Altes Testament

Propheten konfrontieren die Wirklichkeit mit dem Anspruch Gottes

In der Schule der Propheten. Es geht gegen Frust, soziale Ungerechtigkeit und falsche Götterbilder. Suzanne Lier reist durch das Alte Testament.
Lesende Maria
Foto: Picasa (www.bridgemanimages.com) | Die lesende Maria inspririerte den Meister von Flémalle und verweist die Christen auf die Bedeutung des Alten Testaments, der Bibel Jesu.

Mit Kindern die Nachrichten im Fernsehen anzuschauen bedeutet an den meisten Abenden eine große Herausforderung. Was dürfen, können, sollen sie sehen? Die ganze Familie wird immer wieder regelrecht zugemüllt mit schwer verdaulichen Bildern, die lange Gespräche und Aufarbeitung nötig machen. Dabei bekommt auch die Kirche ihr Fett weg. Die negativen Schlagzeilen und Kommentare oftmals sehr glaubens- und kirchenferner Kritiker können sehr bedrücken, vor allem deshalb, weil Eltern ihren Kindern auf diesem Hintergrund nur noch schwer eine positive Sicht auf die „Institution Kirche“ vermitteln können. Eine Thematik, die sich durch alle Epochen zieht. Immer gab es auch Mahner, die im Namen Gottes Missstände angeprangert haben, die auf der Seite der Armen und Unterdrückten standen, die die religiösen und weltlichen Machthaber, die Schicht der Reichen, aber auch alle anderen zur Umkehr aufgerufen haben. Eine Umkehr, die konkret werden sollte, die zu mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit führen sollte.

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In der Tradition der Propheten

In dieser Tradition stehen auch die alttestamentlichen Propheten. In immer neuen Anläufen wollten sie Israel, das Volk Gottes, aufrütteln, zur Umkehr bewegen, an seine Liebe zum Herrn erinnern. „Gegenwärtige Zustände konfrontieren sie kompromisslos mit dem Anspruch JHWHs“, fasst Suzanne Lier zusammen. Noch vor der Erfindung der Schrift bedienten sie sich altorientalischer, in Reime gefasster Redemuster, um ihre Botschaften den Menschen unvergesslich zu machen. Glücklicherweise hat das Volk Israel durch die Verschriftlichung und Kanonisierung der Prophetenreden ihre Botschaften für die Nachwelt aufbewahrt: In ihrer Kultur und Zeit verwurzelt und nur von dieser her zu begreifen, gehen sie jedoch nicht in dieser auf, sondern besitzen paradigmatische Bedeutung für jede Zeit. So auch für die unsere.

Es lohnt sich, den neuen Band von Suzanne Lier zur abendlichen Lektüre mit Kindern zu machen, um der aktuellen Bilderflut von „Tagesschau“ und Co. etwas Positives entgegenzusetzen. Er trägt den Titel „Die Prophetenbücher“ und ist der dritte Teil ihres Projektes der „Reise durch das Alte Testament“. Ziel der Autorin ist es, die Betrachter und Leser, ob jung oder alt, zu ermutigen, nicht alles passiv hinzunehmen, sondern aufzurütteln, die Möglichkeit zu Veränderungen aufzuzeigen. Und dass das für gläubige Menschen möglich ist, beweist ja das Leben vieler großer Christen.

Blick auf die Kunst

Dabei hat die Autorin ihren ursprünglichen Plan geändert und sich ausschließlich auf die Propheten beschränkt, um sich in einem künftigen vierten Band dann den restlichen Büchern des Ersten Testaments zu widmen.

