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Vertrauen in den Glauben des Gottesvolks

Wenn die Hirten in die Irre gehen, wird das Volk zum Träger der Tradition. Eine tröstliche Botschaft, die schon John Henry Newman in der Kirchengeschichte bestätigt sah.
JOHN HENRY NEWMAN JOHN HENRY NEWMAN (1801 - 1890), Catholic convert, as cardinal Date: 1888 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxO
Foto: IMAGO/Gemini (www.imago-images.de) | Laut John Henry Newman muss die Kirche darauf achten, was der Volksglaube und die Volksfrömmigkeit besagen - allerdings unter bestimmten Prämissen.

Gibt es noch Hoffnung für die katholische Kirche in Deutschland? Oder ist sie, wenn sie nicht wie in den Worten von Kardinal Marx sowieso schon an einem toten Punkt angelangt ist, garantiert dem Untergang geweiht? Diese Frage werden sich viele Katholiken stellen.

Die Kirche ist Leib Christi - keine NGO

Papst Franziskus hat regelmäßig in seinem zehnjährigen Papsttum davor gewarnt, dass die Kirche keine einfache NGO ist. Im deutschen Fall darf man wohl sagen, dass die Kirche auch keine Bürokratiemaschine, kein zentralistisches Konglomerat von Gremien, Sitzungen und nach innen gewandten Endlosdebatten ist – oder zumindest nicht sein sollte. Stattdessen ist die Kirche der Leib Christi, genährt durch Jesus im Allerheiligsten Sakrament, und zur Evangelisierung aufgerufen. Warum dann, so fragen viele Gläubige, so viel Verwirrung? Warum schlagen einige Hirten Wege ins Dickicht ein?

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Trotz der deprimierend wirkenden Gesamtsituation kann es Gründe zur Hoffnung geben. Ein Beispiel dafür ist bei John Henry Newman (1801-1890) zu finden. Der berühmte Konvertit zum Katholizismus im anglikanischen England, der 2019 heiliggesprochen wurde und für viele als zukünftiger Kirchenlehrer gilt, war kein großer Reformer, sondern immer darauf bedacht, alte Frömmigkeiten zu bewahren. Keine seiner Ideen hatte wohl einen solch großen Einfluss wie seine Theorie der Entwicklung von Kirchenlehren: Lehren entwickeln sich immer weiter (Reformen gibt es also immer), aber sie müssen auf das Bisherige aufbauen, ja die Lehren weiter vertiefen und neu entdecken, statt sie zu beseitigen.

Blick auf Volksglauben und Volksfrömmigkeit 

Eine der radikalsten Ideen von Kardinal Newman war seine große Hoffnung für die Zukunft der Kirche, die er weder im Zusammenspiel von Kirche und Staat noch in der Kirchenhierarchie fand. Stattdessen, schrieb er, „werde ich viele beleidigen, wenn ich sage, dass wir zum Volk schauen müssen“. Wie er in seinem Essay „On Consulting of the Faithful in Matters of Doctrine“ argumentierte, muss die Kirche darauf achten, was der Volksglaube und die Volksfrömmigkeit besagen, denn auch dort wirkt der Heilige Geist in der Verkündigung des Glaubens.

Dieses Konzept einer Volkskirche muss jedoch richtig verstanden werden. Das Volk hat bei Newman kein explizites Mitbestimmungsrecht. Stattdessen wird, so argumentiert der Kardinal, das christliche Volk in Zeiten, wenn auf episkopaler Ebene Ungewissheit herrscht, den Glauben bewahren und im alltäglichen, sakramentalen Leben, im Gebet und in der Nächstenliebe weiter festigen. Die Stärke des Volkes ist dabei gerade seine Ruhe, Überzeugung und sichere Verwurzelung: „Ich will Laien, die nicht arrogant, nicht unbesonnen im Gespräch, nicht streitsüchtig sind, sondern Menschen, die ihre Religion kennen, darin eintreten.“

Wann Laien wegweisend für die Entwicklung des Glaubens sind

Wenn die Laien auf Pfarreiebene, der Ortspfarrer und Ordensmitglieder weiter dem Ziel der Heiligkeit, der Erneuerung der Pfarreien und der Gemeinschaft nachgehen, dann wird das Kirchenvolk Träger der Tradition, „die Stimme der Tradition“, die sich bewahrt und doch langsam weiterentwickelt – gleich, was auf den obersten Ebenen der Hierarchie stattfindet. Newman nennt dafür insbesondere zwei Beispiele, auch wenn er diese Entwicklung immer wieder in der Geschichte beobachtet: Als positives Beispiel nennt er die Lehre der unbefleckten Empfängnis Mariens. Als Papst Pius IX. dieses Dogma 1854 offiziell verkündete, war dies nur eine Bestätigung dessen, was das Volk über Jahrhunderte langsam angenommen und entwickelt hatte.

Viel schwerer wog der „sensus fidei“ des einfachen Gottesvolkes indessen im frühen Christentum, wie Newman detailliert analysierte: Der Arianismus, der die Gottheit Jesu Christi verleugnete, wucherte überall im römischen Reich. Tatsächlich schien es oft so, als ob der heilige Bischof Athanasius der einzige Bischof überhaupt war, der gegen diese Häresie kämpfte. Doch wie Newman eindrucksvoll aufzeigt, war es vor allem das einfache Volk, das die Häresie nicht akzeptierte. Immer wieder versuchte die Kirchenhierarchie, gefangen im Arianismus, dem Volk Häretiker aufzuzwingen oder sie gewaltsam dazu zu bringen, die Irrlehre anzunehmen. Doch für das Volk war klar: Jesus war Gottmensch. Daran gab es nichts zu rütteln und dafür war es wert, notfalls zu leiden.

Wann Gläubige die Stimme der unfehlbaren Kirche sind

Dies soll natürlich nicht bedeuten, dass solch ein Zustand, in dem Bischöfe vom Glauben abfallen und das Volk die Kirche aufrechterhalten muss, wünschenswert ist. Stattdessen hat für Newman „jeder einzelne Teil der Kirche seine angemessenen Funktionen und kein Teil davon darf vergessen werden“. Für Newman war das Ideal immer die Kirche des heiligen Ambrosius oder des heiligen Thomas Becket, in dem Bischof und Volk zusammen den Glauben verkünden. Doch selbst dann, „in der Ära der Apostel, des heiligen Ambrosius, oder des heiligen. Beckets, war doch das Volk der Dreh- und Angelpunkt der Macht der Kirche - und so kann es wieder sein“.

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Was bedeutet das für die heutige Zeit? Die heilige Mutter Teresa antwortete bekanntlich auf die Frage, was sich an der Kirche ändern müsse: „Du und ich.“ So frustriert Gläubige auch immer sein mögen über den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland, so dürfen sie nicht aufgeben oder sich der eigenen Verantwortung entziehen. Stattdessen entspricht es auch ihrer Rolle, insbesondere heute den Glauben radikal zu leben, in Liebe gegenüber allen zu verkünden und an ihm festzuhalten. Dann können die Pfarreien und Gemeinschaften „die Stimme der unfehlbaren Kirche“ sein. Dann wird der Heilige Geist selbst das Volk als Leib Christi verwenden, um das „Theodrama“ der heutigen Zeit einem guten Ende zuzuführen.

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