Zwischen weltlicher Obrigkeit und den Zehn Geboten

Wirft Religion die Gesellschaft zurück? Ist sie der Motor des Krieges? Wie konnten die Kirchen den Krieg als „gerecht“ gutheißen? Die Studientagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein derselben Diözese stellte sich zu Beginn dieser Woche diesen Fragen. Knapp vierzig Personen – da ist das gute Dutzend Referenten schon mitgezählt – waren der hervorragend organisierten Tagung ins barocke Weingarten gefolgt. Leider weder Studenten noch Schüler darunter.

Professor Andreas Holzem von der Universität Tübingen eröffnete die dreitägige Konferenz mit der Frage: „Gibt es eine Kontinuität in der Deutung des Krieges von der frühen Neuzeit bis zur Moderne?“ In seinem Beitrag ging er Kriegsmotiven auf den Grund. Den Briefwechsel von Johann Morell und Valentin Heider führt er als Beispiel dafür an, wie der Dreißigjährige Krieg gedeutet wurde: als Glaubenskampf, religiöser Krieg und als Strafe und Prüfung Gottes. Gott rächt sich für die Sünden durch Krieg. Das evangelische Schwabenland sieht sich als Volk Israel, Heider wird zum Heiland.

Vom Ideal eines Gotteskriegers weit entfernt

Nikolaus Buschmann aus Tübingen nennt diesen Krieg „Urmythos nationaler Selbstzerfleischung“. Den Söldnern sei dabei die Religion egal gewesen, fügt Horst Carl aus Gießen hinzu: „Vom Ideal eines Gotteskriegers waren sie weit entfernt“. Professor Carl ging dann auf den Zeitraum von 1792 bis 1815 näher ein. Da habe es nur ein Jahr gegeben – 1804 – in dem die Waffen geschwiegen hätten. Überträgt man die neueren Schätzungen von fünf Millionen Toten in diesem Zeitraum auf die Bevölkerungszahl, so entspricht dies in etwa den Verlusten des Ersten Weltkriegs. Nach dem napoleonischen Katechismus von 1806 galt Kriegsdienstverweigerung als Todsünde, auf die „ewige Verdammnis“ folgte. Die Pfarrer waren angehalten, in ihren Predigten für den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit zu werben. Die Kirchen lieferten die religiöse Legitimierung des Krieges. Der Gefallenen wurde als „christlicher Märtyrer“ gedacht – Carl sieht dennoch in der Armee einen „schwierigen Ort für die christlichen Deutungsangebote“.

Nikolaus Buschmann betrachtete im Folgenden den Zeitraum von 1830 bis 1870. Seien die Kirchen von jeher „Vermittlungsinstanzen im Umgang mit Krieg“ gewesen, so komme im neunzehnten Jahrhundert eine neue Instanz hinzu: die Nation. Diese wurde zunächst von den Kirchen als Bedrohung der gottgewollten Ordnung bekämpft. Buschmann verdeutlicht, wie gut und flexibel sich die religiöse Semantik für die Legitimation von Gewalt, für den Aufbau von Feindbildern, die Sinnstiftung des Todes und die Motivation der Kampfbereitschaft verwenden ließ. Religiöse und nationale Deutungsangebote seien dabei verschmolzen.

Der deutsch-französische Krieg 1870/71 Christian Rak setzte mit seinem Vortrag „Feldgeistliche im deutsch-französischen Krieg 1870/71“ nahtlos an. 350 Priester haben als Feld- oder Lazarettgeistliche an diesem Krieg – auch er ein Gottesgericht – teilgenommen. Dabei sahen sich die Deutschen als auserwählte Werkzeuge des göttlichen Strafgerichts. Das katholische Deutschland, das den „gerechten Verteidigungskrieg“ nie in Frage stellte, führte ihn, um dem katholischen Leben in Frankreich zu neuem Aufschwung zu verhelfen. Die protestantischen Feldgeistlichen sahen das französische Übel in Rom begründet, deshalb führe man einen „heiligen Krieg“ gegen Frankreich, das für seine schlechte Behandlung der Protestanten bestraft werde. Der Protestantismus sah im deutschen Sieg einen Sieg der eigenen Konfession über den rückständigen Katholizismus Frankreichs.

Selbst Jahrzehnte später, im Ersten Weltkrieg, hatten die Kirchen noch „keine Autonomie“, um den Krieg zu kritisieren. Alle hätten den Beteuerungen der Regierenden Glauben geschenkt, dass der Krieg gerecht sei – so Professor Klaus Schreiner in seinem Referat „Helm ab zum Ave Maria!“. Der Waffengang sei heilig gewesen, daher rechnete man fest mit Gottes und Mariens Hilfe. Kriegsdienst war Gottesdienst. Das, was die Bundeslade für die Israeliten gewesen sei, „ist für unsere Krieger die heilige Kommunion“. Sie wurde unmittelbar vor der Schlacht empfangen.

