Adieu Papst Benedikt

„Recht ist die Bedingung der Liebe“

Ein gelehrter Reformer auf dem Stuhl Petri: Benedikt XVI. und das Kirchenrecht.
Papst Benedikt XVI. empfängt Richter der Rota Romana
Foto: dpa | Papst Benedikt im Kreis der Richter der römischen Rota.

Bereits heute sehen viele Gläubige in Benedikt XVI. einen Kirchenlehrer der Moderne. Auch wenn das Urteil darüber wohl erst der Kirche der kommenden Generationen zustehen mag, ist das Empfinden, das sich darin ausdrückt, nachvollziehbar. Mehr noch, es ist in der Tat berechtigt. Ein vertiefter Blick in die schier unbegrenzt anmutende Lehr- und Verkündigungstätigkeit als Professor, Bischof und Papst lässt dafür zwei charakteristische Säulen erkennbar werden.

Umfassendes theologisches Denken

Da ist zum einen sein umfassendes theologisches Denken, das wie in einer Art „Symphonie“ die verschiedenen Fäden der kirchlichen Lehre in Schrift und Tradition, Lehramt und Theologie sowie der geistesgeschichtlichen Fragen und Denkgebäude zusammenführt und in Korrelation bringt. Diese Fähigkeit hat ihn Zeit seines Lebens zu einem gesuchten Gesprächspartner für die Intellektuellen und Gelehrten werden lassen. Zum anderen vermochte Benedikt XVI. das, was er lehrte, durch das Leben zu bezeugen und zugleich in einer verständlichen Sprache zu verkündigen. So ist die Faszination, die von seinen Predigten ausging, bis heute ungebrochen. Er erweist sich darin als Lehrer und Zeuge in einem, und dies vor allem auch für die „einfachen Gläubigen“, deren Glaube vor temporären theologischen Konstruktionen zu schützen er einmal als eine der vornehmlichen Aufgaben des Bischofs bezeichnete.

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Diese Grundausrichtung zeigt sich auch in seiner Wirkung auf dem Gebiet des Kirchenrechts. Benedikt XVI. war kein ausgebildeter Kanonist, auch kein Jurist. Doch besaß er ein tiefreichendes Verständnis für das Phänomen „Recht“, das er, nicht zuletzt durch die prägenden Erfahrungen der Diktatur in seiner Jugendzeit, nachhaltig zu durchdringen wusste. Davon künden beispielsweise seine großen Ansprachen, in denen er sich kontinuierlich den Fragen der Menschenrechte (UNO, 2008), des Naturrechts (Berlin, 2011) oder der Beziehung von Glaube und Vernunft (Regensburg, 2006) stellte und den Diskurs mit den Kulturen der Gegenwart bereicherte.

Doch auch den Bereich des Kirchenrechts in seinem spezifischen Sinn als „Recht der Kirche“ hat Joseph Ratzinger maßgebend geprägt. Für die Reform des geltenden kirchlichen Gesetzbuches (Codex Iuris Canonici), das Johannes Paul II. im Jahre 1983 in Kraft setzte, gilt er bis heute als prägende theologische Gestalt. Seine theologischen und spezifisch kanonistischen Impulse zu Institutionen des kirchlichen Verfassungsgefüges haben bemerkenswerte Linien in deren Entwicklungen ziehen können. So gab er als Präfekt der Glaubenskongregation wie auch als Papst unter anderem der römischen Bischofssynode wichtige Gedanken und Rechtsbestimmungen zum Verständnis und zur Ausgestaltung mit auf den Weg, die Papst Franziskus heute weiterentwickeln kann.

Lehrmäßige Begleitung und Vertiefung des Kirchenrechts

Als Papst ist er diesem Ansatz einer lehrmäßigen Begleitung und Vertiefung des Kirchenrechts treu geblieben. Rund 450 päpstliche Erlasse und fast 1 300 Ansprachen künden von einer beachtlichen Tätigkeit in allen Bereichen der kirchlichen Sendung, auch wenn davon nur ein kleiner Anteil genuin kirchenrechtlichen Charakter besitzt. Seine Absicht als oberster Gesetzgeber der Kirche war es nach den Worten des Münchener Kanonisten Yves Kingata „sicherlich nicht, völlig neue Rechtsordnungen zu schaffen, sondern … die Übernahme und Festigung des Bewährten unter Absonderung des Unnützen und Überflüssigen zu erreichen“.

Verlässlicher Orientierungspunkt in diesem Tun war für Benedikt XVI. das Zweite Vatikanische Konzil, das er als Peritus und Berater des Kölner Kardinals Josef Frings nicht nur hautnah erlebt, sondern theologisch mitgeprägt hatte. Mittels einzelner Gesetzgebungsmaßnahmen kehrte er zu dessen Aussagen zurück oder wusste diese normativ weitreichender als bisher zu erschließen.

