Nach Missbrauchsgutachten

Frei macht nur die Wahrheit

Wer die Vergehen von Klerikern an unschuldigen Kindern und Jugendlichen mit Verweis auf den "Zeitgeist von damals" entschuldigen will, langt voll daneben. Gerade die Kirche sollte wissen: Wir sind Kinder Gottes und gerade nicht "Kinder dieser Zeit".
Zukunft der Kirche
Foto: Vjacheslav Shishlov (145619117) | Letztlich hat vor allem die Gesellschaft versagt, meint Rudolf Gehrig - allen voran die Presse und Politik der damaligen Zeit.

Kennen Sie das? Sie sind auf einer Party und jemand findet heraus, dass Sie katholisch sind. Es dauert keine zwei Minuten, und schon werden Sie mit einer Mischung aus Mitleid und Abscheu mit den aktuellen Schlagzeilen konfrontiert. Je nach Stimmungslage, Umfeld oder Wortschatz kann es sein, dass dann der Satz kommt, der jede Argumentation erstickt und Sie endgültig zum Außenseiter macht: "Ihr seid doch alle Kinderf***er!"

Ich mache das nun schon seit der Schulzeit mit und habe immer darunter gelitten. Dennoch habe ich mich bereitwillig in jede Diskussion geworfen, um den Ruf der Kirche zu retten. Bis dann vor wenigen Wochen der Weihbischof einer westdeutschen Diözese den Journalisten populistisch-zerknirscht in die Notizblöcke diktierte, er sei der "Chef einer Täterorganisation".

Die Kirche betreibt nicht per se Missbrauch

In meinem Berufsleben ist zu viel passiert, um der Tatsache nicht ins Auge zu sehen, dass es tatsächlich Priester gibt, die in der Lage sind, Kinder zu vergewaltigen und anschließend beim heiligen Messopfer Christus selbst in den Händen zu halten. Diese Tatsache macht mich wütend. Und doch weigere ich mich, die Verallgemeinerung hinzunehmen, dass die Kirche (und damit jedes ihrer Mitglieder) per se Missbrauch betreibt. Deshalb bin ich eigentlich froh, dass dieses Thema momentan so präsent angegangen wird. 

Lesen Sie auch:

Was mich jedoch beunruhigt, ist die Tatsache, wie schnell sich Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland auf die "systemischen Ursachen" des Missbrauchs festgelegt haben. Als Beobachter des umstrittenen "Synodalen Weges", der vordergründig zur Aufarbeitung der Missbrauchskrise einberufen wurde, fällt mir auf, mit welcher Vehemenz die Sexualmoral der Kirche oder das "Priesterbild" als Schuldige ausgemacht werden. Ich halte es für gefährlich, wenn sich die Kirche in Deutschland von diesen "schnellen Lösungen" überzeugen lässt und dann wieder zur Tagesordnung übergeht. Wie soll eine Einführung des Frauenpriestertums, die Abschaffung des Zölibats oder die Marginalisierung von "Humanae Vitae" und der "Theologie des Leibes" beispielsweise die hohe Anzahl an Missbrauchsfällen in Schulen, Sportvereinen und - vor allem! - innerhalb von Familien erklären? 

Für kirchenpolitische Agenda instrumentalisiert

Ich habe Missbrauchsbetroffene getroffen, die sich darüber beklagen, dass sie durch diese Vorstöße instrumentalisiert werden und ihr persönliches Leid lediglich ein Vorwand für kirchenpolitische Lobbygruppen sei, um eine ganz eigene Agenda zur Aufweichung der katholischen Lehre durchzudrücken. Ein solches Handeln spricht allen Beteuerungen Hohn, man wolle das Problem an der Wurzel packen. Das wäre tatsächlich "Missbrauch des Missbrauchs". Wäre das Frauenpriestertum oder die Sexualmoral das eigentliche Problem, hätte die evangelische Kirche eine weiße Weste. Das mag plakativ klingen, sollte aber nicht ignoriert werden. Und wäre der Zölibat das Problem, wären der Dalai Lama und die vielen Millionen alleinstehender Menschen tickende Zeitbomben.

