Lemberg

"Wo ist jetzt Gott?"

Der Horror aus den russisch besetzten Gebieten der Ukraine erreicht mit den Flüchtlingsströmen auch die westukrainische Metropole Lemberg.
Friedhof von Lemberg
Foto: Stephan Baier | Frische Gräber gefallener Soldaten auf dem Friedhof von Lemberg: Hier weinen Mütter um ihre Söhne, Kinder um ihre Väter.

Der Krieg wirkt fern im westukrainischen Lemberg. Lässig entspannt stehen die jungen Männer der Territorialverteidigung am Checkpoint vor der Stadt. Nur wenige Raketen haben die galizische Metropole erreicht. Als mittags Raketenalarm ertönt, zuckt hier in der Menschentraube am Eingang der griechisch-katholischen Garnisonskirche niemand zusammen, keiner gerät in Panik oder sucht nach einem Schutzraum. Der Zelebrant drinnen denkt gar nicht daran, die Göttliche Liturgie zu unterbrechen. So fern und doch so nah ist Putins Krieg: Hunderttausende strömten aus dem Osten und Süden des Landes Richtung Lemberg, für Zehntausende werden nun winterfeste Containersiedlungen geplant.

Vor allem braucht es Trost

Im jüngsten Teil des Friedhofs weint eine Mutter um ihren Sohn, der für die Freiheit der Heimat gefallen ist. Zwischen den frischen Gräbern junger Männer spreche ich mit dem Lemberger Metropoliten der autokephalen "Orthodoxen Kirche der Ukraine" (OKU), Dimitrij Rudjuk. Er erzählt von Militärkaplänen, die an der Front bei den Soldaten sind, von Priestern, die Flüchtlinge betreuen. "Es mangelt den Menschen an Lebensmitteln, Kleidung, Hygieneartikeln. Vor allem aber brauchen sie Trost", sagt er. "Wenn wir Flüchtlinge besuchen, wird eine Frage immer gestellt: Wo ist jetzt Gott?"

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Aus den russisch besetzten Gebieten musste die Mehrheit der Priester fliehen, zumindest die, die nicht zum Moskauer Patriarchat zählen. "Jene, die geblieben sind, werden vielfach gefoltert", weiß der Metropolit. Fünf Priester seien erschossen worden, ein Mönch wurde grausam ermordet. "In den unter russischer Kontrolle stehenden Gebieten ist es kaum möglich, das pastorale Leben weiterzuführen." Die russische Armee fahnde nach Priestern und überprüfe mit vorgefertigten Fragebögen, welcher Kirche sie angehören. "Eine solche Liste wurde in der Nähe von Kiew gefunden."

"Kyrills Ideologie ist eine Häresie"

Seit Kriegsbeginn wechselten rund 600 Pfarrgemeinden von der "Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats" (UOK-MP) zur OKU. Seine Kirche habe von Patriarch Bartholomaios den Auftrag erhalten, die Einheit der gespaltenen Orthodoxie in der Ukraine zu suchen. Metropolit Dimitrij meint: "Das ist die zweite Front   angesichts der militaristischen Haltung von Patriarch Kyrill. Er unterstützt diesen Krieg, was unter den Gläubigen des Moskauer Patriarchats in der Ukraine für große Unruhe sorgt." Die von Kyrill propagierte Ideologie der "russischen Welt" sei eine Häresie, "denn sie widerspricht dem Evangelium und zerstört alles, was christlich ist".

Es sei die Aufgabe der Kirche, das Evangelium und die Caritas zu verbreiten. "Wir tun beides jetzt unter Bedingungen des Krieges", sagt der römisch-katholische Erzbischof von Lemberg, Mieczyslaw Mokrzycki im Gespräch in der Altstadt. "Jetzt wenden wir uns besonders den Flüchtlingen zu, die alles verloren haben, ihre Häuser und ihre Heimat." Er sei sehr zufrieden mit seinen Gläubigen und Priestern, die ihre Herzen und die Türen ihrer Häuser geöffnet hätten. Alle Priester seien in ihren Gemeinden geblieben. "Keiner hatte Angst, keiner hat seine Pfarrei und seine Herde verlassen."

Dezente Kritik am Papst

Dankbar seien die Ukrainer dem polnischen Volk, "dafür, wie die Polen ihre Herzen und Häuser geöffnet haben, und für den Strom an humanitärer Hilfe". Er hoffe, dass dies die Wunden zwischen Polen und Ukrainern heilt. Probleme gebe es mit der Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, die in einigen Teilen des Landes bereits verboten wurde. Er selbst hält von staatlichen Verboten wenig, weil "ein demokratischer Staat, wie überall in Europa, volle Religionsfreiheit gewähren muss".

Dezente Kritik übt der Erzbischof, der von 1996 bis 2005 zweiter Sekretär von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. war, an Papst Franziskus: "Nicht nur die griechisch-katholischen Gläubigen, auch wir sind nicht mit allen Gesten des Heiligen Vaters gegenüber Russland einverstanden, aber vielleicht verstehen wir seine Intentionen und seine Politik nicht gut." Nun sei es "beinahe offiziell, dass der Heilige Vater, sobald er aus Kanada zurückkehrt, entscheidet, wann er nach Kiew kommt: möglicherweise im August oder September". Allerdings: "Es wäre ein Desaster, wenn der Heilige Vater zunächst Russland besuchen würde, und dann erst die Ukraine. Es ist möglich, dass die Grenzen der Ukraine für ihn geschlossen wären, wenn er aus Russland zurückkäme", so Erzbischof Mokrzycki.

