Bistum Münster

Reform als Lernprozess

Im Bistum Münster wurde mit Fusionen zu Großpfarreien viel Porzellan in den Gemeinden zerschlagen Die zweite Strukturreform soll entspannter über die Bühne gehen.
Fronleichnamsgottesdienst in Münster
Foto: Lars Berg (KNA) | Bei den erneuten Pfarreireformen will im Bistum Münster aus Fehlern der Vergangenheit lernen. Und es braucht bessere Absprache zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen.

Das Bistum Münster gehörte zu den ersten, die mit Pfarreireformen die Strukturen in der Diözese verändert haben. Dabei gab es viele schmerzhafte Prozesse und ein hohes Maß an Unzufriedenheit, gerade bei den in den Gemeinden ehrenamtlich engagierten. Nach seinem Wechsel aus Essen im Jahr 2009 setzte Bischof Felix Genn, den dort von ihm eingeschlagenen Weg fort, der auf Fusionen zu Großpfarreien zugeschnitten war.

Erzwungene Fusionen

Die ursprünglich 689 Pfarreien im Bistums Münster wurden in der ersten Fusionswelle eingedampft, so dass jetzt nur gut 200 von ihnen übriggeblieben sind. Der Vorwurf damals: Die Fusionen sind am Reißbrett entstanden, wurden den Gemeinden von oben herab aufgezwungen. Die jahrelang andauernden Debatten haben die Kräfte der Kirche nach innen geschwächt und auch der Außenwirkung von Kirche vor Ort geschadet. Verbänden, die sich seit mehr als 100 Jahren im Bistum engagierten, wurden Gebäude weggenommen, weil es durch die Fusionen auf einmal zu viele Quadratmeter kirchlicher Nutzfläche in der Pfarrei gab.

Inzwischen hat der Münsteraner Bischof erneut eine Strukturreform eingeläutet. Diesmal soll es, wie auch in anderen Diözesen, um die Schaffung so genannter "pastoraler Räume" gehen. Allerdings scheint Genn aus den heftigen Auseinandersetzungen der Vergangenheit, scheint das Bistum Münster gelernt zu haben. "Es wird keine weiteren, von mir verordneten Zusammenlegungen oder Fusionen von Pfarreien mehr geben", beendet der Bischof den Top-down-Prozess. Allerdings gebe es, um die Zukunftsfähigkeit der Gemeinden zu sichern, die Notwendigkeit von mehr Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen den Pfarreien sowie zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen.

Verlust von Ehrenamtlichen

Im Gespräch mit dieser Zeitung beschreibt Münsters Generalvikar Klaus Winterkamp den neu eingeschlagenen Weg. "Den damaligen Prozess haben alle Parteien nicht als gewinnbringend betrachtet", stellt er selbstkritisch fest. Daraus habe das Bistum seine Schlüsse für die neuerlichen Reformen gezogen. Solange es möglich sei, wolle man jetzt die Pfarreien erhalten. Wenn die Pfarreien selbst allerdings Ideen entwickeln, die auf eine Fusion hinauslaufen, sei das auch in der Zukunft noch machbar, aber eben nicht mehr von oben gesteuert.

Die Fusionswelle habe, so der Generalvikar, vor allem auch zu einem Verlust von ehrenamtlichem Engagement geführt. Das wirkt sich natürlich, gerade in ohnehin für die Kirche eher krisenhaften Zeiten nachhaltig auf die Entwicklung in den Pfarreien aus. Deshalb habe man in dem aktuellen Prozess lediglich Vorschläge für die Gestaltung der "pastoralen Räume" unterbreitet. "In dieser Struktur bleiben die Pfarreien selbstständig, arbeiten aber auf einer übergeordneten Ebene zusammen", erläutert Winterkamp. Das alles geschehe auch nicht überstürzt.

Kirche wieder als Heimat wahrnehmen

Nachdem man die Vorschläge im vergangenen Jahr unterbreitet habe, hätten die Pfarreien, Verbände und Einrichtungen jetzt die Gelegenheit, sich zu positionieren und auch alternative Modelle der Zusammenarbeit vorzustellen. Das werde jetzt auf Ebene der jetzigen Dekanate noch bis zum Herbst diskutiert. Danach werfe die Bistumsleitung noch einmal einen Blick auf die dann überarbeitete Landkarte der Bistumsstruktur. Ziel ist es, bis zum Frühjahr eine einvernehmliche Festschreibung der "pastoralen Räume" hinzubekommen.

Damit die Menschen Kirche wieder als Heimat wahrnehmen, brauche es eine vielgestaltige Kirche, ist der Generalvikar überzeugt: "Die Kirche wird immer volkskirchliche Elemente behalten, wir werden aber immer auch synodale und partizipative Elemente benötigen und wir werden immer eine sakramentale Kirche sein, weil das zu unserem Grundauftrag gehört." Die Gestalt der Kirche werde auch weiterhin missionarisch sein  müssen und versuchen, die frohe Botschaft Christi in unterschiedlichen Formen zu den Menschen zu bringen.