Eine Besonderheit an Liers Projekt ist die Verbindung von Kunstwerken mit den Texten. Die Abbildungen von so unterschiedlichen Kunstwerkenwie den zu Unrecht noch eher unbekannteren Bildern von Salvador Dalí zur Bibel und für die meisten Betrachter wohl alten Bekannten wie den Meisterwerken von Dürer, Barlach, Michelangelo, Rubens sowie die Mischung aus uralten Werken wie assyrischen Felsreliefs aus der Entstehungszeit der alttestamentlichen Propheten bis hin zu abstrakter Gegenwartskunst ist in einer hohen Qualität geglückt. Sie ist auch notwendig, weil die Autorin immer wieder auf Details dieser Abbildungen hinweist bis dahin, dass sie ihre jugendlichen Leser auffordert, zur Lupe zu greifen, um winzige Buchstaben selbst zu entziffern. Bei der Wahl der Kunstwerke hat Lier wie bei den beiden ersten Bänden ohne Berührungsängste aus dem Vollen – und aus einer großen Kenntnis der Kunstgeschichte heraus – geschöpft.

Botschaft der Propheten

Auch die biblischen Texte sind wohlüberlegt ausgesucht und mit großer exegetischer Kenntnis wiedergegeben, wobei die Verfasserin verschiedene Bibelübersetzungen zu Rate gezogen hat und mit Rücksicht auf die jungen Leser auch gekürzt und manchmal vereinfacht hat. Bilder und Texte erhellen und kommentieren sich wechselseitig, was die Autorin in der Art der Zusammenstellung und in ihren Kommentaren den Lesern ausdrucksvoll erschließt. Ihren eigenen hermeneutischen Ansatz erläutert sie im Vorspann, ebenfalls anhand von Bild und Text: So wie Maria – auf einer mittelalterlichen Bildtafel des Meisters von Flémalle, heute zu sehen in New York – vom Engel bei der Verkündigung im Alten Testament lesend angetroffen wird, so ist das Erste Testament die „Bibel“ Jesu – unhinterfragte Grundlage für das Neue Testament. So greift Lier nicht nur auf die christliche, sondern ebenfalls auf die jüdische Exegese zurück, um ihren Lesern die prophetischen Botschaften zu erläutern.

Auf 349 Seiten erschließt sie so ihren Lesern die biblische Botschaft der Propheten neu. Für die Kinder gibt es einiges an Rätseln zu lösen und für die Erwachsenen immer wieder Einführungen und Erklärungen zu den einzelnen prophetischen Gestalten und Werken. Das detaillierte Literaturverzeichnis und die ausführlichen Bildnachweise zeugen von der gründlichen wissenschaftlichen Arbeit der Verfasserin, die Philosophie, Anglistik und Pädagogik studiert hat und während der Abfassungszeit zahlreiche theologische und kunsthistorische Vorlesungen besucht hat. Eine gute Anregung ist ihr Vorschlag, auf den Spuren der Kunst eine Städtereise unter dem Thema „Propheten“ zu planen.

Eine Fundgrube für die Katechese

Dem neuen Band von Suzanne Lier, die selbst Mutter von fünf Kindern ist, ist eine breite Leserschaft zu wünschen, die sich gegen die Geschichtsvergessenheit, aber auch gegen die Übersättigung durch negative Bilder und Schlagzeilen wehren möchte. Die oftmals mit mehr Muße als ihre Kinder ausgestatteten Großeltern sind sicherlich eine geeignete Lesergruppe, um auch ihre Enkelkinder mit dieser wertvollen geistigen Kost auszustatten. Für Religionspädagogen und Seelsorger bildet das liebevoll mit einem Lesebändchen ausgestattete und auf hochwertigem Papier gedruckte Buch eine reiche Fundgrube für die Katechese und den Unterricht. Und für jeden, der sich mit Genuss und Freude in die Schönheit der morgen- und abendländischen Kunst und die immer aktuellen Texte des Ersten Testaments hineinschauen und -lesen möchte, ist das Projekt von Lier für ruhige Stunden zu empfehlen.


Suzanne Lier: Die Prophetenbücher. Ein Lesebuch für die Familie mit Bildern der Kunst. Reise durch das Alte Testament, Band 3. Verlag Bibel und Kunst, Rhöndorf 2021, 352 Seiten, ISBN 978-3981530841, EUR 28, –

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