Theologie

Weder Monarchie noch Basisdemokratie

Nicht der Papst begründet die Leitungsgewalt in der Kirche, sondern der durch das Weihesakrament wirkende Heilige Geist. Eine gebotene Klarstellung.
Priesterliche Dienst beinhaltet weit mehr als eine rein empirisch-funktionale Dimension
Foto: Corinne Simon (KNA) | Der priesterliche Dienst beinhaltet weit mehr als eine rein empirisch-funktionale Dimension.

In einem kürzlich in der „Neuen Ordnung“ (Heft 4, auf den Seiten 292-300) erschienenen Beitrag stellt Winfried König –  über Jahre Leiter der deutschen Abteilung im Vatikanischen Staatssekretariat – eine provokante Frage: „Braucht das Volk Gottes geweihte Hirten?“ Die Aussage mag wie eine Reminiszenz erscheinen an die im Kontext des deutschen „Synodalen Weges“ gestellte Frage nach der Notwendigkeit des Priesteramtes in der Kirche überhaupt. Die Stoßrichtung des erwähnten Artikels zielt jedoch über die Begründung des Priesteramtes hinaus. Der Autor missbilligt die Loslösung des kirchlichen Rechts aus dem theologisch-ontologischen Kontext und verweist auf den lutherischen Kanonisten Rudolf Sohm (†1917). König sieht die unannehmbare Wiederauftischung dessen alter Irrtümer in nichts Geringerem als in der päpstlichen Konstitution zur Reform der Kurie „Praedicate Evangelium“ vom 19. März 2022.

Diese enthält einen für das Ineinander von Amt und Sakrament theologisch irritierenden Artikel 15, der bei der römischen Präsentation des Dokuments vom Kirchenrechtler Gianfranco Ghirlanda SJ folgendermaßen erklärt wurde: „Nach ,Praedicate Evangelium’ Art. 15, können auch die Laien derartige Angelegenheiten [welche den Vollzug der Leitungsvollmacht erfordern] bearbeiten, indem sie die ordentliche Vertretungsgewalt vom Papst durch die Übertragung des Amtes empfangen haben. Das bestätigt, dass die Leitungsgewalt in der Kirche nicht vom Sakrament der Weihe, sondern von der Beauftragung kommt.“ Solche Behauptung des neu ernannten Kardinals Ghirlanda, ja sein Rückfall in Rudof Sohms irriges Kirchenverständnis fordert heraus.

Integration des dreifachen Dienstes

Während König die Problematik mithilfe einiger Argumente sowohl ekklesiologischer wie auch soziologischer Art angeht, sei hier systematisch die Theologie des Weihesakramentes skizziert – und zwar nach dem Dekret „Presbyterorum ordinis – Über Dienst und Leben der Priester“. Dieser Beschluss konnte als einer der letzten des Zweiten Vatikanum den ganzen theologischen Reichtum aufnehmen, den der konziliare Prozess den Konzilsvätern vermittelt hatte. In Lichte dieses Dekrets lassen sich nun drei Problemkreise identifizieren, die das Weihe-Sakrament auszeichnen: die Integration des dreifachen Dienstes („munera“), die Qualifikation von Existenz und Dienst des Geweihten durch die sakramentale Geistesgabe und die seinshafte Grundlegung amtlicher Sendung.

Der Formulierungsprozess des Priesterdekretes im Zweiten Vatikanum zeigt eine klare und feste Überzeugung der Konzilsväter, die Einheit der drei „munera“ des geweihten Dienstes (munus sanctificandi, praedicandi und governandi, sprich: Heiligung, Evangelisierung und Gemeindeaufbau durch Leitung) zu lehren. Der endgültige Text enthält dann unter den Nummern 4 bis 6 die dreiförmige Darlegung der amtlichen Aufgaben, angefangen von der Wortverkündigung (Nr. 4), über das Altarssakrament mit der „Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation“ (Nr. 5), bis hin zur Teilhabe am „Amt Christi, des Hauptes und Hirten“ (Nr. 6). An der Zugehörigkeit der Leitung zum Kern des priesterlichen Dienstes lässt der Text keinerlei Zweifel, vielmehr wird sein unlösbarer Konnex mit den anderen „munera“ artikuliert: „Wie zu den übrigen priesterlichen ,munera’ wird auch zu diesem eine geistliche Vollmacht verliehen, die zur Auferbauung gegeben wird“ (Nr. 6).

Gegenüber der vorkonziliar immer noch dominierenden Trienter Identifizierung des Priesters mit einem Sakramenten-Spender hat das Zweite Vatikanum die Wortverkündigung als eine wesentliche Aufgabe des Priesters hervorgehoben und dadurch die intrinsische Verbindung der Feier der Glaubenssakramente mit der Weckung und der Stärkung dieses Glaubens durch den Dienst am Wort verdeutlicht. Auf diese Weise reicht die Wortverkündigung in die Sakramentenspendung hinein. Beide dienen schließlich dem Aufbau der Gemeinde, und zwar auf die Art und Weise, dass der vorsitzhaltende Priester das Opfer der Gläubigen mit dem einmaligen Opfer Christi verbindet (vgl. Röm 12,1), weil dessen Kreuzesopfer vergegenwärtigt wird. So ermöglicht und leitet der Priester in seinem Dienst den Aufbau der Gemeinde.

