IM BLICKPUNKT

Am Ende zählen die Fakten

Der Angriff der „Zeit“ auf den emeritierten Papst ist schwach untermauert. Und manche Kirchenrechtler geben den Moralapostel. Doch nur die Anklagen haben letztlich Gewicht, die auch stichhaltig sind.
Papst Benedikt
Foto: dpa | Bislang sind es nur vage Behauptungen, die die Vorwürfe gegen den emeritierten Papst am Ende nicht glaubwürdig machen.

Das Schrulligste an der am 4. November veröffentlichten, dann aber am 5. November in gedruckter Form in der Beilage „Christ & Welt“ erschienenen Ratzinger-Recherche der Wochenzeitung „Die Zeit“ (siehe diese Seite oben) ist das Interview, das die Zeitung gleich mitgeliefert hat. Die Kanonisten Norbert Lüdecke, Kirchenrechtler an der Bonner Fakultät für katholische Theologie, und sein ehemaliger Schüler Bernhard Anuth, heute Professor für Kirchenrecht in Tübingen, kommen zu Wort.

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Kanonisten als Moralapostel

Gut, als Kanonisten. Aber eher doch als Moralapostel. Das Dekret, das den ehemaligen Münchener Erzbischof Joseph Ratzinger belastet, haben ihnen die Redakteure der „Zeit“ zu lesen gegeben. Wer hat es ihnen gegeben? Diese Urteile sind nicht öffentlich. Aber das hindert die Professoren nicht, zu spekulieren: Das Dekret „wurde bisher eben erfolgreich geheim gehalten“ (Lüdecke). Es durchkreuze „vorhandene Legenden“ (Anuth).

Welche, fragt man sich. „Alle mussten um die Anfangsdelikte (des Priesters H.) wissen“, die zum Wechsel des Täters nach München führten (Anuth). Woher weiß der Mann das? Zum späteren Papst: „Vom guten Hirten kann hier nicht die Rede sein“ (Lüdecke). Gibt es da irgendeinen Beweis? „So handelt kein guter Hirte“ (Anuth). Und so weiter und so fort. Das hat mit Unschuldsvermutung, die im Falle Benedikts immer noch gilt, mit juristischer Präzision und Rechtskultur überhaupt nichts zu tun. Da wird einfach nur Stimmung gemacht.

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Lob für Offizial

Andererseits lobt das Interviewten-Paar im Professorenrang den Münchener Offizial Lorenz Wolf über den grünen Klee. Er habe das gesamte „Verantwortungsversagen“ mit dem Dekret von 2016 „wenigstens nach innen aktenfest dokumentiert“ (Lüdecke). Davon abgesehen, dass Wolf nur einer von drei Juristen des Kirchengerichts war, die das Dekret ausgestellt haben, kann man nur sagen: Gut, dann schaue man sich das Dekret von 2016 genau an, wenn es denn mit dem Gutachten der Münchener Kanzlei veröffentlicht wird – und prüfe genau, wie die Richter 2016 beweisen wollten, dass Kardinal Ratzinger „in Kenntnis der Sachlage“ den Missbrauchstäter H. in München wirken ließ. Denn darum geht es ja bei der ganzen „Zeit“-Recherche.

Wuchtige Story

Dass aber Lüdecke und Anuth jetzt schon den emeritierten Papst zum schlechten Hirten und Offizial Wolf zum entschiedenen Aufklärer machen wollen, hat wohl weniger mit den belegbaren Tatsachen zu tun, die im Fall des Priesters H. ausschlaggebend sind. Sondern eher mit dem nachvollziehbaren Wunsch der „Zeit“-Redakteure, ihre Story wuchtig zu machen und das besagte Dekret – von dem man nicht weiß, woher sie es haben – zum Stolperstein aufzubauen, über den man einen Kardinal und späteren Papst stürzen lässt.

Doch wenn das Münchener Gutachten erst veröffentlicht ist, wird sich der juristische und zumal kanonistische Sachverstand akribisch mit den vorgelegten Fakten auseinandersetzen. Dann wird jedes Wort gewogen und jeder Beweis daraufhin abgeklopft, ob er auch stichhaltig ist. Bis jetzt hat man nur eine vage Behauptung in einem Dekret. Der der Emeritus energisch widerspricht. Und was er Genaueres zu dem Fall zu sagen hat, wird man erfahren. „Die Zeit“ hatte ihre Story. Und die ausgewiesenen Kirchenrechtler machen bald ihren Job. Dann wird man sehen.

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