Kirche

Wenn lebende Psalmen durch die Straßen ziehen

Gebet, Schweiß und Tränen in der „Heiligen Woche“: Die Tradition der Karprozessionen in Spanien ist ein Glaubenszeugnis Von Andreas Drouve
Büßer tragen am Karfreitag die tonnenschwere Station "Der Nazarener"
Foto: dpa | Büßer tragen am Karfreitag die tonnenschwere Station „Der Nazarener“ an der Kathedrale im kastilischen Palencia vorbei.

Es sind gespenstische Bilder, ergreifend, überwältigend. Bilder von Schmerz, Stille und tiefster Anteilnahme, wenn während der spanischen Karwoche Nazarenos, Büßer in langen Gewändern, durch die Straßen ziehen. Manche gehen barfuß, tragen Kerzen, Kreuze und Standarten. Spitze Kapuzen verhüllen Gesichter und Köpfe, die Augen funkeln durch schmale Schlitze und rufen bei manchen Bilder vom Ku-Klux-Klan ins Gedächtnis. Doch in den Straßen Sevillas und andernorts motiviert religiöse Inbrunst den Schritt vor den Zuschauermassen. Kilometer um Kilometer und Stunde um Stunde, bei denen die Träger der Pasos an ihre Schmerz- und Leistungsgrenzen gehen. Pasos sind tonnenschwere Aufbauten mit Heiligenskulpturen, einer Maria im Kerzenmeer oder szenischen Darstellungen. Da sieht man Ensembles wie das Letzte Abendmahl, den Judaskuss oder Veronika, die Jesus das Schweißtuch reicht. Schrittchen für Schrittchen schieben sich die Träger voran und folgen den eingespielten Kommandos, vom Gesamtgewicht des Paso entfällt auf jeden leicht ein Zentner.

„Allein in Sevilla gibt es mehr als fünf Dutzend große Laienbruderschaften“

Während der spanischen Karwoche, der Semana Santa, brechen Emotionen auf, die sich ein Jahr lang aufgestaut haben. Rückgrat bilden die zahlreichen, über das ganze Land verteilten Laienbruderschaften (Cofradías, Hermandades), Höhepunkt ist der Karfreitag. Dann durchlebt jeder einzelne Teilnehmer besonders intensiv die Leidensgeschichte Jesu Christi und teilt symbolisch und körperlich den Schmerz des Gekreuzigten.

Was weniger mit Showtime auf den Straßen, denn mit tiefinnerstem Gefühl zu tun hat. Deswegen wirkt alles so dramatisch, so intensiv, so an- und aufrührend, selbst in Zeiten des bröckelnden Glaubens. Volksfrömmigkeit bleibt Volksfrömmigkeit. Und Tradition ist Tradition, die in Spaniens Süden von Andalusiern gepflegt wird, die einen besonders ausgeprägten Sinn für das Andächtige, das Ergebene haben.

Die Karfreitagsprozessionen gehören zu den eindrucksvollsten Erlebnissen im spanischen Festgeschehen. Allein in Andalusiens Hauptstadt Sevilla gibt es mehr als fünf Dutzend große Laienbruderschaften, die sich durch die Farbtracht ihrer Tunikas und Kapuzen sowie ihre kunstvoll gearbeiteten Pasos unterscheiden; manche Bruderschaften in Sevilla zählen mehrere tausend Mitglieder. Mit Kernpunkt Kirche in ihrem angestammten Viertel, brechen die Teilnehmer auf ihre vorgegebenen Prozessionswege auf und können sieben Stunden und länger unterwegs sein. Sevillas älteste Bruderschaften gehen auf das Spätmittelalter zurück: die Hermandad de Silencio und die Hermandad de la Vera Cruz. Bei der Zugehörigkeit vermischen sich Glaube und Familientradition. Mittlerweile stehen in „Bruderschaften“ wie der Hermandad de la Candelaria Frauen gleichberechtigt ihren Mann und unterwerfen sich bei den Pasos einer Schweiß treibenden Millimeter-, Fein- und Teamarbeit: ob unter den Aufbauten hinter kleinen Samtvorhängen versteckt oder mit Schulterpolstern an den Seitenbügeln gerüstet. Die Trägertätigkeit bedeutet höchste Ehre, man fiebert dem Ereignis entgegen. Unterwegs darf keine Kerze ins Wanken und Schwanken geraten, kein Blumengebinde, keine Lichterkette. Mitunter gilt es, die Aufbauten haarscharf durch das Portal der Kirche zu manövrieren, selbst auf Knien. Entgegen dem sonstigen Grunddenken in Spanien, bleibt unterwegs keine Schrittfolge und kein Kommando dem Zufall oder der Spontaneität überlassen. Kommandos zum Absetzen und Aufnehmen des Paso wollen ebenso eingespielt sein wie all die Schritt- und Bewegungsabläufe, die Tage und Wochen vor der Semana Santa zu Generalproben in den Straßen führen. Gelegentlich geben sich die Träger etwas träger und schieben lieber: mit Pasos auf Rollen. Doch das ist nicht die Regel. Besucher seien vor Enttäuschung gewarnt, denn bei Himmelssturzbächen kommen die Pasos erst gar nicht zum Einsatz – die wertvollen Skulpturen und Ensembles könnten Schaden davon tragen. Immerhin gehen viele der polychromierten Holzschnitzwerke auf das 17. und 18. Jahrhundert und bedeutende Meister wie Gregorio Fernández und Francisco Salzillo zurück. Mehrere werden auch beim Kreuzweg zu sehen sein, den Papst Benedikt XVI. im August während des Weltjugendtags in der Innenstadt von Madrid mit Pilgern aus aller Welt betet.

