Deutsche Bischofskonferenz

Synodalversammlung und Ukrainekrieg prägen die Vollversammlung der Bischöfe

Kirchenpolitik und ein Brief. Die Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe tagt im Kielwasser der Synodalversammlung. Seelsorge wird von Verkündigung entkoppelt.
Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
Foto: Nicolas Armer (dpa) | Beten und frieren für Bischöfe: Diese Gläubigen distanzierten sich in Vierzehnheiligen von den Beschlüssen des Synodalen Wegs.

Rosenkranzgebet empfängt die deutschen Bischöfe am Montag  vor der Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen. Don Carlos, ein junger Legionär Christi aus Mexiko, hat eine Gruppe Beter mitgebracht. Sie halten vor Beginn des Eröffnungsgottesdienstes der Frühjahrsvollversammlung Schilder ins Wintersonnenlicht: „Wir sind dankbar für den priesterlichen Zölibat“ und „Mehrheit ist keine Wahrheit“ steht in Anspielung auf die Beschlüsse der dritten Synodalversammlung in Frankfurt darauf. Das Te deum erklingt, beim Segen knien manche auf den eiskalten Pflastersteinen. Maria 2.0-Vertreterinnen sind dieses Mal ferngeblieben. Die Bischöfe tagen an abgeschiedener Stätte mit Polizeischutz.

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Umsetzung der Synodalbeschlüsse

Auf der Tagesordnung steht bei der an diesem Donnerstag endenden Vollversammlung die Beratung über die Umsetzung der Synodalbeschlüsse. Im Sommer soll im Ständigen Rat die erste Lesung der neuen Grundordnung stattfinden, die den Lebensstil kirchlicher Mitarbeiter nicht mehr an die katholische Lehre bindet. Es gilt die Maxime, alles, was auf ortskirchlicher Ebene entschieden werden kann, soll beschlossen werden. Besonderen Zündstoff beinhaltet der geplante Synodalrat. Diese Institution soll nach dem Willen mancher Synodaler in Zukunft aus Domkapitularen und Laien besetzt werden und sowohl bei Bischofswahlen mitentscheiden, aber auch die bischöfliche Amtsführung evaluieren – als quasi ständiges Bischofsbarometer.

Schon vor der Eröffnungsmesse politisiert der Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing vor Journalisten. Der Papst solle rasch über das Rücktrittsgesuch des Kölner Kardinals Rainer Woelki entscheiden. „Der Papst und Kardinal Ouellet, der Präfekt der Bischofskongregation, tragen nun Verantwortung“, erklärt Bätzing in Anspielung auf das vorige Woche bekannt gewordene Rücktrittsgesuch des Kölner Kardinals und drängt: „Lange zusehen kann man nicht.“

Die Beschlüsse des Synodalen Wegs stehen auf dem Programm. Die Marschrichtung steht fest, so dass einige Medien die abwartende Haltung des indischen Kardinal Oswald Gracias aus Bombay, der auf das Thema angesprochen wird, als pures Wohlwollen interpretieren.

Neue Seelsorge

Wie Verkündigung in den Dienst der Kirchenpolitik gestellt wird, zeigen die Predigten von Bischof Bätzing und Kardinal Reinhard Marx an den ersten beiden Tagen. Katholisch sei „gelebte Verbundenheit, nicht konfessionelle Enge, nicht Abschottung und Identität durch Grenzziehungen“ erklärt der Vorsitzende im Eröffnungsgottesdienst. Um dieses Zielbild zu verwirklichen, „müssen wir wohl noch etliche Barrieren überwinden, Durchbrüche wagen und bisher gültige Denkweisen verändern“. Bätzings Ansprache gipfelt in Andeutungen einer Kollektivschuld. Zuallererst sollten „wir demütig bekennen, wie sehr wir uns in der Kirche an unseren eigenen Geschwistern schuldig gemacht haben; wie sehr wir deren Leben belastet und ihnen die Verbundenheit verwehrt haben. Vielleicht will uns der Herr durch die gegenwärtige tiefe Krise der Kirche dazu bewegen, uns nicht mehr über andere zu erheben, sondern umzukehren zu gelebter Katholizität, die viele in ihrer Verbundenheit mit Gott und untereinander unterstützt und auf die dann irgendwann auch wieder Menschen stolz sein können.“

Die negative Intonation gegen die Institution Kirche greift der Münchner Erzbischof am Dienstag auf. Die Frage nach der „wahren Kirche“ stelle sich ganz neu. Dabei dürfe es nicht nur um Dogmen gehen. „Was nützt mir ein Bekenntnis, dogmatisch sauber“, so Marx. „Und in der Praxis wird eine Diktatur unterstützt.“ Die Kirche müsse sich fragen, „was ihre Wahrheit ist – nur ein dogmatischer Text oder ein Bekenntnis, das ich unterschreibe?“