Letztlich hat vor allem die Gesellschaft versagt, allen voran die Presse und Politik der damaligen Zeit. Was sie jahrelang als "sexuelle Befreiung" feierten, hat möglicherweise jener Arglosigkeit den Boden bereitet, mit der zugelassen wurde, dass Diskussionen über eine Legalisierung der Pädophilie überhaupt einen Echoraum in der Politik fanden oder man sich nichts dabei dachte, wenn Kinder zunehmend Grenzverletzungen ausgesetzt waren. Googeln Sie mal das "Kentler-Experiment", Sie werden aus dem Ekeln nicht mehr herauskommen. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zog in seinem Heft Nummer 35 des Jahres 1970 beispielsweise in Zweifel, ob Kindesmissbrauch bei den Opfern überhaupt irgendwelchen Schaden anrichtet. Das Magazin zitierte hierzu den Tübinger Medizinprofessor Reinhard Lempp, der aufgrund einer Untersuchungsreihe an 97 Kindern behauptete: "Die selbstverständliche Annahme einer seelischen Schädigung der Kinder durch sexuelle Delikte geht in Wirklichkeit auf eine tradierte besondere Tabuierung des Sexuellen überhaupt zurück und auf die bemerkenswerte Überbewertung der Verwerflichkeit sexueller Handlungen außerhalb ehelicher Beziehungen... Allein über solche sexuellen Dinge vor einem Kreis erwachsener Menschen reden zu müssen, belastet solche Kinder mehr als die Tat selbst, ja, es belastet die Kinder oft ganz allein." 

Geist von Missbrauch ist in die Gesellschaft eingedrungen

"Der Spiegel" ist kein Einzelfall. In einer Ausgabe des vom Beltz-Verlag vertriebenen Lehrermagazins "betrifft: erziehung" (b:e) vom 2. April 1973 wird Pädophilie als ein "Verbrechen ohne Opfer" propagiert. In einem langen Aufsatz heißt es, dass Pädophilie gar "positive Folgen" haben könne; wenn man "kindliche Sexualität" unterdrücke, nehme man in Kauf, "dass Kinder psychisch verkrüppeln". In derselben Ausgabe fasst ein weiterer Autor die Thesen des Pädophilie-Aktivisten Fritz Bernard zusammen und setzt das Wort "Opfer" bewusst in Anführungszeichen. Wörtlich heißt es dort: "Die empirischen Untersuchungen sprechen dafür, dass Dauerschäden nicht vorkommen. Wenn sich die kindlichen  Opfer  später fehlentwickeln, dann wird der sexuelle Kontakt als Symptom einer bereits angelaufenen Fehlentwicklung und nicht als deren Ursache gewertet."

Lesen Sie auch:

Nicht nur aus heutiger Sicht sind solche Aussagen absolut unverständlich. Aber ist das alles ferne Vergangenheit? Wann hat in der Gesellschaft ein Umdenken stattgefunden? Ich war entsetzt, als ich feststellte, dass der 1975 erschienene Erziehungsratgeber "Eltern lernen Sexualerziehung" vom Verlag Rohwolt (rororo) zuletzt im Jahr 1995 neu aufgelegt wurde. In diesem Buch warnt der - mittlerweile berüchtigte - Pädagogikprofessor Helmut Kentler (wie gesagt, googeln Sie mal "Kentler-Experiment"!) unter anderem davor, Kindesmissbrauch anzuzeigen. Er verweist ebenfalls auf "die Wissenschaft".

Diese kleine Auswahl zeigt, wie sehr der Geist von Missbrauch in die Gesellschaft eingedrungen ist. Wenn nun Kirchenfreunde den hilflosen Versuch starten, Missbrauch durch Kleriker zu relativieren, indem sie auf den "damaligen Zeitgeist" verweisen, mag das vielleicht als "schuldmindernd" gelten. "Die anderen haben das auch gemacht" ist zwar faktisch richtig, bringt aber keinen Freispruch. Gerade die Kirche sollte wissen: Wir sind Kinder Gottes und gerade nicht "Kinder dieser Zeit"!

