Kommentar um "5 vor 12"

Mehr mit und über Gott sprechen!

Die Kirche hat nicht das Recht, den zu verschweigen, den uns Christus gezeigt hat. Ein kritischer Widerspruch zu einer aktuellen These von Kardinal Marx.
Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising,
Foto: Sven Hoppe (dpa) | Kardinal Marx will nicht mehr so viel über Gott reden.

In einem sehr feinfühligen, nachdenklichen Text in der aktuellen Herder-Korrespondenz reflektiert der Münchner Kardinal Reinhard Marx über die kirchliche Rede über Gott. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass die Kirche mitunter zu selbstverständlich über Gott und zu autoritativ von seinem Willen gesprochen habe, ja auch heute spreche. Gewiss, die Gefahr der Oberflächlichkeit wie der Instrumentalisierung ist immer gegeben, wo Menschen das Heilige ins Wort bringen.

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Gott sehnt sich nach dem Menschen 

Dennoch ist die Kirche heute nicht etwa deshalb in der Krise, weil sie zu viel, zu laut, zu banal über Gott spricht, sondern weil sie Ihn zu klein macht, verschweigt und verharmlost. Alle Skepsis gegen die allzu selbstsichere Gottes-Rede wäre angebracht, wäre das Christentum nur Religion – also die ewige Suche des Menschen nach Gott. Das Christentum ist jedoch etwas fundamental anderes: Es beruht wesentlich auf der Suche Gottes nach dem Menschen.

So sehr hat sich Gott nach dem Menschen gesehnt, dass Er Mensch wurde in Jesus Christus. So sehr dürstete Gott nach der freien Zustimmung des Menschen zu Seinem liebenden Erlösungswillen, dass Er sich leidend und sterbend hingab am Kreuz. Wenn, wie Kardinal Marx unter Berufung auf Karl Rahner schreibt, alle Sätze des Glaubensbekenntnisses oder des Katechismus „doch menschliche Sätze in menschlicher Sprache“ sind, dann nimmt ihnen das weder Gewicht noch Verbindlichkeit. Christlicher Glaube beruht ja auf Inkarnation: Gott wurde Mensch, um menschliche Sätze in menschlicher Sprache zu sprechen. Die ultimative Selbstmitteilung Gottes an den Menschen geschieht, indem das ewige Wort Fleisch annimmt, um menschliche Sätze in menschlicher Sprache zu sprechen.

Gott hat ein Gesicht bekommen

Das ist Gottes Weg, sich den Menschen bekannt zu machen. In Jesus Christus hat Gott für uns ein Gesicht bekommen. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen!“, spricht der Herr (Joh 14,9). Die zentrale Aufgabe der Kirche und ihr Alleinstellungsmerkmal in der Welt ist, den Menschen Christus zu zeigen, damit sie sehen, wie Gott ist. Wo die Kirche sich dazu verschweigt, wo sie das Drama des göttlichen Heilshandelns banalisiert und verharmlost, wird sie irrelevant und verweltlicht. Wenn sie Christus zu einem bloßen Vorbild verkleinert, in dessen „Spuren“ wir wandeln, dann degradiert sie sich selbst zu einer beliebigen NGO unter anderen – und das Christentum zu einer bloßen Religion neben anderen.

Kardinal Marx schreibt: „Der Blick auf Gott ist ohne den Blick auf den Menschen und auf die Wunden der Welt nicht möglich.“ Ich würde gerne ergänzen: „Der Blick auf Gott gelingt im Blick auf Christus, den wahren Gott und wahren Menschen, und auf Seine Wunden.“ Mit Blick auf Ihn kann die Kirche nie zu viel mit und von Gott sprechen.

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Stephan Baier Jesus Christus Karl Rahner Katechismus Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Reinhard Marx

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