Kirche

Überwältigt vom Heiligen Geist

Wie Konvertiten den katholischen Glauben fanden und lebten: eine neue Sammlung ergreifender Zeugnisse. Von Marie-Thérese Knöbl
Amerikanerin Dorothy Day
Foto: KNA | Journalistin, Sozialistin, Katholikin: die Amerikanerin Dorothy Day.

Menschen gegenüber, die im Säuglingsalter die hl. Taufe empfangen haben und von Kindheit an in der katholischen Kirche sind, kann man es oftmals gar nicht richtig erklären. Mit anderen Konvertiten hingegen, aber auch mit frisch geweihten oder tief im Glauben verwurzelten Menschen ist man sofort auf einem Nenner, ohne viele Worte verlieren zu müssen. Das ist das eigentümliche Schicksal, dass all diejenigen teilen, die sich ganz bewusst, oftmals erst in fortgeschrittenem Erwachsenenalter und nach Jahrzehnten der inneren Vorbereitung, für den katholischen Glauben entscheiden. Dem letzten Schritt geht meist ein erschütterndes Erlebnis voraus, das für Außenstehende gar nicht merklich spektakulär oder außergewöhnlich ist, aber für den Betroffenen nachhaltig das Leben und die Haltung zu Gott, Welt und Wirklichkeit verändert: Man wird innerhalb eines Bruchteils der eigenen Lebenszeit vom Heiligen Geist überwältigt und zutiefst in der Seele erschüttert.

Selbst mit vierzig Jahren in die katholische Kirche eingetreten, hat nun die in Italien lebende Autorin Barbara Wenz ein berührendes und spannendes Buch über einige solcher überwältigenden Erfahrungen erwachsener Personen mit dem Heiligen Geist zusammengestellt. Über die Taufe und Erstkommunion dieser Erwachsenen schreibt sie: „Für jeden Konvertiten ist dies ein bedeutsamer Moment, in dem sich weniger ein Ende eines mehr oder weniger langen Weges ausdrückt, sondern der vielmehr den Charakter einer Türangel besitzt – etwas wendet sich.“

Elf Leben mit entscheidenden, von einer Überwältigung durch den Heiligen Geist initiierten Wenden werden dem Leser vorgestellt – ein jedes in seiner ganz eigenen Besonderheit und unter Berücksichtigung des geographischen und historischen Kontexts. Lebendig und anschaulich sind diese Lebensbilder gezeichnet, mit einfühlsamer Tiefe und doch gut lesbar. Bekannte Konvertiten sind darunter wie die heilige Edith Stein, der Journalist Fritz Gerlich und die Schriftstellerin Gertrud von le Fort, aber auch weniger bekannte wie der französische Dichter Paul Claudel, die amerikanische Schauspielerin Dorothy Day oder der japanische Arzt Paul Takashi Nagai. In allen elf Lebenszeugnissen wird auch das Leiden sichtbar, das mit der vollen Annahme des Glaubens einhergeht, und die aufrichtige, geradezu übermenschliche Bereitwilligkeit der Konvertiten, es auf sich zu nehmen. Behutsam wird aufgezeigt, wie entscheidend in den meisten Fällen die Begegnung mit tief gläubigen – im Fall von Clemens von Brentano und Fritz Gerlich auch: stigmatisierten – Katholikinnen und Katholiken für die Konversion der Porträtierten war. Nicht selten wirken diese sogar über die Jahrhunderte hinweg, wie im Falle von katholischen Schriftstellern oder Heiligen, deren Werke und Lebensbeschreibungen ebenfalls zu Konversionen führen können. Etwa die Pensées von Blaise Pascal (1623–1662) – auch er ein im Erwachsenenalter Bekehrter –, die zur Konversion des Japaners Takashi führten, oder die Lebensbeschreibung der hl. Teresa von Ávila, deren Lektüre im Sommer 1921 das Leben der Philosophin Edith Stein für immer veränderte. Nicht nur das vor unseren Augen entfaltete Leben von Heiligen, Leidenden und Bekehrten, auch das Singen des Magnificat (im Fall Paul Claudels) oder das Sprechen eines Gebets (im Fall des jüdischen Bankierssohnes Alphonse Ratisbonne) können schlagartig zu einer Überwältigung der Seele durch den Heiligen Geist und zur plötzlichen und danach unumkehrbaren Erkenntnis der Wahrheit in Geist und Seele eines Menschen führen.

Das macht die Sammlung der Konvertiten-Leben von Barbara Wenz deutlich. Gelungen veranschaulicht sie dabei das Wirken der Vorsehung und des Heiligen Geistes durch alle Zeiten hinweg, gerade auch in besonders stürmischen Zeiten der Kirche und des Individuums. Eindrucksvoll dargestellt ist dies in den Lebensbeschreibungen der beiden jüdischen Konvertiten Eugenio Zolli und Jean-Marie Lustiger, deutlich sichtbar wird es aber auch in allen anderen Porträts.

Dass ein jedes Leben seine je eigene Berufung hat, die den Einzelnen dann meist ganz schlagartig klar wird, und dass die je eigenen Talente nach einer gelungenen Konversion auch für die Kirche und für andere Menschen fruchtbar werden, wird ganz besonders in der Beschreibung des enormen Engagements von Dorothy Day für die Arbeiter und die Arbeitslosen offenkundig, das – gespeist von einer profunden Kenntnis der kommunistischen Denk- und Lebensweise – die Fürsorge für diese Menschen nicht politischen Parteien überlässt, sondern ganz in die Güte und Barmherzigkeit Gottes stellt: mit der Gründung einer Zeitschrift für die Arbeiterschaft, von Farmkommunen und „Häusern der Gastfreundschaft“, mit konkreten Werke der Barmherzigkeit, um die Armen zu versorgen und den Hoffnungslosen Zuversicht zu geben.

Alle dargestellten Lebenswenden sind gekennzeichnet von einer unerhörten Frische, zugleich aber auch einer unerhörten, nie gekannten Tiefe des geistigen und seelischen Lebens, welche die Schwere des Kreuzes erahnen lässt, das es in der Nachfolge Christi nicht selten zu ertragen gilt. Die Autorin bringt all dies gut auf den Punkt, wenn sie schreibt: „Denn jetzt beginnt eine Zeit im Feuerofen der göttlichen Gnade, einerseits voller Tröstungen, doch auch immer angefüllt mit Prüfungen, Kampf und geistlicher Not.“ Ihr und dem Verlag darf man zu dieser schönen Publikation gratulieren. Ihre Lektüre gibt Zuversicht und Freude, es ist ein schönes Geschenk für alle Bekehrten und Noch-nicht-Bekehrten.

Barbara Wenz: Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse.
Media Maria, Illertissen 2017, ISBN 978-3-94554012-2-4, 160 Seiten, EUR 14,95

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