Neuevangelisierung

Zeugnis auf offener Straße

Mit fremden Menschen auf der Straße über den Glauben sprechen ist das „Back to the roots“ der Evangelisierung.
Gebet auf dem Congrès Mission Paris 2022
Foto: Congrès Mission 2022 | Manchmal endet ein Gespräch mit einem gemeinsamen Gebet in der nächsten Kirche.

Hallo, ich heiße Philippine, ich gehöre zur katholischen Gemeinde hier in Marseille und ich würde gerne mit Ihnen über Gott sprechen.“ Philippine E. gehört zu einer Gruppe von jungen Menschen, die den Auftrag Jesu zur Mission ganz wörtlich nimmt: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern!“ (Matthäus 28,19) Einen Freitagabend im Monat geht sie mit der Organisation Anuncio in den Straßen der Mittelmeermetropole auf Mission. Der Abend beginnt mit einer Einführung und gemeinsamem Lobpreis. Gestärkt durch den sakramentalen Segen machen sich die jungen Missionare dann zu zweit auf den Weg. Die Organisation Anuncio richtet auch den Pariser Missionskongress aus, der jeden Herbst stattfindet. Hier können die Teilnehmer auch praktische Erfahrungen in der Straßenmission sammeln.

Philippine gehört zu den jungen Freiwilligen, die die Teilnehmer dabei begleitet. Der „Tagespost“ bestätigt sie lachend, dass das mulmige Gefühl, das den Otto-Normalverbraucher bei der Idee beschleicht, wildfremde Menschen auf offener Straße in ein Glaubensgespräch zu verwickeln, ganz normal ist. „Dabei hat uns Jesus selbst dazu aufgefordert, die frohe Botschaft zu verkünden. Das bedeutet, die Liebe zu teilen, die ich empfangen habe. Dabei geht es niemals darum, dem anderen den eigenen Glauben aufzudrängen.“ Die junge Frau berichtet auch, dass es manchmal sogar leichter ist, bestimmte Dinge einem Fremden mitzuteilen, den man nach der Begegnung wahrscheinlich nie wiedersieht. „Oft traut man sich bei Bekannten nicht so recht, dieses oder jenes Zeugnis abzulegen, weil man sich fragt, wie die Leute einen danach ansehen werden. Mit einem Fremden zu sprechen gibt eine gewisse Freiheit.“

Glaube an die Vorsehung gehört zur Mission

Die Reaktionen, die Philippine und ihre Freunde erhalten, sind sehr unterschiedlich. Sie gehen von klarer Ablehnung bis hin zu Personen, mit denen man am Ende in der nächstgelegenen Kirche zusammen betet. „Menschen, die Gott ablehnen, haben oft schlechte Erfahrungen in der Kirche gemacht. Es kommt vor, dass das Gespräch dann nur darin besteht, dass die Person ihre negative Einstellung zur Kirche zum Ausdruck bringt. Aber auch da muss man durch, denn: Wenn das nächste Mal jemand die Person auf ihren Glauben anspricht, wird sie vielleicht offener sein, weil sie davor jemanden getroffen hat, der ihr zugehört und ihr geglaubt hat, ohne ihre Erfahrung wegzudiskutieren.“ Die Siebenundzwanzigjährige verwendet dafür gerne das Bild von den Mauern von Jericho: „Das Volk Israel zog sieben Mal um die Mauern von Jericho und beim siebten Mal sind sie gefallen. Vielleicht bin ich für diese oder jene Person nur der erste oder vierte, der vorbeikommt. Die Barrieren, die sie am Glauben hindern, werden vielleicht erst durch jemand anderen fallen. Man muss eben glauben, dass der Herr mich nicht grundlos zu dieser Person geschickt hat.“

