Evangelische Kirche

Synode der Evangelischen Kirche: Viel Klima und ein bisschen Frieden

In Magdeburg tagte Anfang November die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erstmals seit 2019 wieder in Präsenz. Beim Ökumene-Podium war auch der Magdeburger katholische Bischof Gerhard Feige dabei und äußerte sich in manchen Punkten kritischer als die evangelischen Vertreter.
Die Klimaaktivistin Aimee van Baalen
Foto: IMAGO/Heike Lyding (www.imago-images.de) | Viel Klima auf der EKD-Synode: Aktivistin Aimee van Baalen ("Letzte Generation") konnte in Magdeburg stehende Ovationen entgegennehmen.

Der Sonntagabend auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Magdeburg stand im Zeichen der Ökumene und die Debatte war in zweifacher Hinsicht ungewöhnlich. Zum einen, weil der katholische Ortsbischof Gerhard Feige, zugleich in der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen der Ökumene verantwortlich, mit auf dem Podium sitzen und zu den Synodalen sprechen durfte, zum anderen aber auch, weil die Frontstellung umgekehrt verlief. Eigentlich, so hätten die meisten Zuhörer wohl erwartet, wären die beiden evangelischen Vertreter mit der katholischen Kirche in Fragen der Ökumene etwas härter ins Gericht gegangen, während Bischof Feige die Haltung seiner Kirche, womöglich mit gewissem Widerwillen, verteidigt hätte. Doch am Ende war die Frontstellung umgekehrt: Sowohl der Landesbischof von Schaumburg-Lippe, Karl-Hinrich Manzke, zugleich Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), wie auch der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, Volker Jung, blieben in ihren Äußerungen vergleichsweise moderat. Ein wenig Kritik an einer aus ihrer Sicht zögerlichen Haltung Roms in Ökumene-Fragen, aber keine scharfe Abgrenzung, so ließen sich die Stellungnahmen der beiden protestantischen Vertreter zusammenfassen. Dagegen hielt sich Bischof Feige nicht mit Kritik an der eigenen Kirche zurück und stieß damit auf wohlwollenden Applaus der in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt versammelten Synodalen.

Kritik am Papst

„Ich habe den Eindruck, dass einige Vertreter meiner Kirche immer noch nicht den Paradigmenwechsel des Zweiten Vatikanischen Konzils mit seinen katholischen Prinzipien des Ökumenismus verinnerlicht haben“, sagte der Magdeburger Bischof insbesondere in Richtung des Vatikans. Statt im erzielten Konsens eine gemeinsame Methode zu sehen und zu weiteren verantwortlichen Schritten zu kommen, werde zuweilen immer noch ein „exklusivistisches Kirchenbild“ sowie die Vorstellung vertreten, eine wirkliche Einheit gebe es nur in der römisch-katholischen Kirche.

Das kam an beim evangelischen Kirchenparlament, auch auf dem Podium. „Was Sie gesagt haben, war eigentlich das, was wir wollten“, lobte der Darmstädter Kirchenpräsident Jung die Äußerungen Feiges. Und der legte später noch einmal nach: Die römisch-katholische Kirche sei wohl nicht mehr die „Una Sancta Catholica et Apostolica“ von 1517, beide Konfessionen sollten sich nicht verbal voneinander abgrenzen, so der DBK-Ökumenebischof. Das gelte auch für die Äußerungen von Papst Franziskus vom Juni dieses Jahres. „In Deutschland gibt es eine sehr gute evangelische Kirche. Wir brauchen nicht zwei davon", hatte der Pontifex als Kritik am Synodalen Weg formuliert. „Unvernünftig" und „peinlich" nannte Bischof Feige diese Aussage. Landesbischof Manzke formulierte es ironisch: Immerhin habe der Papst die Protestanten als „Kirche" bezeichnet. „Das habe ich wohlgefällig gehört", meinte der Catholica-Beauftragte der Lutheraner im Hinblick auf das katholische Kirchenverständnis, das die Protestanten nicht im vollen Sinne als Kirche anerkennt.

