Theologie und Geschichte

Waren Phöbe und Junia geweiht?

Frauengestalten im Neuen Testament müssen dafür herhalten, heute die Zulassung von Diakoninnen oder Priesterinnen zu fordern. Der exegetsche Befund gibt das allerdings nicht her. Erste Folge einer zweiteiligen Serie.
Jesus und die Samariterin
Foto: Wiki Commons | Jesus und die Samariterin. Gemälde von Angelika Kauffmann (1741-1807).

In der nicht enden wollenden Debatte um Weiheämter für Frauen in der katholischen Kirche wird immer wieder gerne auf biblische Beispiele verwiesen, also auf Frauengestalten des Neuen Testaments, die entsprechende Ämter innegehabt haben sollen. Allerdings sind bei derartigen Betrachtungen nicht selten von Interessen geleitete Interpreten am Werk, die eben das in die Texte hineinlesen, was sie dort gerne vorfänden.

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Sachlicher Blick

Vielfach werden derartige „Studien“ sogar von Einrichtungen für Feministische Theologie gefördert, was dann ungefähr so glaubwürdig ist, wie wenn die Firma Bayer eine Studie zur Wirksamkeit ihres neuen Medikaments finanziert. Mit Goethe gesprochen: „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.“ Grund genug für uns, an dieser Stelle einmal einen sachlichen Blick auf die besagten Texte des Neuen Testaments zu werfen.

Da wäre zunächst eine kryptische Formulierung aus dem ersten Timotheus-Brief: „Ebenso müssen Diakone sein: achtbar, nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben und nicht gewinnsüchtig; sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten. Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben. Ebenso müssen Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, sondern nüchtern und in allem zuverlässig. Diakone sollen Männer einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen.“ (1. Tim. 3,8-12)

Es ist der vorletzte Satz, der immer wieder zu hitzigen Diskussionen Anlass bietet. Wer sind die „Frauen“, von denen hier gesprochen wird? Es bieten sich drei Möglichkeiten an.

Ämterbezeichnungen waren nicht geschützt

Würde man den Satz ohne Kontext lesen, so käme man zweifellos zu dem Ergebnis, dass hier ganz einfach von Frauen im Allgemeinen die Rede ist. Doch diese Möglichkeit scheidet sogleich aus, denn warum sollte sich inmitten eines Ämterspiegels eine allgemeine Aussage über Frauen finden?

Es bleiben also nur die Alternativen, dass entweder die (Ehe-)Frauen der Diakone gemeint sind, oder aber, dass es sich um weibliche Diakone handelt. Für letztere beziehungsweise gegen erstere Sichtweise spricht in der Tat das Argument, dass sich bei den kurz zuvor erwähnten Bischöfen, die ebenfalls verheiratet sein sollten, keine entsprechende Mahnung an deren Ehefrauen findet, obwohl man an diese doch wohl ebenfalls hohe Ansprüche gehabt haben würde. Andererseits werden gleich im folgenden Satz allgemeine Forderungen an Diakone gestellt, die ausschließlich auf Männer bezogen sein können.

Wären in diesem Brief weibliche Diakone adressiert, würde man dann nicht auch eine entsprechende Verhaltensregel für deren Verhalten innerhalb der Familie erwarten? Überdies wäre zu fragen, warum man für weibliche Diakone eigene Charaktereigenschaften anführen müsste, noch dazu, da diese ja weitgehend mit den zuvor genannten für die Männer identisch sind. Wie auch immer man die Frage nach den „Frauen“ in diesem Vers beantworten mag, man wird wohl zugestehen müssen, dass sich auf einer derart vagen Formulierung kaum eine grundlegende Reform des katholischen Amtsverständnisses aufbauen lässt.

Als nächste in der Reihe hätten wir eine Dame, die eindeutig als Diakon (die weibliche Form existiert innerhalb des Neuen Testaments nicht) bezeichnet wird, nämlich die der Gemeinde in Rom von Paulus herzlich anempfohlene Phöbe: „Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die auch Dienerin [diakonos] der Gemeinde von Kenchreä ist: Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es Heilige tun sollen, und steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; denn für viele war sie ein Beistand, auch für mich selbst.“ (Röm. 16,1-2)
Hier ist zunächst zu bedenken, dass wir uns einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, vor dem soeben zitierten Brief an Timotheus befinden, in einer Zeit, in der es noch keine klar definierten Ämter wie Diakone oder Bischöfe gab, man vielmehr bereits bestehende Begriffe wie „diakonos“ (Diener) oder „episkopos“ (Aufseher) aus der heidnischen Umwelt übernahm und sie auf die eigenen Funktionen übertrug. Die Ämterbezeichnungen waren also gewissermaßen „nicht geschützt“. So bezeichnet sich Paulus zuweilen selbst als Diakon oder nennt die Falschapostel Diakone des Satans. Kurzum: Ja, Phöbe leistete der Gemeinde einen wertvollen Dienst, aber ein konkretes Weiheamt wird man daraus nicht ableiten können.

Junia genoss unter den Aposteln hohes Ansehen

Als Dritte im Bunde haben wir noch eine gewisse Junia, die ebenfalls von Paulus im letzten Kapitel seines Briefs an die Römer erwähnt wird: „Grüßt Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.“ (Röm. 16,7)

Bei dieser Figur begegnen uns gleich drei Schwierigkeiten auf einmal. Da wäre zum einen die Frage des Geschlechts. Der im Text genannte Akkusativ könnte sowohl zu einer Junia als auch zu einem Junias gehören. Der Konsens der heutigen Forschung tendiert jedoch eindeutig zur weiblichen Form, und das ohne jede ideologische Voreingenommenheit. Auch des modernen Feminismus unverdächtige Herren wie der heilige Chrysostomus († 407) oder der Gründer der Ecole biblique in Jerusalem, Marie-Joseph Lagrange (1855-1938), haben hier einen Frauennamen erkannt. Gehen wir also für den Moment davon aus, dass hier tatsächlich eine Frau namens Junia gegrüßt wird.

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Das nächste Problem ist die Formulierung „sie ragen heraus unter den Aposteln“, was, entgegen der zitierten Formulierung der Einheitsübersetzung, auch einfach nur bedeuten kann, dass sie unter den Aposteln hohes Ansehen genossen, ohne aber selbst welche zu sein.

Maria Magdalena als „Apostelin der Apostel“

Auch hier wollen wir aber dem Konsens der Forschung folgen und Junia den Titel eines Apostels (auch hier existiert keine weibliche Form) zugestehen. Was aber folgt daraus für die aktuelle Debatte? Antwort: Gar nichts! Denn auch dieser Begriff ist „nicht geschützt“ und kann sich auf jede Form von Tätigkeit beziehen, die im Kontext der Glaubensverkündigung steht.
So konnte ja auch der heilige Thomas von Aquin Maria Magdalena den Titel „Apostola Apostolorum“ (Apostelin der Apostel) verleihen, ohne ihr deshalb priesterliche Amtsbefugnisse zuzugestehen. Im Gegenteil: Sie erhielt ja gerade nicht den Auftrag der eigenständigen Verkündigung, sondern den zur Weitergabe an den Zwölferkreis. Ebenso verhält es sich mit unserer Apostelin im Römerbrief: Aus der zitierten Stelle zu folgern, Junia hätte von Christus das entsprechende Amt empfangen, erfordert dann doch ein wenig zu viel Phantasie.
Summa Summarum: Wer nach Argumenten für Frauen in geweihten Ämtern sucht, wird im Neuen Testament nicht fündig.

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