Transhumanismus

Transhumanismus: Aufstand gegen den Schöpfer

Der Transhumanismus ist relativ jung. Aber die Vision von Cyborgs ist schon Jahrhunderte alt – wenn auch unter anderen Namen.
Kinostart - "Terminator: Genisys"
Foto: Melinda Sue Gordon (2015 Paramount Pictures) | Ein Roboter der Baureihe T-800 aus der Film-Saga „Terminator“.

Wer das Wort „Cyborg“ hört, wird vielleicht an James Camerons Blockbuster „Terminator“ (1984) denken. Der Terminator – halb Mensch, halb Maschine – ist ein Kampfroboter, der aus der Zukunft des Jahres 2029 in die Vergangenheit geschickt wird, um die Mutter John Connors zu töten. Dieser John Connor ist der Anführer einer Rebellion gegen die brutale Herrschaft der künstlichen Intelligenz Skynet, die jene Armee von Kampfrobotern steuert, zu der auch der Terminator gehört.

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Inverser Cyborg

Cameron kannte 1984 noch nicht den Begriff für das, was sich um Skynet ereignet hatte. Er wurde erst 1993 von dem Mathematiker Vernon Vinge popularisiert: die Singularität. Das ist der Zeitpunkt, an dem Maschinen intelligenter als die Menschheit werden und die Macht übernehmen. Google-Chefentwickler Ray Kurzweil sollte der Begriff dann in Büchern wie „The Singularity is near“ zu einem Mythos des Transhumanismus ausbauen, jener neuesten Ideologie vom neuen Menschen, zu deren Repertoire eben auch der von Schwarzenegger dargestellte Cyborg gehört.

Dabei ist der Terminator ein „inverser“ Cyborg – ein Roboter, der mit menschlichem Gewebe umhüllt ist, um die Unterscheidung zwischen Freund und Feind unmöglich zu machen. Das transhumanistische Cyborg-Konzept geht hingegen vom menschlichen Körper aus, der mit elektronischen Prothesen und Sensoren aufgerüstet wird. Das Ziel ist Selbstoptimierung. Wer einen Herzschrittmacher benötigt, ist demnach noch kein Cyborg, denn diese Technologie dient der Therapie. Ganz anders liegt der Fall schon bei dem britischen Kybernetiker Kevin Warwick, der sich 2002 im Rahmen des „Project Cyborg“ einen Sensor implementieren ließ. Warwick benötigte keine Therapie – der Sensor erlaubte es ihm, einen Roboterarm zu steuern, mit dem er via Internet verbunden war. Warwicks optimierte seinen Körper, indem er sich mit einer Maschine verband, die seinen Aktionsradius erweiterte. Damit knüpfte er an Ideen an, die mehr als zweihundert Jahre zurücklagen.

 

René Descartes
Foto: Wikipedia | René Descartes behauptet, dass der menschliche Geist den Körper wie eine Maschine steuere.

Körper wie eine Maschine

Schon im 17. Jahrhundert hatte René Descartes behauptet, dass der menschliche Geist den Körper wie eine Maschine steuere, ja dieser Körper selbst als Maschine zu betrachten sei. Es dauerte dann nur noch hundert Jahre, bis der cartesische Rationalismus von einer materialistischen Sichtweise abgelöst wurde. In „L'omme-Machine“ (1748) schrieb Julien Offray de La Mettrie: „Ziehen wir also kühn den Schluss, dass der Mensch eine Maschine ist und dass es im ganzen Weltall nur eine Substanz gibt, die freilich verschieden modifiziert ist.“ Damit stieß La Mettrie an die Grenzen des Menschseins, an denen eine Leib-Maschine ihren Geist nur noch aus physiologischen Prozessen bezieht und der ganze Mensch wie ein Uhrwerk den Naturgesetzen folgt. Im 19. Jahrhundert glaubten einflussreiche Wissenschaftler schließlich, dass die Medizin bald alle Geheimnisse dieses Uhrwerks gefunden hätte.