Doch auch der evangelische Theologe sparte nicht mit Kritik insbesondere an der Haltung Roms und namentlich des Päpstlichen Einheitsrates unter der Leitung von Kardinal Kurt Koch in Fragen der Ökumene. Insbesondere das von deutschen Theologen beider Konfessionen erarbeitete Papier „Gemeinsam am Tisch des Herrn" von 2019 werde nach wie vor im Vatikan blockiert. Das Papier befürwortet die Frage, ob evangelische und katholische Christen in bestimmten Situationen, beispielsweise in konfessionsverbindenden Ehen, gemeinsam zur Eucharistie oder zum Abendmahl gehen können. Sowohl die römische Glaubenskongregation wie auch der Einheitsrat hatten sich kritisch zu dem Papier geäußert.

Lob für den Synodalen Weg

Einigkeit zwischen den drei Bischöfen herrschte auch in der Beurteilung des Synodalen Prozesses der weltweiten katholischen Kirche wie auch speziell des Synodalen Wegs in Deutschland, mit dem Papst Franziskus laut Bischof Feige einen „fundamentalen Perspektivwechsel weg vom Amt und der Verantwortung der Bischöfe hin zum ganzen Volk Gottes“ eingeleitet habe.

Dabei seien die Themen des Synodalen Wegs in der Kirche in Deutschland auch in vielen anderen Ländern der Welt virulent, sagte Feige. Das habe das kürzlich veröffentlichte Arbeitsdokument für die zweite, kontinentale Phase der Weltsynode gezeigt. Dies gelte für den Wunsch nach Beteiligung und Mitverantwortung aller Getauften ebenso wie für die Rolle der Frau in der Kirche und die Anerkennung und Wertschätzung von LGBTQ-Personen, so der Magdeburger Bischof.

Auch aus Reihen der EKD kam ausdrückliches Lob für den Synodalen Weg. Die Beschlüsse könnten auch interessante Anstöße für das ökumenisch-theologische Gespräch geben, meinte Jung. „Es ist bemerkenswert, dass substanzielle katholische Kernfragen der Kirche, der Weihe, der Hierarchie und des Naturrechts öffentlich zur Diskussion gestellt werden“, so der Darmstädter Kirchenpräsident.

„Haftungsgemeinschaft“ zwischen Protestanten und Katholiken

Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus hatte auf der EKD-Synode den Synodalen Weg ebenfalls gewürdigt. „Ich bewundere als evangelische Christin den Mut, mit der in der katholischen Kirche substanzielle Kernfragen des eigenen Selbstverständnisses diskutiert werden“, sagte Kurschus in ihrem Ratsbericht an das EKD-Kirchenparlament.

Landesbischof Manzke sprach gar von einer „Haftungsgemeinschaft“ zwischen evangelischen und katholischen Christen. Beide Kirchen steckten in einer Vertrauenskrise, auch aus der evangelischen Kirche gibt es Austritte wegen des Missbrauchsskandals bei den Katholiken. „Es hat sich gezeigt, dass der Synodale Weg in den vergangenen zwei Jahren nicht nur die Diskussionskultur der katholischen Kirche in Deutschland maßgeblich verändert hat, sondern dass er auch imstande ist, Ergebnisse vorzulegen, auf deren Grundlage [...] sichtbare und folgenreiche Reformen umgesetzt werden können", sagte der Catholica-Beauftragte der Lutheraner. Manzke trat der Auffassung entgegen, der Synodale Weg sei ein „Sonderprojekt“ der katholischen Kirche in Deutschland. Den Kritikern unterstellte er Unehrlichkeit in der Argumentation. „Man kann den Eindruck gewinnen, dass man Richtung Deutschland spricht, aber gleichzeitig Rom meint.“

