Moskau/Kiew

Was nach Putins Endsieg droht

Der ukrainische Widerstand überrascht Freund und Feind. Er hat seine Wurzeln in den leidvollen Tragödien der Geschichte.
Zivilisten leisten in Odessa Widerstand
Foto: Gilles Bader / Le Pictorium via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Zivilisten in Odessa bereiten sich auf russische Angriffe vor. Der Widerstand der Ukrainer ist bislang viel stärker als von Freund und Feind erwartet.

Mit einem so zähen, anhaltenden, opferbereiten Widerstand der Ukrainer hat Wladimir Putin nicht gerechnet. Auch wenn der Kremlchef nicht davon ausgegangen sein dürfte, dass seine Truppen im Nachbarland mit Blumen als Befreier empfangen werden würden, so zeigen die Nachschubprobleme der russischen Armee doch, dass Moskau kalkulierte, die Ukraine in etwa vier Tagen zu übernehmen. Doch der tapfere Widerstand nicht nur der ukrainischen Armee, sondern leicht bewaffneter und auch völlig unbewaffneter Zivilisten zwingt Putin dazu, nach der berüchtigten Wagner-Gruppe und Tschetschenen-Einheiten auch im Häuserkampf erprobte Söldner aus Syrien anzuheuern. Mit Staunen und Bewunderung verfolgt auch der Westen den Überlebenskampf der Ukrainer. Warum, so fragen sich viele, kapitulieren die Ukrainer nicht angesichts der Übermacht des Feindes?

Grund für den Widerstand liegt in der Geschichte der Ukraine

Ein Grund liegt in der Geschichte des Landes: Die Ukrainer haben leidvoll erfahren, was Fremdherrschaft und Unfreiheit bedeuten. Die oft diagnostizierte Zerrissenheit des Landes zwischen West und Ost rührt daher, dass der Osten der Ukraine unter zaristischer Russifizierung litt, als sich der Westen im Habsburger-Reich religiös wie kulturell entfaltete. Zum Kreuzweg wurde die Sowjetzeit. Lenin zielte ab 1918 auf eine Vernichtung des freien Bauernstandes in der "Kornkammer Europas", bekämpfte aber auch die ukrainische Kultur und Identität. Lenins Plünderungen lösten 1920 eine Hungersnot aus, doch Stalin perfektionierte die Raubzüge zum Genozid. Bauern, Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller und Priester wurden deportiert und ermordet.

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Stalin wollte den Bauernstand und die Kirche zerschlagen, um die nationale Identität der Ukraine zu brechen. An den Holodomor, den Hunger-Mord ab 1932, erinnern sich Ukrainer heute, wenn Putins Truppen die Weizenaussaat verunmöglichen, die Felder verminen und eine Ernährungskrise provozieren. Auch die gezielte Zerstörung altehrwürdiger Klöster und Kirchen erinnert an das Wüten der Bolschewiken in den 1930er Jahren. Eine weitere Parallele bietet die Propaganda des Kreml: Wie Stalin jeden Widerstand in der Ukraine mit dem Einfluss ausländischer Agenten und Feinde erklärte, so unterstellen Putin und Patriarch Kyrill der Ukraine, vom Westen gesteuert und aufgehetzt zu werden. Hier klingen die alten kommunistischen Motive des Holodomor durch, in dem Millionen Ukrainer das Leben verloren und der "zum untrennbaren Bestandteil der DNA des ukrainischen Volkes geworden ist", wie der Botschafter der Ukraine in Berlin, Andrij Melnyk, einmal gegenüber dieser Zeitung erklärte.

Im Widerstand gegen Putin geeinter denn je

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte Stalin die vollständige Vernichtung der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine. Weil das Moskauer Patriarchat bereits zum Handlanger der kommunistischen Staatsführung geworden war, konnte Moskau 1946 den Vernichtungsschlag gegen die mit Rom unierten Katholiken des byzantinischen Ritus zur "freiwilligen Rückkehr in den Schoß der russisch-orthodoxen Kirche" erklären. Aus dieser historischen Erfahrung wissen die unierten Katholiken und die autokephale Orthodoxe Kirche der Ukraine, was ihnen im Fall eines Endsiegs Putins blühen würde. "Wir wissen aus der Geschichte, dass jedes Mal, wenn Russland unser Land eroberte, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche systematisch zerstört wurde", sagt Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk.

Auch der orthodoxe Metropolit Epifanij will wissen, dass er auf der russischen Todesliste steht. Wenn die Ukrainer seit dem 24. Februar über Konfessions- und Sprachgrenzen hinweg zusammengerückt sind und im Widerstand gegen Putins Invasion geeinter sind denn je in ihrer Geschichte, dann auch aus der Erfahrung, dass Einigkeit Erfolg verheißt: 2013 war es die unerwartete Geschlossenheit der Gesellschaft, die die Marionette Moskaus in Kiew, Viktor Janukowitsch, und sein kleptokratisches System stürzte. Damals optierten die Ukrainer gegen den Putinismus und für ein Leben in europäischen Verhältnissen. Diese Wahl verteidigen sie heute mit ihrem Leben.

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