Annette Jantzen lieferte hier einen wichtigen Mosaikstein für das Verständnis des Krieges aus französischer Sicht. Ähnlich wie auf deutscher Seite, wird in Frankreich der „Ruf des Vaterlandes“ als „Ruf Gottes“ verstanden. Die 22 gefallenen Priester des Bistums Nancy wurden als Helden, Märtyrer und „religiöses Opfer“ fürs Vaterland verehrt. Jantzen verweist in diesem Zusammenhang auf das päpstliche Dekret, demzufolge Geistliche Berichte über ihre Kriegs-teilnahme abgeben mussten. Leider fand die daraus folgende Frage „Was geschah mit Priestern, die im Kriege getötet hatten?“ im Rahmen der Tagung keinen Platz.

Sabine Kienitz befasste sich dafür mit einer für die Kirche ebenfalls heiklen Frage: Kann ein kriegsversehrter Priesteramtskandidat die Priesterweihe empfangen? Laut kanonischem Recht § 984,2 sind Personen, welchen ein Auge, ein Arm, eine Hand, ein Daumen oder ein Zeigefinger fehlt, von der Weihe ausgeschlossen. Als in den beiden letzten Kriegsjahren einige deutsche Diözesen pragmatisch-undogmatisch Kriegsversehrte zu Priestern weihten, befasste sich schließlich der Vatikan mit dem Thema. Er beugte sich und änderte das Kirchenrecht. Dies war der „Einbruch der Kriegsrealität ins kirchliche Leben“.

Zwischen 1618 und 1914 änderte sich die Lesart kaum

Christoph Holzapfel hat Hirtenbriefe der Diözesen Freiburg und Rottenburg-Stuttgart aus der Zeit der beiden Weltkriege untersucht. Auch hier tauchen wieder die Begriffe Strafe Gottes sowie der Aufruf zu Buße und Opferbereitschaft auf. Holzapfel sieht seit dem Dreißigjährigen Krieg bis zum Ersten Weltkrieg „kaum Veränderungen in der Deutung des Krieges“.

Antonia Leugers nahm die Wahrnehmung des Krieges im Ordensausschuss und der Bischofskonferenz unter die Lupe. Die in sich geschlossene Meinung der katholischen Bischöfe, die die Revisionspolitik Hitlers unterstützten, fußte auf der Einschätzung, dass der Bolschewismus schlecht sei, man am Kreuz Christi teilhaben solle – schließlich sei dies Gottes Wille. Bei der Beurteilung des Krieges tauchen die altbekannten Motive des Strafgerichts Gottes und der Heimsuchung auf.

Erst das Dritte Reich erzwang gesamtdeutsche Bischofskonferenzen. Dabei wurde der Älteste, der staatsloyale Bischof Bertram von Breslau zum Vorsitzenden. Sein „Harmoniemodell“, demzufolge Gott die Harmonie zwischen Kirche und Staat wolle, führte in der Folgezeit zu Opposition. Bischof Preysing von Berlin forderte das Abrücken von den Betramschen Vorstellungen. Auf der Sitzung im Jahre 1940 kam es zum Eklat zwischen den beiden Bischöfen. Im Sommer 1941 bildete sich der Ordensausschuss, der auch ein Laie angehörte. Dieser legte einen Entwurf für einen Hirtenbrief vor – um die Bischofskonferenz herauszufordern. Darin wurden die Gewaltmaßnahmen des Regimes angeklagt. Der Hirtenbrief wurde jedoch nicht verlesen. Zwei Jahre später spricht der Dekalog-Hirtenbrief des Jahres 1943 die Euthanasie, die Mischehen, die Sammellager, die Verhaftungen an und die Tatsache, dass „niemand in Deutschland sich seines Lebens sicher ist“. Leugers entdeckt hier „erste Spuren der Menschenrechte“ in der deutschen Bischofskonferenz.

Gerhard Besier, Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden, sieht im deutschen Protestantismus ein großes Zustimmungspotential für den Zweiten Weltkrieg. Für den schnellen Sieg gegen Polen habe man Gott gedankt. Ein Siegesrausch habe viele, sogar Bonhoefer erfasst. Karl Barth hingegen forderte auf, Hitlers Krieg als ungerecht zu entlarven. Dies stieß auf Ablehnung. Den Kriegsausgang habe man in der evangelischen Kirche als Strafe Gottes gesehen.

