Vatikanstadt

Potpourri mit Defiziten

Ist Synodalität eine Hilfe oder ein Hindernis? Der Traum von der synodalen Kirche wirft Fragen auf.
Papst Franziskus und George Pell
Foto: Vatican Media (Romano Siciliani) | Der kernige Kardinal Pell sprach auch im Vatikan Missstände offen an.
Der verstorbene Kardinal George Pell hat sich in der letzten Phase seines Lebens intensiv mit dem Arbeitsdokument für die kontinentale Phase des Synodalen Prozesses befasst. Wir dokumentieren im Folgenden einen Text, den er am Abend vor seinem Tod einem Freund gab.

Die Bischofssynode – das von Kardinal Mario Grech geleitete vatikanische Gremium – ist derzeit damit beschäftigt, eine Traumwelt zu errichten: „den göttlichen Traum“ der Synodalität (Zitat aus einem Dokument der Internationalen Ordensoberenkonferenz). Leider hat sich dieser Traum trotz der erklärten guten Absicht zu einer toxischen Chimäre entwickelt.

Das 45 Seiten umfassende Heft für die nächsten kontinentalen Etappen des synodalen Prozesses, das am vergangenen 24. Oktober veröffentlicht wurde und über die Diskussionen der ersten Phase des Hörens und der Unterscheidung berichtet, die in vielen Teilen der Welt geführt wurden, ist eines der inkohärentesten Dokumente, das je aus Rom versandt wurde.

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Bedrängung der Teilnehmer 

Während wir Gott danken, dass die Zahlen der Katholiken vor allem in Afrika und Asien wachsen, zeigt sich in Lateinamerika – mit Verlusten an die Protestanten und Säkularisten  – ebenso wie in der westlichen Welt, wo Zeichen der Erosion sowohl des Glaubens als auch seiner Praxis weit verbreitet sind, ein radikal anderes Bild.
Ohne Sinn für Ironie trägt das Dokument den Titel „Mach den Raum deines Zeltes weit“ – nicht, um die Neugetauften aufzunehmen, diejenigen, die auf den Ruf nach Umkehr und Glauben geantwortet haben, sondern jedweden, der genügend Interesse zeigen könnte, zuzuhören. Die Teilnehmenden werden dazu angehalten, sich einladend und auf radikale Weise integrativ zu zeigen. „Niemand wird ausgeschlossen“ – doch wie viele zeigen Interesse?

Das Dokument drängt nicht einmal die katholischen Teilnehmenden, Menschen aus allen Völkern zu Jüngern zu machen (Matthäus 28, 16-20) – und erst recht nicht, das Wort zu verkünden, „ob man es hören will oder nicht“ (2 Timotheus 4, 2). Die erste Aufgabe für jeden und vor allem für die Lehrer ist, im Heiligen Geist zu hören.
Dieser jüngsten Aktualisierung der frohen Botschaft zufolge ist Synodalität als eine Art und Weise Kirche zu sein nicht definiert, sondern muss gelebt werden. Sie dreht sich um fünf „generative Spannungen“: angefangen von radikaler Inklusion zu einer Mission in einem Stil der Teilhabe, in Ausübung von Mitverantwortung mit anderen Gläubigen und Menschen guten Willens. Schwierigkeiten – wie Krieg, Genozid und der Abstand zwischen Geistlichen und Laien – werden eingeräumt, doch alle werden von einer lebendigen Spiritualität getragen.

Das Dokument nimmt das Bild Jesajas von der Kirche als einem größer werdenden Zelt mit dem Herrn in seiner Mitte auf – wo Menschen gehört und nicht beurteilt, nicht vom Tisch ausgeschlossen werden.

Ein Potpourri

So lesen wir, dass das Gottesvolk neue Strategien braucht, keinen Streit und keine Konflikte, sondern Dialog, bei dem die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen abgelehnt wird und das Gottesvolk wirklich auf den Schrei der Armen und der Erde hört. Die Kirche muss lernen und unterscheiden und synodale Bildung kann nicht individualistisch sein.

Aufgrund unterschiedlicher Meinungen über Themen wie Abtreibung, Verhütung, die Weihe von Frauen zu Priestern oder homosexuelle Handlungen empfanden einige, dass zu diesen Fragen keine eindeutigen Positionen festgeschrieben oder aufgestellt werden können. Das gilt auch für Polygamie sowie wiederverheiratete Geschiedene.

Das Dokument äußert sich jedoch klar über das besondere Problem der untergeordneten Stellung von Frauen und die Gefahren des Klerikalismus, wenngleich der positive Beitrag vieler Priester anerkannt wird.

 

Tagebücher
Foto: Cover: Verlag Media Maria | Die Gefängnistagebücher des zu unrecht verurteilten George Kardinal Pell

Was soll man aus diesem Potpourri, diesem Erguss neuzeitlichen guten Willens machen? Es ist keine Zusammenfassung des katholischen Glaubens oder der Lehre des Neuen Testaments. Es ist unvollständig, steht der apostolischen Überlieferung auf merkliche Weise ablehnend gegenüber und erkennt an keiner Stelle das Neue Testament als das Wort Gottes an, das für alle Lehren über den Glauben und die Moral normativ ist. Das Alte Testament wird übergangen, die Patriarchen ausgemustert und das Gesetz des Mose, die Zehn Gebote, werden ebenfalls nicht bedacht.