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Sakramentale Geistesgabe: Qualifikation von Existenz und Dienst durch die Weihe

In den gegenwärtigen Diskussionen erscheint das Weihe-Amt oft empirisch-funktional grundgelegt. Demnach würde es sich beim Dienst des Geweihten um eine bloß soziologische Funktion des Gemeindelebens handeln, die auf der Basis einer entsprechenden, möglicherweise auch zeitlich begrenzten Delegation „von unten“ zugewiesen würde. Solches Verständnis geht einher mit der rechtspositivistischen Amtsbefähigung durch eine rechtliche Delegation „von oben“. So verliert jedoch die kirchliche Amtsbestellung ihre entscheidende sakramentale Fundierung.

Ferner geht die eigentliche Qualifizierung des Geweihten grundsätzlich der Zuordnung von Diensten voraus. Die Kirche glaubt ja, dass der Kandidat im Weihesakrament eine neue, spezifische Gnadengabe empfängt. Wiederum ist hier die Redaktionsgeschichte von „Presbyterorum ordinis“ ein hilfreicher Beleg. Auf Betreiben einiger Bischöfe und in einer bewussten Absetzung vom westlich geprägten Juridismus hat man demnach die Salbung des Heiligen Geistes in der Priesterweihe ausdrücklich betont. Damit stellt das Konzil klar, dass der Heilige Geist die eigentliche Ermöglichung des amtlichen Handelns des Priesters in der Person Christi darstellt und die Handauflegung als Mitte des Weihegeschehens bestimmt wird – eine Tatsache, die übrigens in der Geschichte der Ordinationsformulare seit der „Traditio apostolica“ aus dem dritten Jahrhundert seine Bestätigung findet. Die hier avisierte Geistesgabe zielt somit nicht auf bestimmt sazerdotale Einzeltätigkeiten, sondern auf eine spezifische Gnadenbegabung, die sich in den unterschiedlichsten amtlichen Akten niederschlägt.

Die seinshafte Grundlegung der Sendung

Die in der Weihe mitgeteilte Geistgabe ist also im Lichte des Konzilsdokumentes die entscheidende sakramentale Voraussetzung für den Vollzug des priesterlichen Dienstes zum Aufbau der Gemeinde. Wenn so die gnadenhafte Ermöglichung kirchlichen Handelns gegenüber ihrer rechtlichen Seite herausgestellt wird, dann heißt es, dass ein kirchliches Amt weder durch absolutistisch-politische (von oben) noch durch lokal-basisdemokratische (von unten) Vollmachtsübertragung auf erwählte Repräsentanten gestiftet werden kann.

Als Drittes ist schließlich zudem festzuhalten: Eine positivistische Zuweisung von kirchlichen Diensten mittels simpler Rechtsakte missachtet die seinsmäßige Grundlegung kirchlicher Sendung. Würde die Rechtsperspektive allein den kirchlichen Dienst bestimmen, würde die Kirche zu einem absolutistischen Sozialkörper deformiert; ihre transzendente Verankerung fiele aus. Die fundamentale, anthropologische Beziehung zwischen Sein und Tun bliebe ferner unbeachtet.

Schon die neutestamentliche Ethik des Apostels Paulus lehrt sie. Seine Aussagen zur Rechtfertigung sind keine juridischen, sondern Seins-Aussagen (zum Beispiel Anziehen Christi – Gal 3,27, Röm 13,14; Leib Christi – 1 Kor 12,12ff; Röm 12,4f). Dementsprechend hält das Konzilsdekret einerseits an der seinshaften Verbindung des Getauften mit Christus fest, sieht aber im Ordo einen neuen  Schritt, der dann die Dienstsendung ermöglicht. Eine besondere Gnade prägt dem Geweihten dauerhaft eine Christus-Gemeinschaft ein. Sie stiftet – über das Christsein hinaus – individuell die priesterliche Existenz unabhängig von Funktionsauftrag oder Gruppenzugehörigkeit. Sie orientiert ferner den Priester über die Gemeinde hinaus, denn das Gnadengeschenk ist kirchlich-universal gedacht: Zur Leitungsverantwortung befähigt, hat er besondere missionarische Verantwortung, damit die Botschaft Christi die Grenzen der Welt erreicht.

Heilshafter Aufbau nur von Gott her

Die Seins- und Sendungsbezogenheit der Weihe drückt auch der aktuelle Katechismus der Katholischen Kirche aus: „Durch eine besondere Gnade des Heiligen Geistes gleicht dieses Sakrament den Empfänger Christus an, damit er als Werkzeug Christi seiner Kirche diene. Die Weihe ermächtigt ihn, als Vertreter Christi, des Hauptes, in dessen dreifacher Funktion als Priester, Prophet und König zu handeln“ (KKK 1581).

Die Lehre des vatikanischen Priesterdekrets „Presbyterorum ordinis“ und die Intentionen der Konzilsväter bei seiner Redaktion lassen demnach die Ableitung einer amtlichen Leitungskompetenz von juridisch-positivistischen Daten scheitern. Der Kirche gelingt ein heilshafter Aufbau nur von Gott her: Mögen auch Heilige und Charismen der Glaubensgemeinschaft jenseits des Weiheamtes Strahlkraft und Glaubwürdigkeit geben – wenn sich die Kirche in ihrem Leitungsdienst nicht ausdrücklich auf den Ordo bezieht und dieser in ihm verankert wird. Wenn also kirchliches Regiment sich vom Sakrament löst, bleibt für ihre Lenkung allein die „monarchische Autorität“ (Winfried König) eines sterblichen Menschen, des Papstes.

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