Suche nach Spiritualität und Sinn

In der zeitgemäßen Verkündigung sieht Winterkamp eine der schwersten Herausforderungen. Dazu müsse die Kirche auf allen Ebenen die Lebenswirklichkeit der Menschen heute besser wahrnehmen, als das in der Vergangenheit geschehen sei. Und das funktioniere eben nicht uniform, sondern sei schon jetzt sehr unterschiedlich zwischen den Anforderungen im nördlichen Münsterland oder im Ruhrgebiet. Es gelte zu schauen, wie die Menschen mit ihrer Suche nach Spiritualität und Sinn und vielleicht auch mit der Suche nach Kirche umgehen.

Auf die drängenden Fragen der Menschen gelte es Antworten zu finden. "Dazu ist es erforderlich, im hauptamtlichen Bereich klare Ansprechpartner zu benennen, an die sich die Menschen wenden können. Und diese müssen dann auch zu erreichen sein", fordert Winterkamp. Der Grenzgang zwischen Zeitgeistanpassung und Aufgabe eigener Prinzipien sei ein immer wieder schwieriger Prozess, mit dem man auch nicht an ein Ende komme.

Aus Fehlern gelernt 

Bei vielen engagierten Laien bleibt allerdings die Sorge, dass dieser erneute strukturelle Schritt wieder eine Etappe weiter weg von den lokalen Gemeindestrukturen ist. Diese Gefahr sieht die Vorsitzende des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum Münster, Brigitte Lehmann, nicht. "Ich glaube, dass die Kirche da aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat." Die größeren Strukturen seien, so Lehmann, aus ihrer Sicht unausweichlich, weil immer weniger hauptberufliches Personal zur Verfügung stehen werde. Deshalb sei die Gestaltung des Prozesses so wichtig, um die Menschen vor Ort weiter einzubinden.

In ihrer Großpfarrei in Geldern sei das schon bei der letzten Fusion gelungen, weil man den Prozess aktiv von der Basis her betrieben habe. "Jetzt haben wir hier aktuell ein System von ehrenamtlicher Gemeindeleitung entwickelt, weil es für uns von zentraler Bedeutung ist, dass das Gemeindeleben vor Ort stattfindet", erläutert sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Hier komme auch eine wichtige Aufgabe auf die Verbände zu, weil sie, wo vorhanden, in den Gemeindestrukturen zur Beheimatung beitrügen.

Absprachen zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen 

Ein Pfarrer aus einer fusionierten eher ländlichen Gemeinde, der nicht namentlich genannt werden will, sieht die neuerliche Reform als den Versuch des Bistums, Entscheidungsprozesse wieder auf die Ebene der Dekanate oder der inzwischen fusionierten Pfarrgemeinden zurückzuführen. Das erhöhe jetzt natürlich, gerade auch im Hinblick auf Wirtschaftlichkeitserwägungen, den Druck auf die zumeist ehrenamtlichen, lokalen Entscheider. Dazu komme, dass die Zahl der ehrenamtlich in Gremien Tätigen durch die Fusionen deutlich zurückgegangen sei. Wo es früher fünf aktive Kirchenvorstände gegeben habe, die sich intensiv um die Gemeindefinanzen gekümmert hätten, gebe es jetzt eben nur noch ein solches Gremium.

Ein weiteres Problem sieht der Pfarrer darin, dass Entscheidungen für einen Zeitraum der nächsten zehn bis zwanzig Jahre getroffen werden müssten, für die noch gar nicht absehbar sei, wie sich die Kirche und die Gesellschaft in dieser Zeit entwickeln würden. Durch diese Verlagerung auf untere Ebenen sei eine gute Absprache zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen in der Kirche wichtiger denn je. Dieses Erfordernis des Aufeinander-Zugehens und des Anstrebens einer besseren Zusammenarbeit sei auch unter dem Gesichtspunkt wichtig, als dies bei den fusionierten Gemeinden bislang durchaus ein Problem gewesen sei. Dort habe der Austausch untereinander nicht immer gut funktioniert. Viele Engagierte hätten sich auch aufgrund der Verletzungen, die Fusionen und Schließungen ihnen bereitet hätten, aus der Arbeit zurückgezogen.

Bessere Katechesen

Skeptisch ist der Pfarrer dahingehend, ob das Angebot der Kirche in der Fläche in Zukunft tatsächlich weiter aufrechterhalten werden kann. Dadurch werde es natürlich schwerer, als Kirche nah bei den Menschen zu sein. Allerdings müssten sich die Gläubigen in Zukunft auch darauf einstellen, möglicherweise längere Wege auf sich zu nehmen, um Gottesdienste besuchen zu können. Auch müssten sie eine Akzeptanz dahingehend entwickeln, dass ein personales Angebot für sie möglicherweise in einem bestimmten Bereich des pastoralen Raums stattfindet, der nicht unbedingt in ihrem eigenen Ortsteil liegt.

Um eine wieder stärkere Anbindung der Katholiken an die Eucharistie zu erreichen, wünscht sich der zum Beispiel Pfarrer eine verbesserte Kommunionkatechese zu der gemeinsame Gottesdienste der Familien und der Gemeinde in der Vorbereitung auf die Kommunion gehören. Es bleibt spannend, ob es dem Bistum Münster gelingen wird nach der Fusionswelle und der laufenden Strukturreform, die richtigen inhaltlichen Schwerpunkte zu setzen.

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