Kirche

Vordenker hinter Konzilskulissen

Ein Band über Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts, die Impulse gaben, ohne im Rampenlicht zu stehen. Von Manfred Gerwing
Vatikanisches Konzil: Viele wollten Einfluss auf die Konzilsväter nehmen
Foto: KNA | Viele wollten Einfluss auf die Konzilsväter nehmen. In den sechziger Jahren bildeten sich Allianzen und Denkschulen; nicht alle traten gleich ans Licht der Öffentlichkeit.

Das Zweite Vatikanische Konzil, das 1962 von Papst Johannes XXIII. einberufen wurde, bekannte sich von Anfang an zu einer Kirche ständiger Erneuerung, dazu auch, dass sie trotz ihrer zweitausendjährigen Geschichte immer am Anfang stehe und ihren Weg durch die Zeit suchen müsse. In der Folgezeit war es für die Kirche so prägend, dass vor allem jene Theologen in Erinnerung blieben, die als Berater aktiv an ihm teilnahmen: Yves Congar, Jean Daniélou, Henri de Lubac etwa oder auch Alois Grillmeier, Bernhard Häring, Hans Küng, Karl Rahner, Joseph Ratzinger, Otto Semmelroth. Von denen aber, die, wie Cornelius Keppeler zu Recht schreibt, „in der Interpretation und Aufarbeitung der Konzilsdokumente wichtige Beiträge lieferten“, sticht vor allem Hans Urs von Balthasar hervor.

Zunehmend in Vergessenheit geraten sind indes jene Theologen, die nicht am Konzil teilnahmen, deren Arbeiten, Ideen und Vorstellungen gleichwohl zu jenen gerechnet werden müssen, die das Denken der Konzilsväter maßgeblich beeinflussten. An sie wird in der vorliegenden Publikation exemplarisch und punktuell erinnert: an drei Denker aus dem französischen Sprachraum: Maurice Blondel, Pierre Rousselot SJ und Pierre Teilhard de Chardin SJ, und an sechs Philosophen bzw. Theologen aus dem deutschen Sprachgebiet: Erich Przywara SJ, Gottlieb Söhngen, Romano Guardini, Michael Schmaus, Erik Peterson und Hugo Rahner SJ.

Die noch jungen Autoren stellen in ihren Beiträgen jeweils kurz die biografischen Stationen des porträtierten Wissenschaftlers vor, skizzieren sodann seinen philosophisch-theologischen Gesamtentwurf und zentrieren sich überdies auf seine Forschungsschwerpunkte. Schließlich wird in einer Art Zusammenfassung der Einfluss dargestellt, den diese Personen in Kirche, Wissenschaft und Gesellschaft ausgeübt haben.

Teilhard de Chardin (1881–1955), mustergültig dargestellt von Marina Altendorf, ging es beispielsweise nicht um einen Nachweis der Existenz Gottes mittels der natürlichen Vernunft. Es ging ihm vielmehr „um eine mystisch-theologische Gesamtschau des Universums“. Der Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher und theologischer Weltdeutung sollte überwunden und der cartesianische Dualismus widerlegt werden. Dabei erscheinen Materie und Geist als „zwei Gesichter eines einzigen kosmischen Stoffes“, seien also „gleichursprünglich“. Altendorf erwähnt auch die Kritik an diesem Entwurf. So werde gefragt, ob hier noch richtig von Gott gedacht werde. Gott sei doch immer noch, wie etwa Hans Urs von Balthasar kritisiert, der ganz Andere. Jedenfalls dürfe die Differenz zwischen Gott und Welt nicht aufgehoben werden, schon gar nicht mithilfe des von sich aus defizitären naturwissenschaftlichen Weltbildes.

Von höchster Qualität und mit viel Liebe zum Detail ist auch der Beitrag von Manuel Schlögl gekennzeichnet, der den „echten Kölner“ und ab 1949 an der Universität München Fundamentaltheologie und theologische Propädeutik lehrenden Gottfried Söhngen (1892–1971) in Erinnerung ruft. Söhngen war ein begnadeter Lehrer. „Seine Vorlesungen galten als intellektuelles und rhetorisches Feuerwerk.“ Sein Einfluss selbst auf Schülerinnen und Schülern, die nicht bei ihm ihre Dissertation schrieben, war groß. Ludwig Hödl, der von Schmaus promoviert wurde und von 1964 bis 1990 den Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der kurz zuvor gegründeten Ruhr-Universität Bochum innehatte, bezeugte zeit seines Lebens große Dankbarkeit gegenüber seinem Lehrer Söhngen. Doch vor allem wirkte er auf das Zweite Vatikanische Konzil „über seinen Meisterschüler Ratzinger“, durch ihn vor allem „auf das personal-heilsgeschichtliche Verständnis von Offenbarung in Dei Verbum“.

Ohne Vollständigkeit anzustreben, zeigt sich in allen Beiträgen das ernsthafte Bemühen der Herausgeber und Autoren, den theologischen Diskurs der Vorkonzilszeit neu ins Bewusstsein zur rufen und zu kritischer Rezeption anzuregen. Dass dabei der Fokus auf Wissenschaftler systematischer Provenienz gelegt wird, hängt mit den Forschungsschwerpunkten der Herausgeber selbst zusammen. Sie wissen um diese eher subjektive, wenngleich gut begründete Auswahl. Sie regen ausdrücklich dazu an, auch andere „einflussreiche, aber vergessene“ Theologen und Theologinnen zu erforschen. Lohnend wäre eine Auseinandersetzung zum Beispiel mit den „Vordenkern des interreligiösen Dialogs und des ökumenischen Gesprächs“ oder auch „mit den Protagonisten der historischen Entwicklung rund um die Frage der Schriftauslegung“ im 20. Jahrhundert. Nicht zuletzt wäre ein Projekt denkbar, das „die Wegbereiter der kontextuellen theologischen Entwürfe“ in den Blick nimmt.

Der Ertrag vorliegender Beiträge liegt auf der Hand. Er bewegt sich im Umfeld einer gründlichen Erforschung des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen sachgemäße Rezeption im Gange, aber noch längst nicht abgeschlossen ist.

Cornelius Keppeler und Justinus C. Pech (Hrsg.):
Einflussreich, aber vergessen? Theologische Denker aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Be&Be Verlag, Heiligenkreuz, Schriftenreihe des Instituts für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, Bd. 5; 2016 216 Seiten,
ISBN: 978-3-902694-94-2. EUR 19,90

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