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Waffen helfen

Doch so ausgiebig über Ökumene diskutiert wurde, sie stand nicht im Mittelpunkt der EKD-Synode. Unter anderem der Ukraine-Krieg prägte das Treffen des Kirchenparlaments. Und er forderte die evangelische Friedensethik mit ihrer starken pazifistischen Tradition heraus. Während sich der Friedensbeauftragte der EKD, der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer, erneut gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aussprach, zeigte sich die Ratsvorsitzende Kurschus dafür offen. „Waffen helfen, sich zu wehren und zu verteidigen, sie können Leben retten, das ist sehr viel“, sagte sie in ihrem Ratsbericht.

Dabei war Kurschus selbst am Reformationstag bei einer Predigt in der Wittenberger Schlosskirche wegen missverständlicher Äußerungen in die Kritik geraten. Dort hatte sie Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine gefordert und damit unter anderem deutlichen Widerspruch beispielsweise des früheren ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk hervorgerufen. Auf der Synode rückte sie ihre Äußerungen zurecht. Forderungen nach diplomatischen Bemühungen um einen Waffenstillstand in der Ukraine seien „weder herzlos noch ignorant gegenüber den Menschen in der Ukraine“. Es gehe ihr allerdings nicht darum, die Ukraine zu Verhandlungen aufzufordern oder gar zur Kapitulation. Aber Gespräche auf unterschiedlichen Ebenen dürften niemals für unmöglich erklärt werden, meinte die Ratsvorsitzende.

EKD setzt auf Klimaschutz

Für Diskussionen sorgte auch ein Auftritt am Dienstagmorgen: Aimée van Baalen, Mitglied der Klimaaktivisten-Gruppe „Letzte Generation“, durfte rund 15 Minuten lang zu den Synodalen sprechen. Die Gruppe steht seit Monaten immer wieder wegen spektakulärer Aktionen in den Schlagzeilen. Unter anderem haben sich einige Mitglieder an bedeutenden Kunstwerken, unter anderem vom Lucas Cranach dem Älteren oder Claude Monet, festgeklebt. Immer wieder blockiert die Gruppe auch Straßen, wodurch zuletzt in Berlin ein Rettungsfahrzeug behindert wurde, nachdem eine Radfahrerin bei einem Unfall unter einem Betonmischer eingeklemmt worden war. Für einen Großteil der Synodalen war das offenbar kein Problem: Nach van Baalens Rede erhoben sich zahlreiche Delegierte zum Applaus von ihren Plätzen. Und Synodenpräses Anna-Nicole Heinrich rief die Politik zum Dialog mit der Gruppe auf. Diese dürfe nicht in eine kriminelle Ecke gestellt werden, wo sie einfach nicht hingehöre.

Auch darüber hinaus setzten die EKD-Synodalen auf das Thema Klimaschutz. So empfahlen sie auf Autobahnen ein Tempolimit von maximal 120 Stundenkilometern, zugleich sollten bei Fahrten im kirchlichen Kontext maximal Tempo 100, auf Landstraßen maximal 80 gefahren werden. Bis 2035 sollen alle evangelischen Landeskirchen zudem klimaneutral werden. Die Kommentare auf diese Beschlüsse fielen teils kritisch bis hämisch aus: „Die dicken Dienstwägen der Kirchenoberen sollen auf Schleichfahrt gehen. Das mag manches Gewissen erleichtern, dem Klima hilft es nicht“, schrieb unter anderem die Zeitung „Freies Wort" aus dem thüringischen Suhl. Auch auf Twitter wurde der Beschluss teils süffisant bis ablehnend kommentiert: „Ich erwarte von meiner Kirche, dass sie spirituellen Halt gibt und nicht Politik macht“, schrieb beispielsweise der CSU-Bundestags-
abgeordnete Florian Hahn. „Ab wie vielen Punkten in Flensburg kommt man in die Hölle?“, fragte ein anderer Nutzer.

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