Theologie

Warum das Essen vom Baum der Erkenntnis verboten ist

Von der anthropozentrischen zur theozentrischen Wende: Vorabdruck aus dem jüngsten Buch des Programmdirektors von Radio-Horeb.
Der Sündenfall bei Lukas Cranach d. Ä.
Foto: Wikipedia | Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis. Ausschnitt aus dem Gemäldes „Paradies“ von Lucas Cranach dem Älteren. Kunsthistorisches Museum, Wien.

Ich beschäftige mich mehr mit der Gottesfrage, die letztlich viel wichtiger ist“, hatte der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann gesagt. Dies ist erstaunlich, denn nach dem Konzil hat eine „anthropologische“ Wende stattgefunden. Damit ist gemeint, dass es um Theoriefindung bezüglich des Menschlichen geht. Menschliche Grundexistenziale, die ihn ausmachen, wie seine Hoffnungen, und Freuden, Befürchtungen und Ängste, überhaupt alles, was für sein Leben essenziell ist, hat man für die theologische Interpretation als Basis hergenommen.

Die Grundlagen hierfür legte der Theologe Karl Rahner (1904-1984). Nach ihm ist das tiefste Geheimnis des Menschen Gott. Wenn man deshalb vom Menschen spricht, dann letztlich auch von Gott. Theologie und Anthropologie sind gegenseitig aufeinander verwiesen. Es geht um ein tieferes Verstehen des Menschen und damit Gottes. Für Rahner war der Überstieg in seiner Transzendentalphilosophie auf das den Menschen überragende Gottesgeheimnis eine selbstverständliche Gegebenheit. Wenn dieser nicht mehr stattfindet, dann verschwindet der Gottesbezug mit allen Konsequenzen, die das nach sich zieht.

Rahner vertrat eine grundsätzliche „Gelichtetheit“ des Menschen, eine Offenheit auf Gott hin. Kritiker verweisen darauf, dass diese optimistische Sicht der erbsündlichen Gebrochenheit des Menschen letztlich nicht gerecht wird. Ein Vorteil dieser Theologie ist, dass dadurch eine Brücke zu anderen Konfessionen, ja zu Atheisten möglich ist, denn es geht ja um menschliche Grundbefindlichkeiten, die allen zu eigen sind. Im theologischen Denken von Papst Johannes Paul II. hat dies eine große Rolle gespielt. In seiner programmatischen Antrittsenzyklika „Redemptor hominis“ verwies er darauf, dass der Mensch der Weg der Kirche ist. Am Beispiel der Liebe lässt sich das gut zeigen.

Theologisches Reflektieren auf Grundlage menschlicher Vollzüge

Wie sollen wir eine Ahnung von der Liebe Gottes zu uns haben, wenn wir sie nicht selber erfahren haben und es hierfür keine Verstehensbasis in menschlichen Bezügen gibt, in der Familie, mit dem Partner oder im sozialen Umgang miteinander. Im Hohelied, einer Schrift des Alten Testamentes, tritt dies deutlich hervor: Das Spiel der Liebe, der Austausch von Bräutigam und Braut, das Suchen und Finden, das Beschenktwerden durch den anderen, das im Leib seinen Ausdruck findet. Das Wort „Gott“ findet man dort nicht; dies gilt auch für andere wichtige Vollzüge wie das Gebet oder die Tempelliturgie.

Es stellt sich die Frage, warum das Hohelied überhaupt in den Kanon der Heiligen Schrift als inspiriertes Buch aufgenommen wurde. Aus dem einfachen Grund, weil in der Liebe von Mann und Frau die Liebe Gottes zu seinem Volk und zu jedem Einzelnen sichtbar wird, mit allen Variationen und Abstufungen, die damit verbunden sind, von der erotischen bis hin zur göttlichen Liebe! Schon vor dem Christusereignis haben jüdische Theologen das Hohelied so gedeutet und geachtet. Rabbi Akiba (50-135 n. Chr.), einer der bedeutendsten Vertreter des rabbinischen Judentums, meinte sogar, dass alle Tage vor der Abfassung des Hoheliedes zusammengenommen nicht so viel wert seien, wie der, an dem dieses geschrieben wurde. Es erfreute sich also höchster Wertschätzung im Judentum, wie auch später im Christentum.

Das Wesen der Liebe wird im Hohelied als Bindung an den anderen beschrieben, die aber nicht als Fessel, sondern als Entfaltung des eigenen Glücks erfahren wird. Ein Paradox! Denn je mehr ich mich an den anderen binde, desto freier werde ich. Deshalb war auch Christus, der gehorsam war bis zum Tod, zugleich der freieste Mensch, der je auf dieser Erde gelebt hat. Er hat sich ganz an Gott gebunden und war dadurch ganz frei. Auf Grundlage des Verstehens menschlicher Vollzüge wie die Liebe vollzieht sich theologisches Reflektieren.

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Wenn Gott aus dem Blick gerät, ist alles verdorben

Die Gefahr bei dieser Art, Theologie zu betreiben, bestand freilich darin, Gott aus dem Blick zu verlieren. Wenn das geschieht, ist alles verdorben. Leider ist dies vorgekommen in einem Konzept des „autonomen Menschen“, bei dem die göttliche Offenbarung immer mehr in den Hintergrund und der „freie Mensch“ in den Mittelpunkt gerückt ist. Das individuelle Begehren des Einzelnen wird entscheidend. Es geht vereinfacht formuliert um ein Konzept autonomer Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung. Gottes Gebot oder sein Wille werden nachrangig. An sich Gutes oder Böses gibt es nicht mehr, sondern nur noch relative Wertungen. Das ist die alte Versuchung des Menschen im Paradies, denn dort versuchte dieser, von Gott autonom zu sein.