Auf zwei Punkte kann vorab hingewiesen werden:

Die beiden Abschlusssynoden in Rom in den Jahren 2023 und 2024 werden ihre Lehre über sittliche Fragen klären müssen, nachdem der Relator (der Hauptleiter) Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ kürzlich die grundlegenden Lehren der Kirche über die Sexualität öffentlich zurückgewiesen hat, da sie im Widerspruch zur modernen Wissenschaft stünden. In normalen Zeiten hätte dies bedeutet, dass sein Verbleiben als Relator nicht angemessen, ja unmöglich ist.

Die Synoden müssen sich entscheiden, ob sie Diener und Beschützer der apostolischen Überlieferung über Glauben und Moral sind, oder ob ihre Unterscheidung sie zwingt, ihre Souveränität über die katholische Lehre zu behaupten, so dass grundlegende Lehren über das Priestertum oder die Moral verbessert oder – als eine anfängliche und vorläufige Maßnahme – in einem pluralistischen Limbo geparkt werden können, wo einige Sünde nach unten hin neu definieren wollen und die meisten sich einig sind, respektvoll anderer Meinung zu sein. Außerhalb der Synode lockert sich die Disziplin vor allem in Nordeuropa, wo ein paar Bischöfe nicht zurechtgewiesen wurden, nachdem sie das bischöfliche Recht auf Dissens geltend gemacht haben, während in einigen Pfarrgemeinden und Ordensgemeinschaften etwa in Fragen des Segnens von Homosexuellen ein de-facto Pluralismus bereits weithin existiert.

Diözesanbischöfe sind die Nachfolger der Apostel, die wichtigsten Lehrer in jeder Diözese und der Mittelpunkt lokaler Einheit für ihr Volk und für die weltweite Einheit um den Papst, den Nachfolger Petri. Seit den Zeiten des heiligen Irenäus von Lyon (+ 202) ist der Bischof auch der Garant für die anhaltende Treue zur Lehre Christi, zur apostolischen Tradition. Sie sind Statthalter und manchmal Richter, ebenso wie Lehrer und Spender der Sakramente und nicht nur Zierrat oder Jasager.

„Mach den Raum deines Zeltes weit“ ist sich der Mängel der Bischöfe bewusst, die manchmal nicht zuhören, autokratische Tendenzen haben und klerikalistisch und individualistisch sein können. Es gibt Zeichen der Hoffnung, von tatsächlicher Führerschaft und Kooperation, doch das Dokument vertritt die Auffassung, dass pyramidale Modelle von Autorität zerstört werden sollten und die einzige wirkliche Autorität aus Lieben und Dienen erwächst. Taufwürde muss hervorgehoben werden, nicht das Weiheamt, und Führungsstile sollten weniger hierarchisch, sondern flacher sein und mehr Teilhabe zulassen.

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In Synoden sind Bischöfe die Akteure

Die Hauptakteure in allen katholischen Synoden (und Konzilen) sowie in allen orthodoxen Synoden waren die Bischöfe. In freundlicher, kooperativer Weise sollte dies bei den kontinentalen Synoden bekräftigt und in die Praxis umgesetzt werden, so dass pastorale Initiativen innerhalb der Grenzen einer unversehrten Lehre bleiben. Die Bischöfe sind nicht nur dazu da, ein ordentliches Verfahren für rechtsgültig zu erklären und ihr „nihil obstat“ für das, was sie beobachtet haben, zu erteilen.

Keinem der Synodenteilnehmer, seien es Laien, Ordensleute, Priester oder Bischöfe, ist mit dem Beschluss der Synode gedient, dass Abstimmung nicht erlaubt ist und keine Vorschläge unterbreitet werden können. Nur die Ansichten des Organisationskomitees an den Heiligen Vater weiterzugeben, damit er entscheiden kann, ist ein Missbrauch der Synodalität, ein Beiseiteschieben der Bischöfe, das durch die Schrift oder die Überlieferung nicht gerechtfertigt ist. Es ist kein ordnungsgemäßes Verfahren und anfällig für Manipulationen.

Die derzeitigen Ergebnisse der Synode werden von der überwiegenden Mehrheit der praktizierenden Katholiken auf der ganzen Welt nicht befürwortet – noch herrscht große Begeisterung auf den höheren Ebenen der Kirche.

Kontinuierliche Treffen dieser Art vertiefen Spaltungen und ein paar Wenige können das Durcheinander und den guten Willen ausnutzen. Die ehemaligen Anglikaner unter uns weisen zu Recht auf die tiefer werdende Verwirrung hin, den Angriff auf die überlieferte Moral und die Einführung eines neomarxistischen Jargons über Exklusion, Entfremdung, Identität, Marginalisierung, fehlendes Mitspracherecht oder LGBTQ in den Dialog sowie die Verdrängung christlicher Begriffe wie Vergebung, Sünde, Opfer, Heilung und Erlösung. Warum dieses Schweigen über das Leben nach dem Tod mit seinem Lohn oder seiner Strafe, über die vier letzten Dinge: Tod und Gericht, Himmel und Hölle?

Das Transzendente vergessen

Bislang hat der Synodale Prozess das Transzendente vernachlässigt, ja herabgestuft, die Zentralität Christi mit Berufung auf den Heiligen Geist verschleiert und – vor allem unter den Teilnehmenden –  Unmut bestärkt.

Arbeitsdokumente sind nicht Teil des Lehramts, sie bilden eine Grundlage für die Diskussion und müssen vom gesamten Volk Gottes und vor allem von den Bischöfen mit und unter dem Papst beurteilt werden. Dieses Arbeitsdokument bedarf tiefgreifender Veränderungen.

Die Bischöfe müssen in Gottes Namen erkennen, dass hier Arbeit auf sie wartet – lieber früher als später.

Kardinal George Pell
Rom, am Festtag des heiligen Thomas Becket, 29. Dezember 2022


Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller

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