauen“

Antonius von Padua (1195–1231) wollte in die Mission gehen. Doch der heiligen Franz von Assisi bestimmte ihn für die theologische Ausbildung seiner Ordensbrüder. Als Volksprediger wurde Antonius schon zu Lebzeiten populär.
Reliquien des Heiligen Antonius in Colombo
Foto: M.a.pushpa Kumara (EPA) | Weltumspannend ist die Verehrung für den Heiligen aus Padua: Die Aufnahme zeigt Gläubige in Colombo/Sri Lanka, die vor Antoniusreliquien beten.

Zuallererst, lieber heiliger Antonius, möchte ich Sie nach dem Geheimnis der weltweiten Verehrung fragen, derer Sie sich in den verschiedensten Bereichen der christlichen Gemeinschaft erfreuen.

Das ist das Handeln Gottes, das bei denen, die ihm treu dienen, den Stempel seiner Güte hinterlässt. Wir Heiligen sind lediglich Fürsprecher und Vermittler der unendlichen Barmherzigkeit Gottes, der durch seine demütigen Diener erkannt und gedient werden möchte.

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Tausende von Pilgern besuchen Ihr Grab, berühren den Grabstein mit Andacht; bitten Sie um Ihren Schutz. Sie bereiten sich im Vorfeld mit besonderen Gottesdiensten auf die Feier Ihres Festes vor und erinnern sich in Gedenkveranstaltungen an die letzten Momente Ihres Lebens. Sie bitten um einen Segen für die Kinder. Das Brot des heiligen Antonius ist eine Speise, die mit großer Andacht gegessen wird. Die Menschen hinterlassen sogar Schriften auf Ihrem Grab, in denen sie Sie um Hilfe bitten ...

Gott allein ist Gott. Wir, die Heiligen, stehen in seinem Dienst als kleine Vermittler, die immer untrennbar mit Jesus Christus verbunden sind, dem vollkommenen Vermittler vor Gott.

Wir würden gerne die Geschichte Ihres Lebens erfahren, von Ihren Anfängen, Ihrem Werdegang und Ihrer Berufung.

Ich wurde im letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts in Lissabon, Portugal geboren. Mir wurde der Name Fernando gegeben; als ich aber in den Franziskanerorden eintrat, änderte ich meinen Namen in Antonio. Meine erste Ausbildung absolvierte ich an der Schule der Kathedrale von Lissabon. Einige Jahre später trat ich in die Abtei St. Vinzenz ein und wurde Augustiner-Chorherr. Dort beschäftigte ich mich mit der Heiligen Schrift und lernte die Tradition der heiligen Kirchenväter kennen. Ich befasste mich aber auch mit den lateinischen Klassikern. Die Verkündigung des Evangeliums an verschiedenen Orten gehörte zu meinen ständigen Tätigkeiten.

Von dort zog ich in die Stadt Coimbra. Dorthin kamen die Leichen von in Marokko gemarterten Franziskanermönchen. Meine Seele wurde von missionarischem Eifer erfüllt; ich wollte mein Leben hingeben wie diese franziskanischen Märtyrer. Ich bin dann dem Franziskanerorden beigetreten. Franz von Assisi wollte, dass ich Theologie studiere und sie den Brüdern beibringe. Er nannte mich sogar „seinen Theologen“. Nach einem Leben der Lehrtätigkeit und Predigt an vielen Orten besuchte mich Bruder Tod am 13. Juni 1231 in der Stadt Padua. Daher auch der Name heiliger Antonius von Padua.

Die Anerkennung Ihres bewundernswerten Lebens und der Wunder, die auf Ihre Fürsprache hin geschahen, führte dazu, dass Sie schon bald, etwas mehr als ein Jahr nach Ihrem Tod, heiliggesprochen wurden. Eine weitere Anerkennung durch die Kirche sollte noch folgen: Papst Pius XII. ernannte Sie 1946 zum Kirchenlehrer, zum „Lehrer des Evangeliums“. Bedeutet dies, dass Sie in der Kirche unserer Zeit ein Meister der Lehre und der Evangelisierung bleiben?

Die Existenzberechtigung der Kirche besteht darin, zu evangelisieren. Es gibt zwar viele verschiedene Wege der Evangelisierung, es geht jedoch immer darum, den Samen des Evangeliums in die Furche des Lebens eines jeden Menschen zu legen. Durch die Kraft der Gnade Gottes hinterlässt dies ein Wachstum, das die Menschen und die Menschheit selbst so verwandelt, dass sich die Herrschaft Gottes verbreitet, die Liebe, Gerechtigkeit und Frieden unter allen Menschen anstrebt.