Robert Zurek beschloss die Tagung mit dem Referat „Versöhnung nach Verfolgung und Vertreibung?“, das etliche Zuhörer als „bewegend“ empfanden. Zurek ging in der Geschichte bis 1772 zurück, zur ersten Teilung Polens, verdeutlichte das lange bestehende schlechte Bild der beiden Völker voneinander, um festzustellen: „Auch ohne den Zweiten Weltkrieg wäre die Versöhnung sehr schwierig geworden. Für die Polen war die Nazi-Zeit die logische Fortsetzung der uralten anti-polnischen Politik Preußens.“

So schrieb ein polnischer Publizist nach dem Kriege, dass es für dieses Volk (der Deutschen) „keine Vergebung“ geben dürfe. Die Enttäuschung der polnischen Katholiken über die deutschen Glaubensbrüder und deren Bischöfe war groß. So gab es zunächst einmal keine nennenswerten Versöhnungsbemühungen nach Kriegsende, allerdings erklärten die polnischen Katholiken, dass sie auf Vergeltung und Rache verzichten würden.

Sühnewallfahrt als Meilenstein der Aussöhnung

Zurek nannte dann die kleinen Schritte, die für eine Annäherung sorgten: Sympathiebekundungen deutscher Katholiken für die Verfolgung der polnischen Kirche durch den Kommunismus sowie vereinzelte Begegnungen ab 1956, da wurde die Oder-Neiße-Linie durchlässiger. „Revolutionär“ war dann 1960 die Predigt von Bischof Döpfner, der als erster deutscher Bischof die Verbrechen der Deutschen gegenüber den Polen ansprach, was in Polen als „Ausdruck der deutschen Versöhnungsbereitschaft“ aufgenommen wurde. Von großer Bedeutung war die Sühnewallfahrt von Pax Christi im Jahre 1964 nach Polen – durchaus kritisch beäugt von kirchlicher Seite. Als „Wendepunkt“ bezeichnete Zurek den Briefwechsel zwischen polnischen und deutschen Bischöfen zur Zeit des Zweiten Vatikanums.

Die Botschaft der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ beeindruckte Millionen Deutscher und Polen. Die deutschen Bischöfe ihrerseits reagierten versöhnlich, blieben beim Punkt „Oder-Neiße-Linie“ jedoch hinter Döpfners Predigt zurück. 1968 unterzeichneten 160 deutsche katholische Intellektuelle das „Bensberger Memorandum“ in dem sie die Oder-Neiße-Grenze anerkannten. Dies stieß auf Ablehnung im katholischen Episkopat.

Am Schluss stand die Frage im Raum: Warum benötigten die polnischen und die deutschen Bischöfe zwanzig Jahre, um erste Schritte zur Versöhnung zu beschreiten? Das Fragezeichen hinter dem Titel des Vortrags war auch im Publikum angekommen und mancher fragte sich, ob trotz „aller guten Worte“ und „gemeinsamer Gebete der deutschen und polnischen Bischöfe“ der polnische Katholizismus bis heute auf eine Geste der deutschen Bischöfe wartet – ähnlich dem Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau?

Der christliche Soldat hat immer im Spannungsfeld gestanden zwischen Gottes Hilfe für die eigene Partei und dem Tötungstabu der Zehn Gebote sowie der christlichen Friedensaufgabe. Die Tagung machte eindrücklich klar, wie sehr Kaiser und Könige, Diktatoren, Fürsten, Bischöfe und Feldgeistliche den Soldaten halfen, sich darüber „guten Gewissens“ hinwegzusetzen.

Themen & Autoren

Kirche

Katholiken und Orthodoxe seien „gemeinsam zum gleichen Ziel unterwegs“, sagt der Grazer Bischof Krautwaschl.
02.02.2023, 19 Uhr
Stephan Baier
Menschenrechte gegen Katechismus: Eine Podiumsdiskussion über die Sexualmoral des Synodalen Weges fördert erneut weltanschauliche Gräben zutage.
02.02.2023, 13 Uhr
Anna Diouf
Bei zwei Begegnungen spricht sich der Papst für den Frieden und die Bekämpfung der Armut im Kongo aus. Hass und Gewalt seien niemals zu rechtfertigen, sagte er.
01.02.2023, 21 Uhr
José García
Man erhoffe sich von der Führung im Südsudan ein erneutes Bekenntnis zum Frieden und Bemühungen, das Friedensabkommen umzusetzen, so der Vatikanvertreter bei der UNO.
01.02.2023, 16 Uhr
Meldung