Weihnachtsforum 2021

Wenn das Kind zum Produkt wird

In westlichen Industrienationen werden heute drei von 100 Kindern im Labor erzeugt. Wie künstliche Befruchtung und der technische Fortschritt der Reproduktionsmedizin die Sicht auf das Kind verändern.
Modell eines Embryos in einem Laborglas
Foto: Imago images | Wo der Mensch als herstellbares Produkt betrachtet wird, können mit Fehlern behaftete Exemplare nicht auf Nachsicht hoffen, wird Qualitätssicherung und die Weiterentwicklung der Angebotspalette anhand geäußerter oder ...

"Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen“. So lautet der Titel eines hunderttausendfach verkauften und immer noch sehr lesenswerten „Elternbuches“, das die im vergangenen Jahr verstorbene tschechische Psychologin Jirina Prekop zusammen mit der Kinderärztin Christel Schweizer vor mehr als drei Jahrzehnten verfasste. Ein Klassiker, der etliche Auflagen erfuhr und der, einem Eisberg darin nicht unähnlich, aus dem Meer der Erziehungs-Ratgeber herausragt wie nur wenige andere.

Gleichwohl mutet sein ehrfurchtgebietender Titel heute merkwürdig an. Er klingt, als wäre er irgendwie aus der Zeit gefallen. Wundern kann das kaum.

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Gäste erscheinen gebeten oder – hin und wieder – auch ungebeten. So oder so konfrontiert ihre bloße Existenz mit dem Unverfügbaren, das Personen auszeichnet und fordert zur Stellungnahme heraus. In einer Welt aber, in der selbst vorgeburtliche Kindstötungen immer häufiger als legitimes Mittel der Familienplanung und Geburtenregelung betrachtet werden und Offerten der Reproduktionsmedizin auch für fruchtbare Paare zunehmend an Attraktivität gewinnen, wandelt sich zwangsläufig auch der Blick, mit dem auf Kinder geschaut wird.

Zumindest wird es in einer solchen Welt schwerer, Kinder noch länger ganz selbstverständlich als ungeschuldete Gaben und verantwortungsvoll Aufgegebenes zu betrachten, statt als etwas, das Erwachsene sich „zulegen“ oder „anschaffen“, sofern ihnen der Sinn danach steht und sie die Umstände dafür als günstig erachten.

Offerten zur Befriedigung aller Kundenwünsche

„Kinder machen“ lautet nicht umsonst der Titel eines vielbeachteten Buches, in welchem der Lüneburger Kulturwissenschaftler Andreas Bernard, obgleich eher unkritisch und vielfach zustimmend, die „neuen Reproduktionstechnologien“ in den Blick nimmt und ihre Auswirkungen auf „die Ordnung der Familie“ beschreibt. Das mit fast 550 Seiten recht üppig ausgefallene Werk liest sich wie der Frontbericht eines „embedded journalist“, eines in Truppenteile eingebetteten Kriegsberichterstatters. Nur dass dieser aus den Labors von Reproduktionskliniken, Samenbanken und Kinderwunsch-Praxen berichtet. In dem Opus magnum wartet Bernard mit der Erkenntnis auf, dass der Reproduktionsmediziner „das Ergebnis seiner Konservierungs- und Injektionskünste nicht als Subjekt denken“ könne.

Etwas anderes kommt hinzu: Das Gesellschaften schleichend, aber empfindlich Verändernde liegt in der Umkehrung der Stoßrichtung der Beziehungen. Eine Beziehung 'Gast – Gastgeber' fordert in erster Linie den Gastgeber. Er ist es, der vor allem und zunächst „liefern“ muss. Die Beziehung 'Kunde – Produkt' verläuft hingegen entgegengesetzt: Liefern muss hier das Produkt. Erwartet wird vor allem, dass es gefällt. Zugleich wird gefallen zu können durch den technischen Fortschritt in der Reproduktionsmedizin immer schwerer. Wobei es sicher kein Zufall ist, dass sich in dem Kompositum „Reproduktionsmedizin“ auch das Wort „Produkt“ versteckt.

Einst als „ultima ratio“ gepriesen, um verzweifelten unfruchtbaren Paaren doch noch zu Nachwuchs zu verhelfen, ist aus der Reproduktionsmedizin längst eine Industrie geworden, die maßgeschneiderte Offerten zur Befriedigung selbst ausgefeilter Kundenwünsche bereithält. Dabei reicht die Angebotspalette heute von Gentests, mit denen Eltern ihre im Labor erzeugten Embryonen auf mehr als 400 vererbbare Krankheiten testen lassen können, bevor sie in den Uterus der Mutter implantiert werden, über die Arrangements von Leihmutterschaften, einschließlich solcher, mit denen sich Kliniken speziell an homosexuelle Paare wenden, bis hin zur Geschlechtsselektion mittels Präimplantationsdiagnostik (PID) und zum sogenannten „social freezing“.