Aus menschlicher Freiheit erwächst Verantwortung

Wenn wir den Sündenbock einzig (!) der Gesellschaft, der Presse, der Politik und dem Teufel zuschieben, dann verkennen wir die Verantwortung, die aus der menschlichen Freiheit erwächst. Man hat immer eine Wahl. Der Ewige Richter fragt uns: "Widersagt ihr dem Satan, mit all seiner Bosheit und all seinen Verlockungen?" Dazu gehört auch die Versuchung, eigene Schuld zu negieren.

Ich bin als Mitglied der Kirche nicht verantwortlich für die Sünden der Missbrauchstäter. Schon gar nicht fühle ich mich als Teil einer "Täterorganisation". Doch ich könnte schuldig werden, wenn ich durch das Relativieren vergangenen Unrechts oder wissentliches Tolerieren aktueller Verbrechen ein bestimmtes Klima begünstige, sodass aus bedauerlichen Einzelfällen ein System werden kann. 

Nur die Wahrheit kann uns noch freimachen. Wir können "den Ruf der Kirche" aber nicht retten, wenn wir gegen die Wahrheit handeln. Judas Iskariot hat Jesus verraten und verkauft. Die Evangelisten hätten das unter den Tisch fallen lassen können, um den "Ruf der Urkirche" zu wahren. Petrus hat erst großspurig behauptet, er würde Jesus bis zum Tod verteidigen, und ihn dann auf denkbar feige Art und Weise verraten, bis er heulend davongerannt ist. Auch das hätten die Evangelisten verschweigen können, um "das Petrusamt nicht zu beschädigen". Es steht trotzdem in der Bibel.

Meiner Meinung nach kann die Kirche jetzt nur mit den Opfern und ihren Angehörigen weinen und ihnen Hilfe anbieten. Sie muss Straftäter konsequent verfolgen, mögliche "systemische Ursachen" zu erforschen (statt sich vorschnell festzulegen), bei Gläubigen und Mitarbeitern das Bewusstsein schärfen und endlich von populistischen Pseudo-Maßnahmen absehen - um dann als Anwalt der Betroffenen mit Nachdruck zu fordern, dass nun auch der Staat und die Gesellschaft ihre Hausaufgaben machen.

 

Themen & Autoren
Rudolf Gehrig Dalai Lama Diözesen Evangelische Kirche Jesus Christus Kindesmissbrauch Missbrauchsbericht Erzbistum München und Freising Vergewaltigung Zölibat

Weitere Artikel

Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller
Texte für Synodalen Weg lassen die Masken fallen. Wie Kerninhalte des Glaubens in den Vorlagen zur zweiten Lesung auf der Synodalversammlung umgedeutet werden. Ämter werden dekonstruiert.
02.09.2022, 09 Uhr
Michael Karger

Kirche

Vor 90 Jahren erschien Maria im belgischen Beauraing – Im Fokus ihrer Botschaft steht die Bekehrung der Sünder.
27.11.2022, 17 Uhr
Thomas Philipp Reiter
Der Vatikan hat die Kritik der Kardinäle Ladaria und Ouellet am Synodalen Weg veröffentlicht. Diese Transparenz schafft Orientierung, wo bisher nur ungläubiges Staunen über die Bischöfe war.
25.11.2022, 11 Uhr
Guido Horst
Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt in zwei Fällen gegen den Kölner Kardinal wegen des Verdachts der falschen eidesstattlichen Versicherung. Ökumenisches Gebet abgesagt. 
25.11.2022, 11 Uhr
Meldung
Im Wortlaut die Stellungnahme von Kardinal Marc Ouellet zum Synodalen Weg beim interdikasteriellen Treffen mit den deutschen Bischöfen.
24.11.2022, 17 Uhr
Kardinal Marc Ouellet