Niemand kann das weltweite Ausmaß des Ruhmes und der Hingabe bezweifeln, die hinter Ihrem Namen stehen. Große und kleine Städte sowie Universitäten, Kultureinrichtungen, Vereine aller Art sind Ihrem Namen gewidmet. Man kann fast sagen, dass es keine Kirche auf der Welt gibt, in der nicht ein Abbild von Ihnen steht. Wie erklären Sie sich dieses „Phänomen“, glorreicher heiliger Antonius?

Gott vollbringt große Taten durch Männer und Frauen, die er auserwählen wollte, um die Demütigen und Einfachen als Träger seiner gütigen Barmherzigkeit zum Wohle und zum Heil aller einzusetzen.

Damit ein Christ als Kirchenlehrer anerkannt wird, bedarf es eines heiligmäßigen Lebens und einer bewährten Lehre, die eine ständige und meisterhafte Unterweisung in das Geheimnis Gottes und das Evangelium Christi ist. In welcher Schule, in welchen Büchern haben Sie die Lehre, die Quelle der Weisheit, die Spiritualität gefunden, die Ihr Leben schmückt?

Zunächst in meiner Familie. In der Domschule in Lissabon lernte ich nach und nach das Evangelium und das christliche Leben kennen. Später, als Augustiner-Chorherr, näherte ich mich der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern an. In der franziskanischen Familie habe ich den Frieden und das Gute erlebt, die in einer Bruderschaft verkündet wurden, die sich der ganzen Menschheit zuwendet.

Durch Augustinus wurde in mir der Wunsch geweckt, nach der Weisheit zu suchen. Die Quelle konnte kein anderer sein als Christus selbst. Ich suchte den Weg und konnte ihn nicht finden, bis ich den Mittler zwischen Gott und Mensch, den Menschen Christus Jesus, den in Ewigkeit gebenedeiten Gott umarmte, der mich rief und zu mir sagte: Ich bin der Weg der Wahrheit und das Leben... „Ich fürchte Christus, wenn er vorübergeht. Ich fürchte Christus, der vorübergeht. Aber warum fürchtest Du den Herrn?

Ich habe Angst, dass ich nicht merke, dass er Christus ist, und dass ich ihn vorbeigehen lasse“, so der heilige Augustinus.
Der Poverello von Assisi und die von ihm gegründete Bruderschaft waren Meister einer Spiritualität, die auf dem Reichtum des Armseins und dem Lob Gottes in allem beruht. Ich lernte den Sonnengesang und das Gefühl des Friedens und der Güte kennen. Ich lebte arm unter den Armen; das Evangelium war Nahrung für mein Gebet und für die Predigt an alle Männer und Frauen, die ich auf dem Weg traf, dem Weg der vollkommenen Freude.

"Das Wunder
– so hat Jesus Christus betont –
hat immer eine evangelisierende Mission,"

„Suchst Du Wundertaten, sieh hin... Sieh auf den heiligen Antonius“, so das berühmte, Ihrem Namen gewidmete Gebet. Ich weiß nicht, ob Sie über den unendlichen Abstand hinweg dasselbe sagen können, was Christus geantwortet hat: Ihr sucht mich nicht wegen meiner Lehre, wegen meines vorbildlichen christlichen Verhaltens, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt.

Gott, allein Gott kann so deutliche Zeichen vollbringen. Es ist sicherlich etwas ganz Besonderes, Außergewöhnliches, das die Logik der Natur übersteigt. Aber das Wunder geht weit über die Naturwissenschaft hinaus. Sie übertrifft sie nicht nur, sondern bietet eine völlig neue und andere Dimension, die die Intelligenz erreichen kann. Zunächst ist zu sagen, dass das Wunder nicht in unserer Hand liegt, sondern in der Hand eines erlösenden Gottes. Es handelt sich nicht um etwas Außergewöhnliches, das im außergewöhnlichen Wert und in den Fähigkeiten einer Person gesehen, und dabei bleiben kann.

