Kirche

„Verhütung beschädigt die Liebe“

Kritik an Königsteiner und Mariatroster Erklärung bei „Humanae vitae“-Kongress. Von Stephan Baier
Papst Paul VI. und Karol Wojtyla
Foto: dpa | Papst Paul VI. litt sehr unter dem Widerstand, den seine Enzyklika erfuhr. Papst Johannes Paul II. (hier rechts beim Empfang der Kardinalswürde) schrieb „Humanae vitae“ später mit seiner Theologie des ...

In der Verkündigung der Kirche müssten die Gebote Gottes an erster Stelle stehen. Dies betonte der Bischof von Chur, Vitus Huonder, am Sonntag im Salzburger Dom. Die Kenntnis der Gebote helfe dem Menschen, den Willen Gottes zu erkennen und das ewige Leben zu erlangen. Darum sei die Enzyklika „Humanae vitae“ eine Hilfe für die Eheleute, weil sie die „Schöpfungsordnung bezüglich der sexuellen Kräfte des Menschen“ zeige, sagte Huonder in seiner Predigt im Rahmen des Kongresses der „Europäischen Ärzteaktion“ zur Veröffentlichung der Enzyklika vor 50 Jahren. Am Tag der Heiligsprechung Papst Pauls VI. sagte Huonder, dessen Enzyklika sei ein Opfer der Krise des kirchlichen Lebens geworden, habe diese Krise aber auch offengelegt. Es handle sich „um eine Krise der Moraltheologie, hervorgerufen durch die Situationsethik. Diese Krise hält bis heute an.“

Die Kirche habe den Anspruch, die Menschen alles zu lehren, was der Herr geboten hat, so Huonder. „Der Seelsorger darf den Weg der Kirche, den Weg der Wahrheit nicht verlassen.“ Er müsse den Eheleuten helfen, ihre Ehe aus dem Glauben und der Gnade zu leben.“ In Folge der Ursünde bestehe beim Menschen eine starke Spannung zwischen der Vernunft und dem sexuellen Verlangen. Das könne ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Der Erzbischof von Salzburg, Franz Lackner, hatte am Freitag bei der Eröffnung des Kongresses gewarnt, bedingt durch den Verlust des Religiösen und des Glaubens werde Europa seine hohen humanitären Werte nicht halten können. Der Sinn für das Leben schwinde zusehends. „Christen unterscheiden sich von der Welt von heute durch ihre Lebensfreundlichkeit“, so Lackner.

Die sexuelle Revolution habe „alles getan, um die Moral umzustürzen“, sagte der frühere Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Irrlehren wie die vom „kreativen Gewissen“ seien verantwortlich für die Vertuschung des Missbrauchs in der Kirche: Man habe lange nicht hinsehen wollen, „wo perverse Entwicklungen sind“. Humanae vitae sei „ins Schweigen abgesunken“, so Laun, der sich erinnerte, dass nach Erscheinen der Enzyklika „ein Tsunami der Empörung rund um den Globus“ gelaufen sei. Die Königsteiner Erklärung der deutschen Bischöfe und die Mariatroster Erklärung in Österreich seien in ihrer Argumentation „erbärmlich“, so der Moraltheologe, der enthüllte, Johannes Paul II. habe den Bischöfen Österreichs den Auftrag gegeben, die Mariatroster Erklärung zu überarbeiten. „Die Verhütung beschädigt die Liebe“, das sei das entscheidende Argument für „Humanae vitae“. „Die Körpersprache der Liebe wird durch die Verhütung gestört“.

Der Philosoph Josef Seifert kritisierte, dass der Enzyklika Pauls VI. „in kirchengeschichtlich beispielloser Weise von Moraltheologen und Bischöfen, ja ganzen Bischofskonferenzen“ widersprochen wurde. Weil der eheliche Akt ein Mitwirken am Schöpfungswirken Gottes sei, darum sei Kontrazeption „Hybris und Sakrileg, ein antitheistischer Akt“. Beim Ins-Sein-Treten eines Menschen gebe es ein unmittelbares Handeln Gottes. Dass Verhütung sündhaft sei, sei naturrechtliche Wahrheit. Die Integrität der Selbsthingabe von Mann und Frau umfasse auch die potenzielle Mütterlichkeit und Väterlichkeit. Zu den „sekundären Wirkungen“ der Verhütung zählt Seifert den Verlust des Respekts für die Würde der Frau. Seifert wandte sich gegen die These, es gebe keinen wesentlichen Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Empfängnisregelung. Die menschlichen Handlungen seien ethisch nicht allein nach ihren Folgen zu beurteilen. Die zeitweise Enthaltung sei kein Nein zum Leben.

