Vier Etappen zur Krippe

Unterwegs mit den Freunden Jesu. Ein geistlicher Adventskalender von Sant'Egidio. Von Matthias Leineweber
Weihnachtsgeschenkeinkauf in Freiburg
Foto: Symbolbild: dpa | In der vorweihnachtlichen Betriebsamkeit stören die Armen oft nur. Ein Blick an die Ränder weitet den Horizont auf die Ankunft des Erlösers.

In einer Welt des Konsums mit den hellerleuchteten Innenstädten der adventlichen Tage ist es nicht einfach, Orientierung und das wahre Licht zu finden, das Licht des Sterns, der die Sterndeuter zur Begegnung mit Jesus in Betlehem geführt hat. Die liturgischen Texte greifen die eschatologische Erwartung Israels nach einer Welt in Frieden auf, die für das Volk gerade in Zeiten von Gewalt und Unsicherheit stark war. Unsere von Orientierungslosigkeit geprägte Zeit ist jedoch wenig auf Zukunft hin ausgerichtet. Es gibt wenig Erwartungen und Träume. Hinter Mauern und Zäunen wird verteidigt, was man besitzt und gefährdet sieht. Die Globalisierung hat Verbindungen zur großen Welt geschaffen, aber auch viele Ängste, die zu Tendenzen der Abgrenzung und zur Einstellung führen: „I first“, um mich in der Globalisierung nicht zu verlieren. In der Angst sagt der Advent: Gott kommt in diese Welt. Sie ist keinem finsteren Kreislauf ausgesetzt. Die universale Perspektive des Advents holt heraus der Bedrängnis der Gegenwart und lenkt den Blick auf den Herrn der Geschichte. So bekommt sie eine klare Richtung hin zum Heil und nicht in die Katastrophe. Der heilige Papst Johannes Paul II. sagte: „Alles kann sich ändern.“ Der Advent weckt das Bewusstsein, dass Gott unvorhergesehen in die Geschichte eingreift.

Die Vorbereitung auf Weihnachten möchte sensibilisieren für das Handeln Gottes. Die christliche Lehre der Inkarnation sagt: Gott kommt in die Welt. Sein Weg der Veränderung beginnt von unten mit der Veränderung des menschlichen Herzens. Das ist die Botschaft vom Reich Gottes: „Das Reich Gottes ist nahe.“ Dieses Reich ist mitten unter uns und hat mit Jesus begonnen. Es ist erkennbar an Zeichen, auf die Jesus hinweist, als die Jünger von Johannes dem Täufer zu ihm kommen: „Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangeliums verkündet“ (Matthäus 11, 4–5).

Die Gemeinschaft Sant'Egidio feiert in diesem Jahr ihr 50. Jubiläum und war von diesen Worten betroffen. Daraus entstand eine persönliche Freundschaft mit den Armen. Die Gegenwart des Messias ist an einem durch Barmherzigkeit veränderten Leben der Armen erkennbar. Aus dieser Erfahrung sind die Weihnachtsmähler von Sant'Egidio mit den Armen hervorgegangen, um die Ankunft des Herrn zu feiern und auf seine heilbringende Gegenwart gerade für die Menschen am Rande hinzuweisen. Sie sind originelle Arten, um das Weihnachtsgeheimnis sichtbar zu machen.

Die vier Adventssonntage sind Etappen der Vorbereitung auf Weihnachten und können gestaltet werden, indem die armen Freunde Jesu in dieser Zeit besondere Begleitung erfahren. Initiativen der Freundschaft können dieser innerliche Weg sein. Die erste Etappe kann die Begegnung mit älteren Menschen sein. Jesus erwähnt die Lahmen. Ältere Menschen können oft mit den hektischen Rhythmen der Globalisierung nicht Schritt halten. Die Entwicklungen der Technik machen sie in den Augen Vieler zu Menschen, die nicht in die Zeit passen. Doch ihre Weisheit und Erfahrung, ihre nicht von Hektik geprägte Sichtweise, ihre langsamen Schritte helfen, unsere Zeit besser zu verstehen und zu sehen, was hektischen und globalen Menschen verloren geht.

Als zweite Etappe könnte die Woche der Kranken sein. Jesus erwähnt die Aussätzigen, die in seiner Zeit gleichsam ein Symbol für ein unheilbares Übel und für Unberührbarkeit waren. In einer von der Kultur des Körpers geprägten Welt wird Krankheit oft versteckt. Die verzweifelte Suche nach ungewöhnlichen Heilpraktiken weist auch darauf hin, wie schwer sich Menschen tun, Krankheiten anzunehmen. Doch sie sind Teil des Lebens. Diese Woche könnte eine Gelegenheit sein, die Kranken in den Blick zu nehmen. Denn Heilung ist nicht nur eine medizinische Angelegenheit, sondern auch mit menschlicher Zuwendung verbunden. Das schenkt Hoffnung auf eine Zukunft, über die der Advent spricht.

Als weitere Personengruppe erwähnt Jesus in seiner Antwort die Blinden. Das Beispiel von Bartimäus weist im Evangelium auf das Elend der Blinden hin, sie waren auf Betteln angewiesen. Die dritte Adventsetappe könnte die Woche der Obdachlosen sein.

Wir begegnen ihnen auf unseren Wegen durch die Stadt, aber häufig nehmen wir sie nicht wahr. Teilweise werden sie aus den Fußgängerzonen vertrieben, weil sie angeblich das schöne Stadtbild stören. Der Advent ist Licht in ihrer Blindheit, denn das Heil Gottes kommt auch und gerade für diejenigen, die von den Menschen ignoriert oder verachtet werden. Eine Begegnung, ein Wort, eine Geste der Zuwendung sind Zeichen der Nähe Gottes für ihr Leben, sie richten auf und schenken die Würde eines Bruders oder einer Schwester.

Schließlich führt die vierte Etappe direkt zur Schwelle von Weihnachten. Jesus erwähnt die Toten, die im Reich Gottes ein neues Leben geschenkt bekommen. Wir können an die Fremden und Geflüchteten denken. Viele haben eine Art Todeserfahrung hinter sich, sie sind dem Meer entkommen, in dem viele schon ertrunken sind, sie haben Krieg und Bomben überlebt, die das Leben so vieler geraubt haben, oft haben sie alles aufgeben müssen. Gastfreundschaft und Aufnahme schenken neue Lebensmöglichkeiten. Weihnachten ist das Fest einer armen Flüchtlingsfamilie in Bethlehem, die die Härte von verschlossenen Türen erfährt, aber auch die liebevolle Aufnahme durch wenig angesehene Hirten und fremde Sterndeuter.

Wie sie können wir eine Gotteserfahrung in der Begegnung mit einem Fremden, einem Menschen am Rande des Lebens machen.

Diese vier Adventsetappen sind eine Vorbereitung, um den wahren Sinn von Weihnachten, von der Menschwerdung unseres Gottes besser zu verstehen, der sich nicht in menschlicher Macht und Größe offenbart, sondern in der Gebrechlichkeit eines Armen, eines Schwachen, eines Kindes.

E-Mail: info@santegidio.de

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