Als bedeutende Bildhauer anderer Generationen seien Mariano Benlliure (1862–1947; unter anderem mit „Jesus fällt unter dem Kreuz“ im andalusischen Städtchen Úbeda) und Federico Coullaut-Valera (1912–1989; „Die Verleugnung des Petrus“ in Orihuela) genannt. In der Reihe der bekanntesten Pasos in Sevilla stehen „Unserer Herr Jesus von der großen Macht“ (Nuestro Padre Jesús del Gran Poder), „Die Schmerzhafte“ der Barockbildhauerin Luisa Roldán sowie die Macarena-Jungfrau, die, je nach Gesichtswinkel betrachtet, weint oder lacht. Nichts für Zartbesaitete ist die Barockskulptur El Cachorro, ein Schmerzensmann mit halboffenem Mund und verdrehten Augen. Der Legende nach soll der Bildhauer sie im siebzehnten Jahrhundert nach Vorlage eines auf der Trianabrücke erstochenen Vagabunden geschaffen haben.

„Zum Kreuz aufsteigen und

Jesus von den Nägeln befreien?“

Die Ergriffenheit – speziell am Karfreitag – greift in Andalusien nicht einzig unter Sevillanern um sich. In Granada, Córdoba und Arcos de la Frontera setzen sich ebenso bewegende Prozessionen in Gang wie in Málaga, wo man seit dem 18. Jahrhundert mit der vorzeitigen Entlassung eines Strafgefangenen einen seltsamen Brauch pflegt. Er gründet sich auf die Regierungszeit von König Karl III., als in der Stadt eine Epidemie herrschte, die Inhaftierten einen Paso durch die verseuchten Straßen trugen und später brav ins Gefängnis zurückkehrten.

Spaniens Nordlichter – gemeinhin kühler und gesetzter als Andalusier – stehen der österlichen Hingabe in nichts nach; die Städte Burgos und León und Orte wie Corella in Navarra stehen für ausgesprochen ausdrucksstarke Karfreitagsprozessionen.

Auf lange Tradition blicken außerdem Zamora, Cuenca, Jerez de la Frontera, Valladolid, Ávila, Segovia und Murcia zurück. Andernorts verausgaben sich die Teilnehmer bei den Geißlerprozessionen von San Vicente de la Sonsierra (La Rioja) und dem Trommelmarathon von Calanda (Aragonien) bis zum blutigen Exzess. Was wiederum nicht das Geringste mit Passionsspielen wie in Alcorisa (Aragonien) oder einer Stilleprozession am Karfreitag gemein hat; eine solche „Procesión del Silencio“ gibt es sogar in der ansonsten trubeligen Hauptstadt Madrid.

Eine Bruderschaft mit Paso sei, so heißt es in einer Schrift zu den Osterbräuchen in Kastilien-León, eine Botschaft des Glaubens und ein lebender Psalm. Prozessionen in Andalusien werden gelegentlich von Saetas begleitet, a cappella angestimmten Wehklageliedern, die durch Mark und Bein und zu Herzen gehen. „Wer“, so heißt es in einer Saeta, „leiht mir eine Leiter, damit ich zum Kreuz aufsteigen und Jesus von den Nägeln befreien kann?“

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