Das Wunder – so hat Jesus Christus betont – hat immer eine evangelisierende Mission, die Ankündigung einer neuen Ära, des Heils Gottes, das sich im Kommen des Messias verwirklicht. Damals war es Jesus Christus, der, nachdem er eine außergewöhnliche Wundertat vollbracht hatte, diejenigen aufforderte, die das Wunder gesehen hatten, sich den Priestern vorzustellen und die vom Gesetz vorgeschriebenen Riten zu erfüllen. Nun ist es die Kirche, die die Wahrhaftigkeit des Wunders und auch die Heiligkeit des Trägers, der es vollbracht hat, anerkennen muss. Es war nicht Antonius, der die Wunder vollbrachte, sondern Gott, der sich seines demütigen Dieners bediente.

Warum gibt es heute keine Wunder? Haben wir nicht heilige Männer und Frauen mit bewundernswertem und beispielhaftem Leben, die sich den Armen und Notleidenden widmen und ihren Glauben inmitten eines Umfelds bezeugen, das nicht nur schwierig, sondern auch feindlich gesinnt gegenüber der Religion und insbesondere gegenüber dem Christentum ist?

Wir haben heilige Männer und Frauen in unserer Kirche. Und sie vollbringen auch bewundernswerte Zeichen, indem sie heldenhaft ihren Glauben und ihre Nächstenliebe bezeugen, indem sie ihr Leben einsetzen für die Verkündigung des Evangeliums und den Dienst an den Kranken, den Obdachlosen, denjenigen, die Haus und Heimat verlassen haben, um auf Straßen zu pilgern, die nie ganz bis zum Heiligtum reichen.

Viele Wunder werden vollbracht, aber nicht so sehr, um das Außergewöhnliche zu zeigen, sondern um zu verdeutlichen, dass das Reich Gottes unter uns ist: Blinde sehen, Lahme gehen, Kranke werden geheilt, den Armen wird das Evangelium verkündet, wie der Prophet betont hat. Warum vollbringst du jetzt keine Wunder, Herr? Weil nun du es bist, der die Zeichen vollbringen muss, die immer auf den Erlösungsweg hinweisen: Die Hungrigen speisen, die Migranten aufnehmen, die Gefangenen besuchen, die Nackten bekleiden, den Armen und Bedürftigen das Evangelium verkünden.

Nun eine neugierige Frage, damit Sie uns aufklären, warum Sie in dem Ruf stehen, eigennützig zu sein. Sie tun viele Gefallen, aber wirtschaftlich gesehen ist nichts umsonst. Es genügt, etwas zu tun, wobei man sich auf Ihren Namen als Garantie für die Wirksamkeit beruft, solange es ein Versprechen ist, etwas in die Kollekte zugunsten der Armen zu legen.

Ich kann es nicht leugnen. Ich hatte schon immer ein besonderes Interesse an der Armenfürsorge. Sie sind die Liebsten des Herrn. Eine dem heiligen Antonius gehörende Sparbüchse, die um Brot für die Armen wirbt, ist eine Garantie für eine gute Kollekte. Viele Werke der Nächstenliebe und der sozialen Unterstützung werden durch diese Großzügigkeit finanziert. Wenn Gott meinen Namen benutzt, um sich um die Seinen zu kümmern, dann gelobt sei Gott.

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Was würden Sie als Lehrer des Evangeliums den heutigen Frauen und Männer und insbesondere den Christen sagen?

Sie sollen die Wahrheit suchen, was richtig und gut ist. Mögen sie zu teilen wissen, was sie haben, und möge niemand von ihrem Wohlwollen ausgeschlossen sein. Möge die Einigkeit die Spaltung überwinden. Möge die Größe der Einheit immer über den Unterschieden stehen. Möge es keinen Mann und keine Frau auf dieser Welt geben, die die Tür als verschlossen betrachten, die das Geheimnis Gottes öffnet.

Die Christen sollen nie müde werden, auf Christus zu schauen und sich von ihm anschauen zu lassen. Hier ist die Quelle und das Kriterium, die Hoffnung und die Liebe, die Freude am Dienen und sogar am Leiden für andere. Und niemals den von Jesus Christus verkündeten und verheißenen Weg des Heils verlassen.

Jetzt wissen wir, warum Ihr Name, Antonius, einer der am häufigsten vorkommenden Namen in allen Ländern der Welt ist.


Aus dem Spanischen von José García
Der Autor (1934–2022) war
Erzbischof von Sevilla und wurde
am 27. April 2022 heimgerufen.

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