Synodaler Weg

Streitgespräch zum Synodalen Weg wird zur Begegnung zweier Welten

Zwei Köpfe, Zwei Planeten. Beim Schlagabtausch zwischen Bernhard Meuser und Birgit Mock über den Synodalen Weg stoßen unvereinbare Gegensätze aufeinander. Reformer kommen ohne Jesus aus.
Streitgespräch  zwischen Bernhard Meuser und Birgit Mock zum Synodalen Weg
Foto: Maximilian von Lachner/Synodaler Weg | Nach der vierten Synodalversammlung: Ein Streitgespräch in Bad Godesberg zeigte die unterschiedlichen Positionen und Ansätze von Verfechtern und Kritikern des Synodalen Weges auf.

Die katholische Kirche erfreut sich traditionell einer ergiebigen Streitkultur. In diesem Sinne lädt die katholische Gemeinde in Bad Godesberg zu einer Gesprächsreihe zum Synodalen Weg: „Quo vadis Ecclesia? Themen des Synodalen Wegs im Disput.“ Zwei Akteure des kirchlichen Lebens führen ein Streitgespräch, einige Tage später folgt eine vertiefende Gesprächsrunde. Ein hervorragendes Konzept: Die Argumente dürfen „sacken“, sie bekommen nicht nur Raum, sondern auch Zeit.

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Diskussion mit Zeit

Ende Oktober diskutierten im Rahmen dieser Reihe Bernhard Meuser, Herausgeber des Youcat, und Birgit Mock, Vorsitzende des IV. Synodalforums, über jenes Forum: „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“. Meusers Einstiegsimpuls bot diesbezüglich viele Aspekte in rascher Abfolge, streckenweise theologisch recht anspruchsvoll. Ausgangspunkt war die Lebensrealität in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

Publizist Bernhard Meuser
Foto: Archiv | Der Theologe und Publizist Bernhard Meuser war Verlagsleiter des Pattloch Verlages; er initiierte verschiedene katechetische Werke, wie zum Beispiel den YOUCAT.

 

Dies verlieh seinen Ausführungen trotz des akademischen Gestus Bodenständigkeit. Zudem machte sich Meuser damit ein Kernanliegen des Synodalen Wegs zu eigen: Er maß die Forderung, die Lehre der Kirche an der Lebenswirklichkeit der Menschen auszurichten, an der Realität, nicht an eigenen Vorannahmen. Angesichts alleinerziehender Mütter, bindungsgestörter Söhne und zerstörter Lebensträume kam er zu dem Schluss: Selbst in einer wohlsituierten Gegend sei die Lebensrealität der Menschen geprägt von zerbrochenen Beziehungen. Christliche Moral dagegen habe im Leben dieser Menschen keine Relevanz. Für Meuser resultiert daraus: „Erst kommt das Beten, dann die Moral“. Die Beziehung zu Gott müsse der Moral vorausgehen. Er bedauerte, dass der Synodale Weg die Mahnung des Papstes im Hinblick auf Neuevangelisierung nicht aufgenommen habe.

Birgit Mock
Foto: Julia Steinbrecht (KNA) | Birgit Mock, Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), auf der vierten Synodalversammlung am 8. September 2022 in Frankfurt.

 

Birgit Mock bekannte, sie sei gewiss zu 95 Prozent nicht Meusers Meinung. Auf die Frage nach dementsprechend fünfprozentiger Gemeinsamkeit blieb Meuser eine versöhnliche Antwort schuldig: Es sei schön, dass Birgit Mock einmal das Wort Gott erwähnt habe, sagte er einigermaßen flapsig. Dieses Muster setzte sich fort: Meuser inhaltlich kompetent, zuweilen schroff. Mock dagegen reihte, stets lächelnd, ohne argumentative Linie Statement an Statement. Sie schilderte Aufbau und Intention des Synodalen Wegs und betonte, dass er aus dem Wunsch nach Aufarbeitung des Missbrauchs erwachsen sei. Meusers Kritik, statt des Missbrauchs würden völlig andere Themen diskutiert, widersprach sie nicht. Sie brachte die von Meuser bereits untersuchte These von der Anpassung an die Lebensrealität auf, korrigierte seine Einschätzung aber nicht. So stand ein offener Widerspruch im Raum: Das, was kaputte Beziehungen hervorbringt, soll zugleich Grundlage dessen sein, was Beziehung gelingen lässt? Mock schien sich daran nicht weiter zu stören.

Ein Bruch festgestellt

Meuser wehrte sich gegen die Vergemeinschaftung der Verantwortung für Missbrauch, schilderte seine Missbrauchserfahrung und erklärte, wie der Synodale Weg ihn und andere Opfer instrumentalisiere. Birgit Mock rügte diese Empfindung als „unerträglich“. Ungerührt überging sie den emotionalen Zwischenruf einer Frau, die sich ebenfalls als Opfer sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Kontext offenbarte. So bestätigte Mock den Vorwurf der Instrumentalisierung: Unverfroren demonstrierte sie ihre Nichtachtung von Empfinden und Meinung jener Missbrauchsopfer, die ihrem persönlichen Narrativ nicht dienlich waren.

