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Katholischer Kulturwandel gibt Rätsel auf: Was erhoffen sich Männer der Kirche vom Beifall postmoderner Trendsetter? Von George Weigel
Von liturgischen Gewändern inspiriert zeigte sich die Gala im New Yorker Metropolitan Museum of Art.
Foto: IN | Keine reine Freude: Von liturgischen Gewändern inspiriert zeigte sich im Mai die Gala im New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Bis vor kurzem hätte man absonderliche Kommentare und merkwürdige Gesten nicht mit hochrangigen Männern der Kirche in Verbindung gebracht. Im letzten Monat war jedoch leider beides zu beobachten, als die Kardinäle Reinhard Marx und Gianfranco Ravasi nicht wenigen Anlass gaben, sich ratlos am Kopf zu kratzen.

Kardinal Marx ist der Erzbischof von München und Freising, einer Ortskirche, die, was den Besuch der Sonntagsmesse und neue Berufungen anbelangt, unter ernsthaften Defiziten zu leiden hat. Der Kardinal hat viele Meinungen zu vielen Dingen, und am Gedenktag des zweihundertsten Geburtstags jenes anderen Marx – Karl –, äußerte Reinhard Marx die Ansicht, dass es ohne den Verfasser des Kommunistischen Manifests keine katholische Soziallehre geben würde. Dieses seltsame Dafürhalten wurde auf den Seiten der halboffiziellen Zeitung des Vatikans, „L'Osservatore Romano“, wiederholt und um die zusätzliche Aussage erweitert, man könne Marx nicht die Schuld an Stalin geben. Nun ja.

Gewiss ist einem ausgewiesenen deutschen Theologen wie Kardinal Marx nicht unbekannt, dass einer der geistigen Begründer der modernen Katholischen Soziallehre der im neunzehnten Jahrhundert lebende Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler war – der Mann, den Papst Leo XIII., der Vater der Katholischen Soziallehre in ihrer päpstlichen Gestalt, als seinen „großen Vorgänger“ bezeichnete.

Doch vielleicht, so mag erwidert werden, wollte Kardinal Marx zu verstehen geben, dass die Arbeit von Karl Marx von Ketteler und Leo XIII. dazu veranlasst hatte, die Katholische Soziallehre zu entwickeln. Unter dem Mikroskop der Geschichte ist vielleicht eine winzige Spur von Kausalität zu entdecken, insofern diese beiden großen katholischen Denker die Lehre des Kommunistischen Manifests sicher kannten (und sie beide ganz entschieden abgelehnt haben). Doch sind die Katholiken des einundzwanzigsten Jahrhunderts so verzweifelt auf den Beifall der linkslastigen Intelligenzija aus, dass wir uns die Katholische Soziallehre als reine Reaktion auf den Marxismus vorstellen sollen? Wird Kardinal Marx als nächstes behaupten, Lord North [führender britischer Politiker zur Zeit der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung; Anm. d. Übs.] – und nicht John Adams, Thomas Jefferson, George Washington und die übrigen – sei der Urheber der amerikanischen Revolution gewesen?

Was Marx und Stalin anbelangt, so könnte Kardinal Marx vielleicht einen Teil seiner Ferienlektüre in diesem Sommer den Arbeiten von Friedrich Hayek und Anne Applebaum widmen. Hayek hat schon vor Jahrzehnten erklärt, dass eine staatlich geführte Wirtschaft notwendigerweise Zwangsherrschaft bedeute; jüngeren Datums sind die Nachweise von Applebaum, dass das Gulag-Zwangsarbeiterprogramm ein integraler Bestandteil von Stalins marxistischer Ökonomie war.

Dann ist da Kardinal Ravasi. Ich habe viel von seinen Bibelexegesen gelernt und mich in verschiedenen Büchern darauf gestützt. Doch seine Tätigkeit im Päpstlichen Kulturrat war weniger erbaulich. Das Projekt „Vorhof der Völker“ – gefördert als Bestrebung, einen Dialog mit aufgeschlossenen Nichtgläubigen zu führen –, das er unter Papst Benedikt XVI. leitete, bezog häufig die mediengewiefte Philosophin Julia Kristeva mit ein. Ein kürzlich erschienener Artikel ruft jedoch in Erinnerung, dass Frau Professor Kristeva nicht immer die Streiterin für die Freiheit gewesen ist, die zu sein sie lange behauptet hatte: Sie war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit eine Informantin des infamen bulgarischen Geheimdienstes während des Kalten Krieges und hatte die üble Gewohnheit, einigen der schlimmsten Regime des zwanzigsten Jahrhunderts ein pseudointellektuelles Cover zu verschaffen,

Dann war da die kürzlich stattgefundene Leihgabe vatikaneigener Tiaras, Brustkreuze, Fischerringe, Chormäntel und anderer Gewänder an das New Yorker Metropolitan Museum of Art – ein weiterer Geistesblitz von Ravasis Päpstlichem Rat für die Kultur. War der Kardinal wirklich überrascht, dass die Eröffnung einer Ausstellung, die dem Einfluss liturgischer Gewänder und katholischer Kunst auf die zeitgenössische Mode gewidmet war, in eine Aufführung dekadenter Geschmacklosigkeiten und ans Blasphemische grenzender Vulgarität ausartete? Wenn nicht, was weiß Kardinal Ravasi dann eigentlich über zeitgenössische Kultur, die mutmaßlich den Aufgabenbereich seines Vatikanischen Amts ausmacht?

Unter all diesen Seltsamkeiten könnte die Annahme verborgen sein, dass die Kirche mit der Zeit gehen muss, wenn wir den Samen des Evangeliums in der postmodernen Welt aussäen wollen. Doch wie kann eine Anbiederung an die Welt der Reichen und Schönen die Verbreitung des Evangeliums fördern? Signalisiert dieses mitleiderregende Trachten nach Anerkennung von Menschen, deren Leben deutlich macht, dass sie den katholischen Begriff des Heiligen und die kirchliche Lehre über die Würde der menschlichen Person ablehnen, nicht vielmehr: Hey, wir meinen das mit dem Zeugs, das ihr Mitglieder der kulturellen Elite zu beanstanden habt, nicht wirklich ernst? Seit anderthalb Jahrzehnten kritisiere ich einen „Katholizismus light“ aufgrund seiner Kraftlosigkeit im Hinblick auf die Evangelisierung.

Die „Sperenzchen“ von Kardinal Marx und Kardinal Ravasi deuten darauf hin, dass sich der „Katholizismus light“ in einen gewichtslosen Katholizismus zersetzt hat – frei nach Milan Kundera: die unerträgliche Leichtigkeit der Mondänität.

Sich den Wortführern postmoderner intellektueller Wirrungen und Trendsettern der dekadenten postmodernen Kultur anzubiedern führt nicht dazu, die Kirche der Neuevangelisierung oder die Kirche in einem „Zustand permanenter Mission“ zu sein, zu der Papst Franziskus uns aufruft. Ein solches Verhalten führt vielmehr dazu, eine Lachnummer auf dem Weg zum Friedhof der Bedeutungslosigkeit zu werden.

Der Autor gehört der Leitung des Think Tank „Ethics and Public Policy Center“ in Washington an.

Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller

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