Zum Tod Benedikts XVI.

Wahrheit in Großbuchstaben

Wie Papst Benedikt XVI. seinem bischöflichen Wahlspruch kompromisslos Ehre machte.
Weltjugendtag in Madrid
Foto: Katharina Ebel (KNA) | Für Spanien hatte Papst Benedikt ein Faible: Seine Pastoralbesuche auf der iberischen Halbinsel – hier während des Weltjugendtags in Madrid – prägten eine Generation. Links ist der Autor zu sehen.

Wenn es etwas gibt, das das lange Leben von Papst Benedikt von den Kinderjahren im bayerischen Voralpenland bis zu seinen letzten Jahren als emeritierter Papst geprägt hat, dann ist es zweifellos seine Berufung, ein „Mitarbeiter der Wahrheit“ sein zu wollen – der in Christus geoffenbarten Wahrheit Gottes zur Rettung der Menschheit. Er war ein Mitarbeiter der Wahrheit, der sie mit der Leidenschaft seines Herzens und der intellektuellen Klarheit eines rastlosen Geistes in seinen theologischen Studien am Freisinger Priesterseminar suchte, was in seiner Doktorarbeit und in seiner Habilitation eine Bestätigung fand.

Die Theologie des heiligen Augustinus lieferte ihm den theologischen Horizont, um das Wesen der Kirche als „Volk und Haus Gottes“ zu verstehen und zu erklären. Von der Theologie des heiligen Bonaventura, von seinem „Weg des Geistes zu Gott“, erhielt er die intellektuelle Inspiration, um die Wahrheit des lebendigen Gottes zu verstehen, der sich in einer Heilsgeschichte offenbart, die in Christus gipfelt. Seine zwei Jahrzehnte als Theologieprofessor in Bonn und Münster, Tübingen und Regensburg, in denen er Lehre und Forschung, Vorträge und Publikationen mit einer außerordentlichen pädagogischen Produktivität verband, lassen eine Intelligenz der Suche nach der in Gott geoffenbarten Wahrheit aufleuchten, in der sich der Dialog Glaube und Vernunft mit einer strengen logischen Disziplin und zugleich mit einer außerordentlichen geistlichen Sensibilität für die Fragen seiner Leser und Hörer entfaltete.

Orientierungshilfe gegen die 68er

Damals herrschte an der Universität die provokative Atmosphäre des „Mai '68“: ein echter Scheideweg in der Geschichte der Kirche und der Welt. Wie sehr hat seine faszinierende Abhandlung „Einführung in das Christentum“ Generationen junger Studenten jenes dramatischen historischen Augenblicks geholfen, zur Wahrheit mit Großbuchstaben, zum lebendigen Gott jenseits, aber nicht gegen den Gott der Philosophen, zu finden!
Die folgenden Stationen seiner Biografie als Erzbischof – kaum fünf Jahre – und als Präfekt der Glaubenskongregation – fast fünfundzwanzig Jahre – standen im Zeichen eines Dienstes am Glauben der Kirche als enger und vertrauter Mitarbeiter von Papst Johannes Paul II. bei der Erfüllung der ersten Pflicht als Nachfolger Petri: nichts anderes als „die Brüder im Glauben zu stärken“. Seine Arbeitsmethode entsprach dem „Anselmschen“ Grundsatz „Fides quaerens intellectum“ – „Intellectus quaerens fidem“ (Glaube, der nach Einsicht sucht; Einsicht, die Glauben sucht). Ein Grundsatz, der mit der besonderen Sorgfalt eines Dialogs umgesetzt wird, der immer aufmerksam ist und immer für gegensätzliche Thesen Verständnis hat. Die gesamte Debatte über die Befreiungstheologie in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist ein deutlicher Beweis dafür. Schließlich konzentriert sich sein Lehramt in den acht Jahren seines Pontifikats auf die Wahrheit Gottes, die die Liebe ist (seine Enzyklika „Deus Caritas est“), sowie auf die letzte Grundlage der Hoffnung, die nicht enttäuscht (seine Enzyklika „Spe Salvi“).

Die Enzyklika „Caritas in veritate“ („Liebe in der Wahrheit“), die am 29. Juni 2009 inmitten der weltweiten Finanzkrise mit ihrem Epizentrum an der New Yorker Börse veröffentlicht wurde will zeigen, wie der Glaube an den lebendigen und wahren Gott, der sich in Christus offenbart hat, den Weg für den wahren menschlichen Fortschritt – einen ganzheitlichen Fortschritt – frei macht; anders gesagt: wie er den Weg für die Verwirklichung eines wahren und authentischen Humanismus öffnet.

Die sogenannte „anthropologische Wende“ des modernen und postmodernen Denkens, die er gut kannte, wurde nicht nur sinnentleert, sondern im Gegenteil in ihrer Bedeutung für das transzendentale Wohl der menschlichen Person und der Gesellschaft beglaubigt und gefestigt. Es ist daher nicht überraschend, dass eine der praktischen Schlussfolgerungen der Enzyklika lautet: „Es gibt keine vollständige Entwicklung und kein universales Gemeinwohl ohne das geistliche und moralische Wohl der in ihrer Gesamtheit von Seele und Leib gesehenen Personen“ (CV 76) und gleichzeitig: „Die Entwicklung braucht Christen, die die Arme zu Gott erheben in der Geste des Gebets, Christen, die von dem Bewusstsein getragen sind, dass die von Wahrheit erfüllte Liebe, caritas in veritate, von der die echte Entwicklung ausgeht, nicht unser Werk ist, sondern uns geschenkt wird“ (CV 79).

Sucher, Mitarbeiter, Zeuge und Lehrer

In seiner Predigt auf der „Plaza del Obradoiro“ in Santiago de Compostela am 6. November 2010 – auf seiner zweiten Pastoralreise nach Spanien – sagte er: „Er – Gott – allein ist absolut, er ist treue und unvergängliche Liebe, unendliches Ziel, das hinter allem Guten, hinter aller wunderbaren Wahrheit und Schönheit dieser Welt durchscheint – alles wunderbar, aber für das Herz des Menschen nicht genug. Dies hat die heilige Teresa von Jesus gut erfasst, als sie schrieb: ,Gott allein genügt‘.“ Bei seinem Abschied von Spanien am Ende des Weltjugendtages in Madrid am 21. August 2011 sagte er: „Spanien ist eine große Nation, die weiß, wie man in einem im guten Sinne offenen, pluralistischen und respektvollen Miteinander voranschreitet, und dies auch durchführen kann, ohne auf seine zutiefst religiöse und katholische Seele zu verzichten“ und „Die jungen Menschen antworten mit Eifer, wenn man ihnen aufrichtig und in Wahrheit die Begegnung mit Jesus Christus anbietet, dem alleinigen Erlöser der Menschheit.“

Die Wahrheit Gottes, des Schöpfers und Erlösers des Menschen, die Wahrheit, die Er und Er allein ist, und deren unablässiger Sucher, Mitarbeiter, Zeuge und Lehrer Benedikt XVI. während seines Christus gewidmeten Lebens war, erhellte die Dämmerung der letzten Jahre seines Lebens, die er im Gebet, in der Stille und in beispielhafter Demut verbrachte. Im Vorwort zum ersten Band seiner 2007 erschienenen Monografie „Jesus von Nazareth“ schreibt er: „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens nach dem Angesicht des Herrn“. Ein Angesicht, das er in der ewigen Kontemplation seiner unendlichen Schönheit gefunden haben wird.


Der Autor ist emeritierter Erzbischof von Madrid.

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