Allgemeine Heiterkeit löste im Publikum der Publizist Martin Lohmann aus. Mock hatte in ihrem Einstiegsvortrag behauptet, Weihbischof Schwaderlapp habe das Forum IV verlassen, „weil er erkannt hat, dass wir die Lehre der Kirche weiterentwickeln wollen“, so Mock süffisant. Die Äußerung rief unwilliges Raunen im Saal hervor. Lohmann kontaktierte flugs Schwaderlapp und der Weihbischof korrigierte höchstpersönlich per Kurznachricht, er habe einen Bruch festgestellt, keine Weiterentwicklung, und daraus die Konsequenz gezogen. Der Klarstellung folgte herzlicher Applaus. Eine befremdliche Episode: Schwaderlapp hatte sich stets klar geäußert, seine Haltung ist bekannt und auch ohne „investigative“ Intervention herauszufinden. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Birgit Mock als Vorsitzende des Forums nicht genau wusste, wie er die Sache einordnete. Ihre kleinliche Agitation gegen einen ehrlichen Kritiker wirkte deplatziert.

 

 

Gefallene Welt

Mocks Aussagen waren wenig überzeugend: Jeder sei so, wie er sei, gut und gottgewollt. Ein Satz, zugeschnitten auf die queeren Orientierungen, die der Synodale Weg im Blick hat. Meuser konterte, dass der Mensch in der gefallenen Welt dem Schöpferwillen nicht vollkommen entspräche. Die Chance, nun aus allgemein menschlicher Erfahrung statt aus theologischer Sprache zu schöpfen, nutzte er nicht. Dies tat in seinem Schlusswort Pfarrer Gianluca Carlin: Er umschrieb Meusers Thesen in pastoralem statt theologischem Gewand, indem er den Satz „Gott will dich so“ als Negativbeispiel seelsorgerlicher Begegnung schilderte und dagegen den Satz „Gott liebt dich so“ stellte. Nun nickte Birgit Mock bejahend, obgleich er nichts anderes ausgesagt hatte als Meuser, der auf Gottes Liebe ebenfalls ausdrücklich hingewiesen hatte.

Mock betonte, man wolle nicht an christlichen Formen des Zusammenlebens festhalten, wohl aber an Werten – namentlich an Treue, Ausschließlichkeit und „idealerweise“ an Dauerhaftigkeit. Meuser nannte dies moralistisch: Man beanspruche, moralische Maßstäbe zu bestimmen, wähne sich als „Moralbesitzer“. Bei uneindeutigen Aussagen von Mock, etwa, es sei ein Paradigmenwechsel, Sexualität „per se“ als positiv zu bewerten, oder man wolle vom Christentum bewahren, was „hilfreich“ sei, blieb unklar, ob sie dies in der jeweiligen philosophischen Tragweite wirklich so gemeint hatte.

Theologie steht Politik gegenüber

Das Publikum bedachte Mock fast durchweg mit deutlicher Kritik. Insbesondere jüngere Teilnehmer standen beherzt zur Lehre. Mehrfach wurde gefragt, wieso die Theologie des Leibes vom Synodalen Weg nicht rezipiert würde. Mock bescheinigte dieser, sie habe „nicht auf jede sexuelle Orientierung (…) eine Antwort“. Die wenigen Kritiker Meusers stießen sich vor allem an dessen Tonfall. Drei oder vier unnötig polemische Aussagen führten zu vorhersehbarer Entrüstung: Meusers patzige Bemerkung, die synodalen Texte enthielten „lausige Theologie“, bot Anlass zur gleichfalls polemischen und überdies sachlich falschen Behauptung, er habe die Autoren als lausige Theologen bezeichnet.

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„Ich habe eine theologische Erörterung und eine politische Rede gehört“, so charakterisierte eine Zuhörerin die Beiträge. Die Unversöhnlichkeit, die den Abend prägte, beschränkte sich nicht auf gegensätzliche Positionen. Sie war umfassend: Menschen-, Gottes-, Kirchenbild; Methodik und Intention waren unvereinbar. Meuser vertrat katholische Lehre, Mock negierte zumindest indirekt sogar allgemein christliche Überzeugungen. Es drängte sich der Eindruck auf, dass in den Strukturen der Synodalen Gremien kritische Reflexion eher unterbleibt.

Jesus Christus kommt nicht vor

Birgit Mock bekräftigte den Anspruch des Synodalen Wegs, nicht nur in Deutschland, sondern für die gesamte katholische Kirche einen theologischen Beitrag zu leisten. Zugleich entzog sie sich dem Diskurs, indem sie leichthin bemerkte, sie sei keine Theologin. Sollte sich der Synodale Weg weiter auf säkularisierende Narrative statt auf christliche Theologie konzentrieren, steht zu befürchten, dass er sich lächerlich macht: Birgit Mock erwähnte Jesus Christus nicht ein einziges Mal. Dies wird in der weltweiten Christenheit wohl kaum als ernsthafte Theologie durchgehen können.

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