Mahnung vom Nuntius

Der Kölner Kardinal Rainer Woelki verzichtet bei dieser Vollversammlung auf eine Predigt. Fast routiniert mahnt der Apostolische Nuntius in Deutschland, die Geister zu unterscheiden. Die Zeichen der Zeit zu erkennen sei nicht gleichbedeutend mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist. Alle Bemühungen zielten darauf ab, dass die Kirche im Verkünden des Evangeliums täglich treuer werde. Das Wort zur Seelsorge, das die Bischöfe vorstellen, sieht allerdings die teilweise Abkoppelung der Seelsorge vom Verkündigungsauftrag vor. Glaubt man dem Rottenburger Weihbischof Matthäus Karrer, so hat „Seelsorge nicht automatisch mit Evangelisierung zu tun“. Karrer verwies auf die große Nachfrage nach Feuerwehr- und Polizeiseelsorge: „Da geht es ganz oft um banale Dinge, die weit weg sind von Theologie“. Seelsorge sei kein geschützter Begriff, so der Weihbischof.

Fuldas Bischof Michael Gerber betont die Ausweitung des Seelsorgerbegriffs: So müsse Seelsorge heute auch andere Professionen, etwa aus der Sozialarbeit, einbeziehen und könne nur im Team geschehen. Diese Teams könnten auch von Frauen geleitet werden. „Im Team wächst so auch eine neue Kultur von Leitung in einer synodalen Kirche.“ Mit „Seelsorgern“ sind sowohl Priester als auch Laien gemeint – letztere sowohl als Haupt- als auch Ehrenamtliche. Das Apostolat der Laien ist nach Darstellung des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf „ein Bestandteil dieser Seelsorge“. Mit Blick auf den diakonischen Dienst gehe es „um das Bewusstsein dafür, in welchem Abhängigkeitsverhältnis man jetzt gerade steht“.

Bemerkenswert an dem Bischofswort mit dem fromm klingenden Titel „In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“ ist die Marginalisierung der Sakramentenpastoral, der gerade zwei Seiten eingeräumt werden. Vergleichsweise dreimal soviel Platz beansprucht der Punkt „Missbrauch im seelsorglichen Kontext“.

Brief an Marx

Das Thema Missbrauchsaufarbeitung betrifft unmittelbar Kardinal Reinhard Marx. Am Dienstag wenden sich Betroffenenvertreter in einem offenen Brief an den Münchner Erzbischof. Auch sieben Wochen nach der Veröffentlichung des unabhängigen Gutachtens der Kanzlei Westpfahl seien „keinerlei Aktivitäten seitens Kardinal Marx erkennbar, die ein dezidiertes Handeln und auch Umsetzen der Empfehlungen erkennen lassen“, heißt es darin. Richard Kick vom Unabhängigen Betroffenenbeirat in der Erzdiözese zeigt sich „entsetzt“ über die „Untätigkeit“ des Kardinals.

Der Kardinal habe dem Sprecher des Beirats, Richard Kick, persönlich geantwortet, sagte ein Sprecher der Erzdiözese der Katholischen Nachrichten-Agentur.
Ob das Thema Missbrauchsaufarbeitung bald vom politischen Erdbeben in Europa in den Schatten gestellt wird, ist offen. Der Krieg in der Ukraine stößt in deutschen Kirchenkreisen auf eine Mischung aus Ratlosigkeit und Entsetzen.

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Ukrainekrieg

Der Augsburger Bischof Bertram Meier, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, wies in diesem Zusammenhang Kritik am Verhalten von Papst Franziskus zurück. Flammende Appelle hätten es an sich, Schlagzeilen zu machen, erklärte Bischof Meier im Gespräch mit dieser Zeitung auf die Frage, ob eine öffentliche Verurteilung Putins durch den Papst politisch angemessen wäre. Meier, der mehrere Jahre in der deutschsprachigen Sektion des vatikanischen Staatssekretariats gearbeitet hat, erklärte in der vatikanischen Diplomatie gelte der Grundsatz, dass offene Gespräche meist das Gegenteil von öffentlichen Gesprächen seien. Deswegen müsse man darauf hinweisen, dass die Vatikandiplomatie nicht passiv sei. „Der Papst tut genug, auch wenn das nicht in der Öffentlichkeit gesehen wird.“

Mit Blick auf die russische Invasion in der Ukraine wies Bischof Meier auf drei Akzente des Papstes hin: zum einen auf dessen Besuch in der Botschaft Russlands beim Heiligen Stuhl, bei dem Franziskus um einen Waffenstillstand gebeten habe – ein für ein Staatsoberhaupt nicht alltäglicher Vorgang. Damit habe Papst Franziskus „einen Akt der Demut“ gesetzt. Angesichts der Unmöglichkeit, selbst in die Ukraine zu reisen und die Einladung der Klitschko-Brüder anzunehmen, habe der Pontifex „zwei renommierte Kurienkardinäle als Brückenbauer in die Ukraine geschickt“: Konrad Krajewski (58) und Michael Czerny (75). Drittens habe Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin angeboten, dass der Heilige Stuhl als Vermittler aktiv werden könne.
Der Salzburger Theologe Hans-Joachim Sander hatte Franziskus kürzlich vorgeworfen, er schone den Moskauer Patriarchen Kyrill, statt Klartext zu reden.

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