In der Genesis lesen wir, dass im Paradies zwei Bäume standen: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (Gen 2,9). Diese und ihre mögliche Deutung haben mich immer fasziniert, denn der Anfang geht mit und ist von entscheidender Bedeutung für das Kommende. Mit dem Baum des Lebens verbinde ich die Vorstellung von vollem, ewigem Leben. Dann stünde der Baum der Erkenntnis wohl für allumfassende Erkenntnis, für Allwissenheit. Beide Bäume würden somit Eigenschaften ausdrücken, die nur Gott zukommen.

Bestand die Sünde des Menschen darin, dass er eigenmächtig nach den Früchten vom Baum der Erkenntnis gegriffen hat und in diesem Sinn Gott gleich sein wollte? Eine solche Interpretation würde sich nahelegen. Andere deuten „Erkenntnis“ als die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau, denn diese wird in der Bibel öfters mit dem Begriff „erkennen“ bezeichnet (zum Beispiel bei der Verkündigung an Maria in Lk 1,34: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“). Warum sollte dieses Erkennen aber verboten sein, zumal da Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat? Und vor allem, warum hat der Genuss vom Baum der Erkenntnis so unvorstellbar negative, bis heute anhaltende Wirkungen?

Symbol für das Streben des Menschen nach moralischer Autonomie

Nur die Berücksichtigung des biblischen Kontextes und des weiteren Verlaufs der Erzählung vermag die richtige Deutung zu geben. Das Essen vom Baum der Erkenntnis führt zu einer Distanzierung des Menschen von Gott. In einem der neuesten biblischen Kommentare zum Buch Genesis von Georg Fischer heißt es, dass man es mit dem „Respekt vor Gott und der von ihm gesetzten Grenze zu tun“ hat. Im eigenständigen Agieren des Menschen und dem unabhängigen Urteilen, was für ihn gut oder böse ist, wollte er an die Stelle Gottes treten. „Der ,Baum der Erkenntnis von gut und böse‘ steht symbolisch für den Versuch des Menschen, moralisch autonom zu sein“, heißt es bei Fischer. In der eigenmächtigen Beurteilung, was für ihn gut ist, überschreitet der Mensch sein ursprünglich von Gott gegebenes Vermögen, weil er nicht in der Lage ist, „eine völlig angemessene, in Allem zutreffende Einschätzung“ zu treffen. Er ist damit in den göttlichen Bereich eingedrungen. „Wer dagegen verstößt und unabhängig von Gott seinen Weg gehen will, verliert das ,Leben‘ in einem tieferen Sinn“, schreibt Fischer.

Die selbstmächtig geraubte Erkenntnis von Gut und Böse wird dem Menschen zum Verhängnis, denn sie kommt allein Gott zu. Durch seinen Drang zum von Gott autonomen Handeln fällt der Mensch aus der von Gott gesetzten Ordnung heraus. Es geht um eine grundlegende Verfehlung, aus der sich wurzelhaft alles Böse ableitet. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Wenn der Mensch Gott nicht mehr Gott sein lassen will, greift er in dessen Rechte ein und legt selbstmächtig fest, was für ihn gut ist, unabhängig von der Weisung Gottes.

Bruch der bisherigen Verfassungstradition im Namen der Autonomie

Besonders beim Lebensschutz wird das deutlich. Am Aschermittwoch, den 26. Februar 2020, hat das Bundesverfassungsgericht eine weitreichende Entscheidung getroffen: „Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ist nicht auf fremddefinierte Situationen wie schwere oder unheilbare Krankheitszustände oder bestimmte Lebens- und Krankheitsphasen beschränkt. Es besteht in jeder Phase menschlicher Existenz“, heißt es in der Urteilsbegründung. Damit kann im Prinzip jeder, wenn er etwa meint, dass sein Leben aufgrund von Liebeskummer oder Depressionen unerträglich sei, Hilfe zum Suizid einfordern. Bei den wesentlichen Erwägungen des Senats wird die Selbstbestimmung und die persönliche Autonomie so stark betont, dass in nur acht Zeilen sechsmal diese Worte vorkommen. Ausdrücklich abgelehnt werden Bewertungen anhand von allgemeinen Weltanschauungen, religiöser Gebote, gesellschaftlicher Leitbilder oder Überlegungen objektiver Vernünftigkeit für den Umgang mit Leben und Tod.

Dies ist ein historischer und dramatischer Bruch, der unsere bisherige Verfassungsrealität in der Frage von Lebensrecht und Würde des Menschen in der verletzlichsten Phase des Lebens torpediert. Der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Professor Peter Dabrock, meint dazu: „Der Suizid wird geradezu als Besiegelung … der Menschenwürde ausgelegt. Das verkehrt alles, was das Gericht bislang über Menschenwürde gesagt hat.“


„Zeitgeist oder Geist der Zeit“ ist der Titel des neuen Buchs von Pfarrer Richard Kocher. Es erscheint am 15. November im Verlag Media Maria. 192 Seiten, gebunden, EUR 19,95

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