Speise für Geist und Seele

Im Eucharistietraktat der Summa theologiae des Thomas von Aquin verschmelzen Wissenschaft und Frömmigkeit. Von Manfred Gerwing
Engel lehren den heiligen Thomas die Wahrheit über die Eucharistie
Foto: IN | Engel lehren den heiligen Thomas die Wahrheit über die Eucharistie: Il Guercino, San Domenico in Bologna.

Der Mensch muss in leibhaftiger Existenz essen und trinken. Was aber Essen und Trinken für den Körper, ad vitam corporalem, bedeuten: Nahrung, Wachstum, Wiederherstellung, Genuss, das alles bedeutet die Eucharistie für das Glaubensleben, ad vitam spiritualem. Thomas von Aquin liebt den erhellenden Vergleich, reflektiert ihn und bringt die Sache auf den Punkt.

Die Sache, das ist in diesem Fall das Geheimnis der Eucharistie. Dabei entfaltet Thomas seine bis heute gültige Transsub-stantiationslehre. Er will mit dieser Lehre nicht, wie unterstellt wurde, das Geheimnis der Gegenwart Jesu Christi unter den Gestalten von Brot und Wein philosophisch auflösen. Vielmehr will er das Mysterium theologisch markieren und in seiner ganzen Tiefe signieren.

Tatsächlich kann die Verehrung der Eucharistie im Leben und Werk des Thomas von Aquin gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nicht so sehr aufgrund seiner luziden Kommentare zur Heiligen Schrift und zu den Werken des Aristoteles ist Thomas bis heute in der Kirche präsent, sondern dank seiner tiefen Verehrung des Altarsakraments. Diese wiederum findet ihren adäquaten Ausdruck in den Hymnen und der Sequenz, die er anlässlich des im Jahr 1264 eingeführten Fronleichnamsfestes auf Bitten von Papst Urban IV. (vor 1200–1264) verfasst hat.

So muss der berühmte eucharistische Hymnus, das Pange lingua, durch die Jahrhunderte immer wieder vertont und musikalisch für den Gottesdienst bearbeitet, Thomas zugeschrieben werden. Der Hymnus ist durch seine letzten beiden Strophen heute noch jedem Messdiener bekannt. Das sogenannte Tantum ergo wird regelmäßig zur eucharistischen Anbetung und zum sakramentalen Segen angestimmt. Die wenigen Verse des Thomas gehören zum festen Bestand der Liturgie und haben die katholische Frömmigkeit weitaus stärker geprägt als seine zahlreichen Bücher.

Für die Einführung des Fronleichnamsfestes gab Papst Urban IV. drei Gründe an: Erstens soll dankbar an die Einsetzung der Eucharistie am Gründonnerstag erinnert werden. Zweitens sollen Irrtümer widerlegt werden, die im Laufe der Zeit im Blick auf die Eucharistie entstanden sind. Das Geheimnis der Realpräsenz, der wirklich-wahren und wesenhaften Gegenwart Christi, soll unterstrichen, die bloß symbolische Deutung der Eucharistie aber negiert werden. Drittens geht es um eine Art Wiedergutmachung: Die immer wieder zu beobachtende Ehrfurchtslosigkeit gegenüber dem Altarsakrament soll an diesem Tag durch exponierte Verehrung wenigstens versuchsweise ausgeglichen werden.

Die päpstlichen Gründe spiegeln sich in den liturgischen Texten wie auch in dem vorliegenden Traktat De Eucharistia des Hauptwerkes des Thomas, der Summa theologiae (III, 73–83), wider. Es entspreche dem Sinn des Herrenmahls als Sakrament, dass es beim letzten Abendmahl gegründet wurde, bei dem Christus zum letzten Mal mit seinen Jüngern zusammenkam (vgl. STh III, 73). Brot und Wein figurieren als „Bildestoff“ (materia) dieses Sakramentes (III, 74), während die Wesensform (forma) jenes Wort darstellt, das als Wandlungswort gesprochen wird.

Brot und Wein werden in den Leib und das Blut Christi verwandelt (III, 75), in die göttliche Nahrung des Herrenleibes, durch die sich das Neue Leben im Christen erhält. Was aber ist darunter zu verstehen? Wie ist das überhaupt möglich? Und vor allem: Wie ist Christus in diesem Sakrament gegenwärtig (III, 76)? Es sind die gleichen Worte, die der Priester spricht, wenn er Brot und Wein, die Zeichen der Nahrung des natürlichen Lebens, in die Nahrung des übernatürlichen Lebens verwandelt, die der Herr selbst am Vorabend seines Leidens gesprochen hat: Dies ist mein Leib. Und: Dies ist der Kelch des Neuen und Ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele wird vergossen werden zur Vergebung der Sünden (III, 78).

Der umfassende Eucharistietraktat des heiligen Thomas von Aquin wird in dieser Ausgabe leserfreundlich präsentiert und kenntnisreich kommentiert. Auf der linken Seite des Buches ist jeweils der lateinische Text in der von Enrique Alarcón edierten Fassung zu sehen, rechts die deutsche Übersetzung des Philosophen und Thomas-Kenner Josef Pieper.

Die Übersetzung erschien erstmals 1937 im Jakob-Hegner-Verlag, ist aber jetzt um bibliographische Nachweise ergänzt worden. Ein Verzeichnis der von Thomas zitierten Autoren und Werke ist ebenso wie ein sorgfältig erarbeitetes Bibelstellen- und Personenregister angefügt.

Hanns-Gregor Nissing führt detailliert ins Werk ein (VII–LXXIX). Er unterstreicht zunächst die „besondere Bedeutung, die Theologie und Verehrung der Eucharistie in Leben und Werk des Thomas von Aquin besitzen“. Dabei geht er biographisch, zeit- und theologiegeschichtlich sowie werkchronologisch vor, um schließlich Aufbau und Inhalt des vorliegenden Eucharistietraktats zu erläutern und zu erörtern. Durch die vorliegende Ausgabe, den lateinischen Text, die sorgfältige deutsche Übersetzung und den luziden Kommentar gewinnt jene kurze Bemerkung ihr klares Profil, die einst Wilhelm von Tocco (um 1240–1323) zum geistlichen Leben des Thomas machte: „Besonders verehrte er das allerheiligste Sakrament des Altares. Und weil es ihm vergönnt war, tiefsinniger darüber zu schreiben, wurde ihm gewährt, es frommer zu feiern.“

Thomas von Aquin: Das Herrenmahl. Der Eucharistietraktat der Summa theologiae. Übersetzt von Josef Pieper. Hrsg. von Hanns-Gregor Nissing und Berthold Wald. München, Pneuma-Verlag, 2018, 210 Seiten, ISBN 978-3-94201336-9, EUR 19,95

Weitere Artikel
In den Sakramenten hat uns Jesus wichtige Hilfsmittel geschenkt, damit wir den Weg in den Himmel finden.
14.07.2022, 17  Uhr
Angela Richter
Was die „Risiken und Nebenwirkungen“ des Weins angeht, kann man streiten. Fest steht: über seine geistigen und sozialen Zusammenhänge haben sich viele Denker seit Jahrhunderten Gedanken gemacht.
07.07.2022, 15  Uhr
Stephan Grätzel
Themen & Autoren
Aristoteles Eucharistie Frömmigkeit Jesus Christus Thomas von Aquin

Kirche

Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller
Die Mehrheit der Katholiken ist gegen sie. Die Abgabe ist längst nicht mehr zeitgemäß und schon gar nicht zukunftsfähig. Die jüngste Umfrage ist nur ein Warnschuss.
05.08.2022, 11 Uhr
Peter Winnemöller