Einige wenige Beispiele können das verdeutlichen. So versah Benedikt XVI. durch ein Motu proprio, einem päpstlichen Gesetz „aus eigenem Antrieb“, aus dem Jahre 2007 das altehrwürdige Erfordernis einer qualifizierten Zweidrittelmehrheit für die gültige Wahl des Papstes mit neuer Rechtskraft und korrigierte auf diese Weise die Apostolische Konstitution „Universi Dominici Gregis“ seines Vorgängers. Ebenso präzisierte er mit Blick auf seinen Amtsverzicht die einschlägigen Bestimmungen der Papstwahl durch das Motu proprio „Normas nonnullas“ vom 22. Februar 2013.

Alte Liturgie als „außerordentliche Form“

Im Bereich der Liturgie, deren Förderung ihm ein besonderes Anliegen war, verfügte Benedikt XVI. mit dem Motu proprio „Summorum Pontificum“ eine ordentliche und eine außerordentliche Ausdrucksform des Römischen Ritus, die den Bitten von Gläubigen nachkam und im Bewusstsein der Bedeutung der Liturgie für die Kirche darauf ausgerichtet ist, „Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewinnen“. In dieselbe Stoßrichtung weist ein kirchenrechtlich bedeutsames Motu proprio, das Benedikt XVI. unter dem Titel „Omnium in mentem“ am 26. Oktober 2009 veröffentlichte.

Dadurch wurden wichtige eherechtliche Bestimmungen zur Formpflicht der Gläubigen geklärt, die sich von der Kirche beispielsweise durch den in Deutschland möglichen „Kirchenaustritt“ lossagen. Das Gesetz belegt eine theologisch notwendige Rückkehr zum verfassungsrechtlichen Grundprinzip des semel catholicus – semper catholicus. Ebenso vermochte die Gesetzesmaßnahme eine erforderliche Klärung der weiherechtlichen Bestimmungen in den Canones 1008 und 1009 CIC herbeizuführen. In Konsequenz dazu vollzog Benedikt XVI. durch das Motu proprio „Quaerit semper“ vom 30. August 2011 eine Zuständigkeitsverlagerung von Ehe- und Weiheangelegenheiten hin zum Gericht der Römischen Rota. Insgesamt bezeichnen gerade diese Maßnahmen – zusammen mit zahlreichen weiteren Reformarbeiten, die Benedikt XVI. innerhalb der Römischen Kurie vornahm – den beachtlichen Ausweis einer Kongruenz von Lehre, Gesetz und praktischer Arbeitsstruktur.

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Die wohl erschütterndste Herausforderung seines theologischen und bischöflichen Wirkens im Bereich „Lehre und Recht“ stellte für Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. zweifelsohne der Skandal sexuellen Missbrauchs in der Kirche dar. Mit Nachdruck hat er gegen diese Verbrechen in der Kirche und auch gegen manchen Widerstand in ihrer Ahndung gekämpft. Jüngere kanonistische Forschungsbeiträge weisen dies im Blick auf konkrete rechtliche Maßnahmen sowie auf seinen Einfluss auf die Reform des kirchlichen Strafrechts nach, so unter anderem ein von Prälat Markus Graulich zusammengestellter Maßnahmenkatalog, der das Handeln von Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. seit 1987 im Detail belegt.

Sorge um die kirchliche Einheit

Viele weitere Beispiele für das kirchenrechtliche Wirken Benedikts XVI. müssten angeführt werden, die zudem zentrale Anliegen seines Wirkens verdeutlichen. Dazu zählen unter anderem: die Sorge um die kirchliche Einheit, unter anderem durch die Neuausrichtung der Kommission „Ecclesia Die“ und den doktrinären Dialog mit der Piusbruderschaft durch das Motu proprio „Ecclesiae universitatem“ (2009); die Errichtung von Personalordinariaten durch die Apostolische Konstitution „Anglicanorum coetibus“ (2009), die für anglikanische Gläubige zur Verfügung gestellt wurden, welche um volle Aufnahme in die Katholische Kirche baten; die Förderung von Katechese und Mission mittels der Errichtung des Päpstlichen Rates für die Neuevangelisierung durch das Motu proprio „Ubicumque et semper“ (2010) oder die Ordnung des kirchlichen Liebesdienstes durch das Motu proprio „Intima Ecclesiae natura“ (2012).

Wie sehr Benedikt XVI. das Recht der Kirche von seinen doktrinären Grundlagen her zu verstehen suchte, macht eine Aussage in einem Brief an Seminaristen im Jahre 2010 deutlich: „Lernt aber auch, das Kirchenrecht in seiner inneren Notwendigkeit und in seinen praktischen Anwendungsformen zu verstehen und – ich wage es zu sagen – zu lieben: Eine Gesellschaft ohne Recht wäre eine rechtlose Gesellschaft. Recht ist die Bedingung der Liebe.“ Damit ist eine bleibende Aufgabe auch und gerade der Kanonistik verbunden, das Kirchenrecht in seiner theologischen Notwendigkeit für das Leben und die Sendung der Kirche zu durchdringen und anzuwenden.

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