Obertshausen

Vorgeschmack auf die Ewigkeit

Wie Kirchenglocken ein kommunikativer Bestandteil meines priesterlichen Glaubenswegs geworden sind.
Glockengeläut ist für Pfarrer Norbert Hofmann ein Vorgeschmack des ewigen Lebens
Foto: Andreas Farnung | Glockengeläut ist für Pfarrer Norbert Hofmann ein Vorgeschmack des ewigen Lebens. Es erinnere an Gott,und schaffe eine Brücke nach oben.

Seit meiner Geburt im Jahr 1956 haben Glocken meinen Lebens- und Glaubensweg begleitet. In meiner Familie gab es eine über 150 Jahre alte Tradition Glöckner (Küster) zu sein. Meine Eltern, Hans und Cäcilia Hofmann, waren 52 beziehungsweise 45 Jahre Glöckner an der St. Marienkirche in Viernheim. Das Leben mit den drei Geschwistern Christa, Richard und Michael war von den Glocken geprägt und bestimmt. Dies fing schon mit meiner Taufe am Sonntag, den 5. August an: Um 14 Uhr war meine Taufe, eine Stunde später war die Glockenweihe der vier neuen Glocken der St. Marienkirche, welche im Chorraum aufgestellt waren. Das Glockenläuten des 50 Meter vom Elternhaus stehenden Gotteshauses war natürlich immer hörbar. Wir hatten in den damaligen 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts noch zwei Kapläne. Dadurch waren am Sonntag vier bis fünf Sonntags- und drei bis vier Werktagsmessen möglich.

Glocken kündeten Freude und Leid der Menschen

Die Glocken zu den Messfeiern waren automatisch geschaltet, aber das Engel-des-Herrn-Läuten um 12 Uhr und um 18 Uhr musste mit der Hand bedient werden. Als Kleinkinder gingen wir mit der Mutter an der Hand jeden Tag zur Sakristei und beteten dort den Angelus. Später haben wir Kinder selbst diesen Dienst, wenn möglich, übernommen. Es gab nicht nur die Glocken zu den Messfeiern, Taufen, Trauungen und den Beerdigungen, sondern auch das Ausläuten bei einem Todesfall und zwar um 11 Uhr beziehungsweise um 17 Uhr. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie kommunikativ dies war. Die Nachbarn der St. Marienkirche standen beim Ausläuten vor ihren Häusern und erkundigten sich für wen geläutet wurde.

Eindrucksvoll für uns war, mit unserem Vater in der Silvesternacht kurz vor Mitternacht zur Kirche zu gehen und das neue Jahr mit den fünf Glocken zu begrüßen. Die Kirchenglocken haben fortan auch meine Messdienerzeit begleitet. Glocken kündeten Freude und Leid der Menschen und haben immer mein Herz berührt. Im Mainzer Priesterseminar konnte ich sechs Jahre lang das herrliche Geläut des Domes hören. Es hat meine Studienzeit begleitet sowie meinen Alumnendienst in der Bischofskirche.

Glockengeläut als Gratulationsgruß zum Geburtstag

Seit fast 35 Jahren bin ich Pfarrer in den Obertshäuser Pfarreien Herz Jesu und St. Thomas Morus. In jedem Kirchturm hängen vier Glocken. Für mich war es immer eine wichtige Aufgabe, den Ruf der Glocken nicht zu mindern, sondern zu vermehren und zu verbreiten: Vor allen Feiertagsmessen läuten alle Glocken 15 Minuten lang, sonst 5 Minuten. An allen Sonn- und Feiertagsmessen wird mit der großen Glocke vorgeläutet.

Alle Glocken läuten jeweils 5 Minuten vor Taufen, Trauungen, Dankämtern und Beerdigungen. Das Ausläuten wird oft per Handy zu Angehörigen auch im Ausland übertragen. Mit diesem Glockenläuten wird deutlich, dass die Pfarrgemeinden dies durch dieses wichtige Zeichen begleiten. Die Gotteshäuser werden einmal mehr zu einem Ort, wo man ernstgenommen wird: „Die Glocken läuten in den persönlichen Anliegen explizit für mich.“

24 Glockenräder - für jede Stunde eines

Seit Ende 2021 sind die Glocken des Gotteshauses auch vor meinem Gratulationsbesuch bei einem 90. und 95. Geburtstag, sowie bei einer Goldenen, Diamantenen und Eisernen Hochzeit zu hören. Dieser vereinbarte Gratulationsgruß ist nicht hoch genug zu schätzen. Die versammelten Jubilare, ihre Familie und Freunde sind voller Freude und erzählen dies vielfach weiter. Auch dieses ganz persönliche Glockenläuten bringt zum Ausdruck: „Ich/Wir sind wichtig, wir gehören auch im Alter zur Pfarrei, wir sind ein lebendiger Stein am Bauwerk der Kirche.“

Seit 2016 gehört zur Pilgerkirche St. Thomas Morus, sowie zur Basilika Herz Jesu ein Glockenrad. Diese Glockenräder aus der Heiligen Stadt Caravaca de la Cruz in Spanien sind in Mitteleuropa einzigartig und werden am Ende einer Tauffeier, einer Hochzeit, einer Dankmesse, sowie eines Requiems geläutet. Die 24 Glocken der Räder symbolisieren die 24 Stunden des Tages. „Gott ist mit Dir, zu jeder Stunde Deines Lebens, an allen Euren Ehetagen; er war bei Ihnen Ihr bisheriges, langes Leben, er war bei Ihrer Mutter/Vater zu jeder Stunde des Lebens.“ Oft fließen gerade bei einem Dankamt oder einem Requiem Tränen. Das Glockenrad führt einmal mehr zum Dank und zur Bitte und ist auch auf unserem Pilgerbrot und unseren Pilgertassen zu sehen. Natürlich werden auch bei Pilgerbesuchen die Glockenräder geläutet.

Gesellschaftliche Relevanz über die Kirche hinaus

Seit zwei Jahren läuten die 8 Glocken unserer 2 Gotteshäuser jeden Samstag von 19.30 Uhr – 19.35 Uhr für alle an Corona Erkrankten und Verstorbenen, aber auch für alle Trauernden. Das Glockenläuten bekommt dadurch eine gesellschaftliche Relevanz über die Kirche hinaus, auch das Läuten für die Ukraine, sowie im Februar für die 2 in der Pfalz ermordeten Polizisten. Wir nehmen teil an dem Leid, dem Schmerz und an der Trauer anderer. Es ist uns nicht gleichgültig, was in der Welt geschieht. Das Glockenläuten ist heute wichtiger denn je. Umfragen ergaben, dass auch viele kirchenferne Menschen das Glockengeläut als etwas Sympathisches wahrnehmen. In ihrem Tagebuch schrieb die Jüdin Anne Frank, dass sie das Glockenläuten als Schutz empfunden hat.

Glocken sind alles andere als überflüssig und out. Sie gehören zur Kultur des Christentums. Jede Glocke die läutet, erinnert immer an Gott, an den Himmel. Ja mit den Glocken öffnet sich einmal mehr der Himmel und schafft immer wieder neu eine Brücke nach oben. Die Glocken sind für mich ein Vorgeschmack des ewigen Lebens. Darum freue ich mich am Glockenläuten und verschenke dieses Jahr an Ostern Schokoladenglocken an die Familie, Mitarbeiter, Messdiener, Jugend und Freunde.

 

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