Mit „Fehlern“ behaftete Exemplare können nicht auf Nachsicht hoffen

Das Einfrieren von Eizellen ohne medizinische Indikation sorgte erstmals im Herbst 2014 für Schlagzeilen, als der US-amerikanische Fernsehsender NBC meldete, die IT-Riesen „Facebook“ und „Apple“ zahlten weiblichen Angestellten bis zu 20.000 US-Dollar, wenn diese ihre Eizellen einfrören und ihren Kinderwunsch aufschöben, um sich in jungen, fruchtbaren Jahren ganz ihrer Karriere in den Konzernen zu widmen. Rund 10.000 Dollar kostet das Verfahren, bei denen Frauen sich zunächst einer Hormonbehandlung unterziehen, um statt der einen binnen eines Zyklus möglichst viele Eizellen heranreifen zu lassen.

Dabei wird das Wachstum der Follikel laufend mittels Ultraschall kontrolliert. Am Ende der Hormonbehandlung werden die Eierstöcke der Frauen mit einer Nadel punktiert und die Eizellen abgesaugt. Anschließend werden diese einer Qualitätsprüfung unterzogen und schließlich bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff nach einem relativ neuen Verfahren schockgefroren. Die Kosten für die anschließende Lagerung der Eizellen betragen in den USA rund 500 Dollar pro Jahr.

Wo der Mensch als herstellbares Produkt betrachtet wird, können mit „Fehlern“ behaftete Exemplare nicht auf Nachsicht hoffen, wird „Qualitätssicherung“ und die „Weiterentwicklung“ der Angebotspalette anhand geäußerter oder vermuteter Kundenwünsche gewissermaßen zur Pflicht.

Labor-Embryonen, nach Geschlecht selektiert

Ein prominentes Beispiel, an dem sich diese Entwicklung recht anschaulich nachvollziehen lässt, sind die 1986 gegründeten „Fertility Institutes“ des US-amerikanischen Reproduktionsmediziners Jeffrey Steinberg. In seinen Niederlassungen in Los Angeles, New York und Guadalajara (Mexiko) bietet Steinberg, der noch bei den britischen Pionieren der künstlichen Befruchtung, dem Tierphysiologen Robert Edwards und dem Gynäkologen Patrick Steptoe in die Schule ging, die 1978 im Royal Oldham Hospital in Manchester die Britin Lesley Brown per Kaiserschnitt von dem weltweit ersten Retortenbaby entbanden, heute praktisch alles an, was technisch möglich ist.

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Vor rund zwei Jahrzehnten spezialisierte er sich darauf, die in seinen Labors erzeugten Embryonen nach Geschlecht zu selektieren. Möglich ist das, weil sich unter Neonlicht das Y-Chromosom, das nur männliche Embryonen besitzen, mit dem Mikroskop zweifelsfrei ausfindig machen lässt. Um das Geschlecht zu ermitteln, führen Steinbergs Mitarbeiter an den künstlich erzeugten Embryonen Biopsien durch und untersuchen die dabei abgetrennten Zellen anschließend auf Anomalien.

Da jede Zelle das gesamte Erbgut enthält, lassen sich dabei auch die Geschlechtschromosomen zuverlässig ermitteln. Rund 19 000 Dollar kostet eine solche Geschlechtsselektion bei Steinberg, der von sich behauptet, auf diesem Gebiet „weltweit führend“ zu sein.

Reproduktionsmedizin soll bald jedem offenstehen

Seit einigen Jahren bieten die „Fertility Institutes“ Kunden zusätzlich zur Bestimmung des Geschlechts auch die Möglichkeit an, Einfluss auf die Wahl der Augenfarbe des Kindes zu nehmen. Gegen einen Aufpreis von 4 000 Dollar. Dazu muss man wissen, dass die Augenfarbe, anders als das Geschlecht eines Kindes, durch eine Vielzahl genetischer Faktoren bestimmt wird. Kenne man diese Faktoren, lasse sich jedoch die Wahrscheinlichkeit durch die Auswahl der Embryonen, die die „genetischen Codes“ für die gewünschte Augenfarbe erhielten, „erheblich erhöhen“, heißt es unter dem Button „Augenfarben Selektion!“ auf der Firmenhomepage von Steinbergs „Fertility Institutes“.

In den westlichen Industrienationen werden mittlerweile etwa drei von 100 Kindern im Labor erzeugt. In Deutschland hat sich nun die neue Ampelkoalition darauf verständigt, die Reproduktionsmedizin in den kommenden vier Jahren massiv zu fördern. Dabei sollen künstliche Befruchtungen nicht länger nur unfruchtbaren verheirateten Paaren offenstehen, sondern im Prinzip jedem. In ihrem Koalitionsvertrag halten SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP dazu fest: „Künstliche Befruchtung wird diskriminierungsfrei auch bei heterologer Insemination (Anm. d. Redaktion: per Fremdsamenspende), unabhängig von medizinischer Indikation, Familienstand und sexueller Identität förderfähig sein. Die Beschränkungen für Alter und Behandlungszyklen werden wir überprüfen.“ Zudem soll eine noch einzusetzende Kommission „Möglichkeiten zur Legalisierung der Eizellspende und der altruistischen Leihmutterschaft prüfen“.

Dass dies einer Betrachtungsweise zuträglich ist, die Eltern in Kindern noch Gäste erblicken lässt, die sie nach dem Weg fragen, braucht niemand zu erwarten.

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