Kirche ist bei den Leidenden

Diplomatischer gibt sich der junge griechisch-katholische Weihbischof vom Lemberg, Volodymyr Hrutsa. Ein Papstbesuch scheint ihn nicht sehr zu bewegen. Wichtiger ist ihm, dass seine Kirche bei den Leidenden ist: "Unsere Kirche war lange im Untergrund, aber immer mit dem Volk." Sie sei für das Nationalbewusstsein entscheidend gewesen und helfe Menschen in Not. "Unsere Kirche ist immer sozial engagiert, unsere Gläubigen haben geteilt, was sie hatten." Im "Haus der Barmherzigkeit" kann man das sehen: Da kümmern sich Priester und Freiwillige um Flüchtlings- und Waisenkinder. Die Herausforderungen sind gewaltig. "Der Staat soll seine Mitverantwortung tragen, nicht alles auf die Kirche schieben", fordert Bischof Hrutsa. "Die Menschen sind ärmer geworden, und damit auch die Kirche, weil sie von Spenden der Menschen lebt."

Auch er hält nicht viel von einem staatlichen Verbot der UOK-MP: "Unsere Kirche war auch einmal verboten", sagt er mit Verweis auf die Verfolgung der unierten Katholiken in der Sowjetunion. "Die Menschen sollen selbst entscheiden, aber bewusst und informiert." Und: "Die orthodoxe Kirche muss ihre Identität selbst finden." Tatsächlich hält der Verfall der UOK-MP in der Ukraine an. Viele Orthodoxe wandern zur autokephalen Kirche ab. Hrutsa spürt auch: "Viele orthodoxe Flüchtlinge aus dem Osten des Landes haben fast keine Ahnung vom Christentum." Die Religiosität war in der Ukraine im griechisch-katholischen Westen traditionell stärker als in den dominant orthodoxen Regionen.

Krieg ändert das Gewissen der Menschen

Aus dem Osten weiß Bischof Wassyl Tutschapez, der Erzbischöfliche Exarch von Charkiv, zu berichten. Seine Bischofsstadt ist wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt und stark unter Beschuss. Die griechisch-katholische Kirche, die er hier leitet, ist im russischsprachigen Osten nicht sehr beheimatet, sondern baute erst nach der Unabhängigkeit 1991 Gemeinden auf. "Es ging darum, die hier arbeitenden Menschen aus dem Westen und die zu Sowjetzeiten Deportierten seelsorglich zu betreuen.

Die Mehrheit ist orthodox", erzählt er. "Doch der Krieg ändert das Gewissen der Menschen." Eine Mutter habe ihm erzählt, dass ihr Sohn im Krieg gefallen sei. Dann bat sie um ein Gebetbuch auf Ukrainisch, weil sie nach der Ermordung des Sohnes nicht mehr auf Russisch beten möchte.

Viele wollen nicht mehr russisch sprechen oder beten

Traditionell seien die Kontakte über die Grenze hinweg eng gewesen, doch jetzt höre er wenig Positives über Russland. "Viele Verwandte in Russland halten die Nachrichten aus der Ukraine für Fake News oder sagen, wenn Putin das macht, dann müsse das so sein. "Auch die Russischsprachigen identifizieren sich jetzt mehr und mehr mit der Ukraine", so Tutschapez. "Die Kontakte mit Russland werden weniger und weniger." Etwa 1500 Menschen bekommen täglich in seiner Kirche humanitäre Hilfe, unabhängig von ihrer Konfession. "Das ändert die Haltung der Menschen zu unserer Kirche. Einige, die vorher nie kamen, beten jetzt in der Kirche.

Viele wollen nicht mehr russisch sprechen oder beten." Wie so viele Häuser in Charkiv hat auch das Bischofshaus keine Fenster. "Ich lebe einfach in der Kirche." Viele Leute hätten nun weder Arbeit noch Geld. "Eine Frau mit zwei Universitätsabschlüssen kam zu mir. Sie schämte sich, um Hilfe zu bitten, sagte aber, sie würde verhungern, wenn sie jetzt nicht bettle."

Loblied auf die Gastfreundschaft der Polen

Vorbei am Checkpoint und an der Grenze, wo sich Lastwägen stauen, nach Przemysl, gleich hinter der ukrainisch-polnischen Grenze. Mehr als 3,5 Millionen Ukrainer kamen auf dieser Route. Manche zogen weiter nach Westen, einige kehrten in die Heimat zurück, viele blieben bei den gastfreundlichen Nachbarn. Eugeniusz Popowicz, der griechisch-katholische Metropolit von Przemysl, führt durch seine Kathedrale, die Papst Johannes Paul II. persönlich den unierten Ukrainern schenkte.

Am besten ging es der katholischen Kirche des byzantinischen Ritus in dieser Region in der Ära der österreichischen Monarchie, schwärmt Popowicz. Dann stimmt er ein Loblied auf die Gastfreundschaft der Polen an, auf den Erzbischof von Krakau, der ihm gestattet, überall die byzantinische Liturgie zu feiern. "Ein geschichtlicher Wandel" ereigne sich da in den lange belasteten Beziehungen zwischen Ukrainern und Polen. "Niemand hat damit gerechnet, vor allem nicht Wladimir Putin!"

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