Um auch dann, wenn ein Gespräch vermeintlich nicht so gut gelaufen ist, das Vertrauen zu bewahren, ist für Philippine das Gebet zum Heiligen Geist sehr wichtig. Darüber hinaus hat sich auch ein klarer Gesprächsablauf bewährt. Das Gespräch beginnt damit, direkt zu Beginn klar zu benennen, dass man von der katholischen Kirche kommt, um nicht beispielsweise mit den Zeugen Jehovas verwechselt zu werden. Philippine empfiehlt, anschließend mit einer offenen Frage in das Gespräch einzusteigen, um einen breiten Gesprächsraum zu eröffnen und das Gegenüber nicht mit einer direkten Frage zu überrumpeln. Diese könne lauten: „Wie ist deine Beziehung zu Gott?“ oder „Welche Beziehung hast du zum Tod?“ Fragen über den Sinn des Lebens erreichten die Menschen, weiß die junge Sozialpädagogin aus ihrer Erfahrung.

Eine offene Frage gibt den Straßenmissionaren auch die Möglichkeit, dem Gegenüber zunächst einmal geduldig zuzuhören. „Nur so vermitteln wir ihr das Gefühl, anerkannt und als Person wahrgenommen zu werden. Dann fällt es dem Menschen auch leichter, sich mitzuteilen, uns vielleicht einen Kummer anzuvertrauen oder eine Frage zu stellen, die ihn schon lange beschäftigt“, so Philippine. Durch aufmerksames Zuhören kann anschließend auch das persönliche Zeugnis darauf abgestimmt werden, was das Gegenüber gerade am meisten beschäftigt. „Es berührt die Menschen, wenn ihr Gegenüber ganz konkret von sich und seiner Gottesbeziehung spricht. Das persönliche Zeugnis muss man vorbereiten, damit es klar und prägnant ist. Es bedeutet auch, in Ruhe Revue passieren zu lassen, was man alles von Gott geschenkt bekommen hat. Allein das ist schon eine tolle Erfahrung. Und dann muss man natürlich überlegen, wie man dies Außenstehenden verständlich macht.“

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Wie eine kurze Begegnung zur Bekehrung führte

Die junge Französin hat sich selbst durch die Straßenmission bekehrt, allerdings sozusagen auf umgekehrtem Weg: Als sie selbst auf der Suche war, aber noch nicht an Gottes Existenz glauben konnte, war sie über Bekannte in eine Straßenmission hineingeraten. „Ich ging also los, um mit Menschen über den Glauben zu sprechen, dabei glaubte ich selbst nicht“, erinnert sich Philippine. Dabei traf sie einmal auf einen Mann, der fest von Gottes Existenz überzeugt war. Voll Frieden ging sie aus dem einstündigen Gespräch, nachdem sie jahrelang voll Unruhe gewesen war. „Während des anschließenden Lobpreises mit den übrigen Missionaren überkamen mich ein tiefes Gefühl der Wärme und die Gewissheit, dass Gott existiert und er mich liebt“, schließt sie ihr persönliches Zeugnis.

Seitdem kann sie aus eigener Erfahrung sagen, dass flüchtige, spontane Begegnungen tiefe Spuren hinterlassen können. Ein Dreh- und Angelpunkt der Straßenmission ist außerdem das Kerygma. „Damit geht man nicht in große theologische Konzepte, benennt aber kurz und knapp den Kern unseres Glaubens: Jesus, der Sohn Gottes, geboren von der Jungfrau Maria, hat auf unserer Erde gelebt, hat für uns gelitten, ist gestorben, auferstanden und möchte dich jetzt jeden Tag begleiten“, erklärt die Missionarin. Je nach Verlauf des Gesprächs lädt sie zum Abschluss zum gemeinsamen Gebet ein. Wenn die Person dazu nicht bereit ist, fragt Philippine, ob sie für den anderen und seine Anliegen beten darf. Außerdem verschenken sie und ihre Freunde von Anuncio kleine Evangelien oder die wundertätige Medaille. Wenn die Person aufgeschlossen ist, geben sie auch Anregungen, wo sie Anschluss an katholische Gemeinschaften finden kann.

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