Mann und Frau wirken an Gottes Schöpfungsplan mit

„Humanae vitae“ habe „auch für Katholiken kaum noch eine Bedeutung“, klagte der Vorsitzende der Europäischen Ärzteaktion, der Mediziner Bernhard Gappmaier. Er warnte vor staatlichen Verhütungsprogrammen wie der massenhaften Zwangssterilisierung indischer Männer unter Indira Gandhi und der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik Chinas. Die Afrikanische Union arbeite derzeit an einer Zwei-Kind-Politik für den kinderreichen afrikanischen Kontinent. In Österreich sei eine „niedrigschwellige Notfall-Kontrazeption für Mädchen ab 14“, leicht zugänglich in Apotheken in Planung. Paul VI. habe „unerwartete Mitstreiterinnen“ gefunden in Feministinnen, die erkannt hätten, dass die Pille die Frau für den Mann sexuell verfügbar macht. Gappmaier rief die Teilnehmer des Kongresses auf, „Heilige der Familie und des Alltags zu werden“. „Humanae vitae“ helfe zu erkennen, dass Mann und Frau „Mitwirkende am Schöpfungsplan Gottes“ sind.

Die Schauspielerin Inge Thürkauf, Witwe des Naturwissenschaftlers Max Thürkauf, kritisierte die „Freigabe der Gewissensentscheidung“ durch die deutschen und österreichischen Bischofskonferenzen in dieser Frage. Die Priorität des Gewissens vor dem kirchlichen Lehramt habe zu einem Desaster geführt. Die Fähigkeiten des Gewissens reichten nicht aus, „um die Launen der gefallenen Natur in Schach zu halten“, so Thürkauf, die fragte: „Wo geht das Gewissen in die Lehre?“ Mit den Erklärungen von Königstein und Mariatrost habe die Kirche den Einfluss auf die Bildung der Gewissen aufgegeben. „Sexualität wurde zum Konsumartikel“, und die Erfahrung lehre, dass Unordnung im sexuellen Bereich das spirituelle Leben ersticke. Durch das Verschweigen der Lehre von „Humanae vitae“ werde den Eheleuten großes Unrecht angetan. „Wie sollen junge Leute wissen, wenn ihnen niemand predigt?“

„Die Enzyklika kam zu spät!“, meinte die Publizistin Gabriele Kuby in ihrem Vortrag. Die Lehre von „Humanae vitae“ und die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. „hatten keine Macht mehr, die Strukturen der Sünde in der Kirche aufzubrechen“. Die aktuelle Missbrauchskrise sei die Spitze dieser Sünden. Kuby machte dafür „die Durchsetzung der Kirche mit homosexuellen Netzwerken“ verantwortlich. „Es sind die Strukturen der Sünde, die die Kirche zu einem gefesselten Riesen machen.“ Die ausgeübte Homosexualität von Klerikern sei nicht die Ursache, aber die Voraussetzung des Missbrauchs von Jungen. Für die Opfer werde durch den Missbrauch vielfach der Weg des Glaubens verschüttet, für die Täter werde die Lüge „zur Behausung“. Kuby weiter: „Wie Priester sexuelle Gewalt an Minderjährigen und Abhängigen üben und zugleich täglich an den Altar treten können, ist ein Geheimnis des Bösen.“

Am Vorabend der Heiligsprechung Pauls VI. skizzierte der Historiker und Publizist Michael Hesemann den Montini-Papst als „Zauderer und Zögerer“, der so empathisch und höflich gewesen sei, dass Kritisierte seine Kritik oft nicht verstanden. Unter der Welle der Laisierungen nach dem Konzil habe der Papst physisch und psychisch so gelitten, dass er mehrfach den Rücktritt erwog. Besonders verletzt habe ihn die Polemik, die auf die Veröffentlichung von „Humanae vitae“ folgte: „Darunter hat dieser hochsensible Mensch schwer gelitten.“ Hesemanns Fazit: Paul VI. sei kein Revolutionär gewesen, sondern ein Brückenbauer, der für Kontinuität stand, nicht für einen Bruch in der Kirche.

„Der Papst hat die Menschen dort, wo es um das Intimste, um die Lebensweitergabe geht, nicht im Stich gelassen, sondern ihnen das Licht der Lehre gegeben“, meinte der Kirchenhistoriker und Priestre Ignaz Steinwender in Salzburg. Ein Leben nach Humanae vitae fördere die Kultur in der Familie, erleichtere die Treue und gegenseitige Achtung. Durch den Ungehorsam gegenüber der Enzyklika sei es zur Relativierung von Glaubenswahrheiten gekommen, Anpassung und Verweltlichung wurden als Fortschritt gepriesen. „Weil die Kirche so geschwächt war, konnte die sexuelle Revolution in Teile der Kirche eindringen. Die Kirche war nicht mehr resistent gegen das Eindringen einer Homolobby“, so Steinwender.

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