Bei diesem Glauben blieb es; er wurde jedoch hartnäckig weiterverfolgt. Und so näherte man sich dem Geheimnis Mensch von der anderen Seite. 1948 veröffentlichte der Mathematiker Norbert Wieder sein Buch „Kybernetik“, das sich mit der Regelungstechnik in technischen Systemen beschäftigte. Wiener orientierte sich dabei unter anderem an Rückkopplungs- und Kommunikationsprozessen in lebenden Organismen wie dem Menschen, als Bauplan für eine immer bessere und präzisiere Technik. Von hier aus ist es nicht weit zu der Frage, ob das nicht auch umgekehrt funktionieren könne, indem man die solcherart optimierte Technik in den Menschen einbaut, um diesen zu optimieren. Genau in diesem Kontext bewegt sich auch der Begriff „Cyborg“, in dem die Kybernetik, abgeleitet von „kybernetes“, (griechisch „Steuermann“), schon drinsteckt. Cyb-Orgs sind durch Technik regulierte, optimierte und damit gesteuerte Organismen.

 

Julien Offray
Foto: Wikipedia | Julien Offray de La Mettrie: „Ziehen wir also kühn den Schluss, dass der Mensch eine Maschine ist und dass es im ganzen Weltall nur eine Substanz gibt, die freilich verschieden modifiziert ist.“

Internet im Körper

Es waren schließlich der Neurophysiologe Manfred Clynes und der Mediziner Nathan S. Kline, die den Begriff für ihren Artikel „Cyborgs and space“ kreierten, der 1960 im US-amerikanischen Journal „Astronautics“ erschien. Die Raumfahrt stelle den Menschen vor die Aufgabe, so Clynes und Kline, aktiv an seiner eigenen biologischen Evolution mitzuwirken. Und diese Mitwirkung verstanden sie kybernetisch. Denn Astronauten sollten durch Implantate in selbstregulierende Mensch-Maschine-Systeme verwandelt und so fit für lange Raumfahrten werden.
1960 dachten Clynes und Kline noch an ein System aus Sensoren zur Kontrolle der Körperfunktionen und osmotischen Pumpen zur Injektion chemischer Präparate, das den Körper an die veränderte Umgebung des Weltalls anpassen sollte.

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Sechzig Jahre später ist laut einer Veröffentlichung des World Economic Forum die Cyborgisierung auch auf Erden in vollem Gange. „Die jüngsten technologischen Fortschritte haben eine neue Ära des ,Internet der Körper‘ eingeläutet, in der eine noch nie dagewesene Anzahl von vernetzten Geräten und Sensoren am menschlichen Körper angebracht oder diese sogar implantiert und eingenommen werden. Dies hat den menschlichen Körper in eine Technologieplattform verwandelt.“ Dabei übernimmt das Internet die Aufgabe des Regulierungsmechanismus, wenn die Daten der vernetzten Körper online ausgewertet und das Ergebnis als Regulativ verwendet wird. Datenschutz wird dabei eher als hinderlich angesehen.

Fluide Geschöpfe

Posthumanisten wie Donna Haraway, die Verfasserin des Cyborg-Manifesto (1985), nutzen Cyborgs sogar als Folie, um sich von überkommenen Personen- und Geschlechterkonzepten zu trennen. Wie diese seien sie beliebig konfigurierbar und damit fluid. Der Mensch als Geschöpf Gottes ist demnach ein Auslaufmodell. An seine Stelle tritt die posthumanistische Sichtweise, bei dem nicht nur die Grenzen zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Mensch, Maschine und Tier fallen.

Kein Wunder, dass es von christlicher Seite starke Bedenken gegen die Cyborgisierung des Menschen gibt. Der in Rom lehrende Philosoph Stephan-Lorenz Sorgner meint diese mit der Behauptung entkräften zu können, „dass wir stets Cyborgs gewesen sind. (…) Steuerung geschieht bereits mit der Menschwerdung. In der Philosophie wurde der Mensch meist durch die Sprachfähigkeit definiert. Das Erlernen von Sprache ist unser erstes Upgrade, das unsere Eltern uns verpassen. Unsere Cyborgisierung setzt sich mit dem Erlangen von neuen Fähigkeiten, wie etwa dem Erlernen von Mathematik, Geschichte etc., fort.“  Man meint hier fast La Mettrie zu hören, nur dass die Mensch-Maschine durch einen Mensch-Computer ersetzt wird, den man beliebig upgraden kann. Mit der These, das menschliche Gehirn funktioniere wie ein Computer, dessen Software so etwas wie Geist ist, schließt sich der Kreis zwischen Cyborg und Transhumanismus.

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