Friedensvermittler

Pax et Bonum!

In kriegerischen Zeiten sind Versöhner gefragt. In der Geschichte des Christentums gibt es davon eine ganze Menge.
Papst Franziskus mit Ukrainefahne
Foto: IMAGO/VATICAN MEDIA | Papst Franziskus zeigt während einer Audienz eine Flagge der Ukraine ins Volk, die aus Butscha an ihn gesandt wurde.

Was sind große christliche Versöhner in der Geschichte? Nach der heidnischen Zeit einer „Pax Romana“ oder „Pax Augusta“, in der Christen noch verfolgt wurden, kam die konstantinische Wende. Papst Leo der Große konnte in der Zeit der Völkerwanderung mit der Wucht seiner Person 452 bei Mantua den Hunnenkönig Attila aufhalten und besänftigte 455 den Vandalenkönig Geiserich bei der Plünderung Roms. Während Karl der Große und ein Kaiser Heinrich II. noch Kriege im Osten des Reiches führten, hat ein in Polen erzogener Bischof Otto von Bamberg (1060–1139) im Investiturstreit vermittelt und hat – wie Reinhold Schneider in seinem subtil nazikritischen Geschichtswerk „Kaiser Lothars Krone“ (Leipzig 1937) aufzeigte – seine Missionsreisen in Pommern auf Freundlichkeit und Überzeugungsarbeit aufgebaut. Eine Heilige der Versöhnung wie Hedwig von Schlesien (1174–1243) konnte darauf aufbauen.

Ist aber ein großer Krieg bereits ausgebrochen, gibt es nur wenig Chancen für Friedensboten, wie im ersten Weltkrieg die vergeblichen Versöhnungsbemühungen von Papst Benedikt XV. und dem 2004 seliggesprochenen österreichischen Kaiser Karl I. zeigen.  Der erwähnte badische Schriftsteller Reinhold Schneider (1903–1958) hat wie kaum ein anderer unter dem Gesichtspunkt des Christlichen geschichtliche Persönlichkeiten porträtiert und Themen der Geschichte aufgegriffen. „Macht und Gnade“ war für ihn mehr als nur ein Buchtitel. An seinem Haus in der Freiburger Mercystraße 2 steht sein Satz: „Der Wahrheit Stimme nur wird an die Herzen dringen, und wirken wird das Wort nur, das gelebt.“

„Bartholomé de Las Casas war zunächst auf der Seite der Konquistadoren
und unterstützte ihre kolonialistischen Eroberungen,
bis er in Anknüpfung an das Urchristentum die Sklaverei als Sünde erkannte
und in den Indios, aber auch in schwarzafrikanischen Sklaven
gleichberechtigte Kinder desselben Gottes“

In seinen historischen Miszellen „Das Heilige in der Geschichte“ (Heidelberg 1946) formuliert er Empfindungen, die aus der Corona- und Ukraine-Krieg-Zeit stammen könnten: „Auf immer erschütterndere Weise erfahren wir, wie unser Wille von einem fremden Geschehen gehemmt oder durchkreuzt wird. Der Plan unseres Lebens kann sich nicht frei entfalten; er wird vielmehr von einem anderen, nicht überschaubaren Plan überdeckt. Menschen und Dinge werden uns entrissen, wir müssen Straßen gehen, die wir nicht gesucht, Aufgaben ergreifen, die wir nicht begehrt […] Die Welt ist in einer gewaltigen Bewegung, über deren Gesetz wir nichts vermögen.“

Schneider war Gegner der deutschen Wiederbewaffnung nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde deshalb von einigen als Kommunist diffamiert. Zwei Jahre vor seinem frühen Tod bekam er 1956 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und hielt danach in Frankfurt die an Kants Friedensschrift anknüpfende Rede „Der Friede der Welt“, die in den gegenwärtigen Kriegszeiten eine traurige Aktualität erhält. Immer hat Schneider die ganze vielfältige Geschichte Europas vor Augen, um in Gegenwärtiges seinen prophetischen Ruf zu sprechen. Heilige begegnen Mächtigen und prägen so deren Handeln. Joseph Ratzinger hat diesen Zusammenhang 1972 in einem Schneider-Vortrag „Das Gewissen in der Zeit“ mit Blick auf den Roman „Las Casas vor Karl V.“ (1938) aufgezeigt.

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Der Friede Christi, ein Friede den die Welt nicht gibt!

Im Epilog seiner Rede sagte Schneider: „Den Friedensschlüssen dieser Welt, die nach Kant nur Friedenslügen waren, Verträge zwischen zum Vertragsbruch bereiten Partnern, steht der Friede Christi gegenüber, der Friede gibt, nicht wie die Welt ihn gibt (Joh 14,27), durchaus unzerstörbaren, weil Christus die lebendige Wahrheit ist, und Wahrheit und Friede zusammenfallen, die Lüge aber, noch einmal nach Kant, das Prinzip des Krieges ist.“ Zwei große Persönlichkeiten der Versöhnung lagen Schneider stets besonders am Herzen: der hl. Franz von Assisi (1181–1226) und der Dominikaner Bartholomé de Las Casas (1484–1566), der spätere Bischof des mexikanischen Chiapas.

Franz von Assisi wurde als „alter Christus“ angesehen und sein Name verbindet sich überkonfessionell mit Achtung vor der Natur und Umwelt, mit Gewaltlosigkeit und Frieden. Der Dialog mit Tieren oder Blumen ist bei ihm kein süßlicher Kitsch, sondern Geschehen der Liebe zur ganzen Schöpfung, wie es sein berühmter „Sonnengesang“ ausdrückt. Er hörte unter dem Kreuz von San Damiano den Ruf Jesu: „Franziskus, geh und bau mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“ Die Armut war ihm geliebte Braut, nicht Aufruf zum Klassenkampf. In den Armen sah er Christus selbst und in diesem Geist hat der argentinische Kardinal Jorge Bergoglio sich nach der Papstwahl den Namen Franziskus gegeben. Im Jahr 1219 predigte Franziskus an der Nil-Mündung im Lager des muslimischen Heeres vor dem Sultan Al-Kamil. Auch wenn dies den Kreuzzug nicht beendete, gewann er bis heute bleibenden Respekt bei Muslimen.

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Las Casas als Vorreiter des Naturrechts und der Menschenwürde

Papst Franziskus konnte im Februar 2019 bei seinem Besuch in Abu Dhabi zum 800. Jubiläum dieses Geschehens daran anknüpfen und mit dem dortigen Groß-Imam Ahmad Al-Tayyeb ein bedeutendes Dokument „Über die Brüderlichkeit aller Menschen“ unterzeichnen. So war es auch kein Zufall, dass seit 1986 das „Weltgebetstreffen für den Frieden“ in Assisi stattfindet. Diese Zusammenkunft von hohen Geistlichen verschiedener Religionen wurde von Papst Johannes Pauls II. initiiert und hat seither fünfmal stattgefunden. „Pax et bonum“ – „Friede und alles Gute“ ist der franziskanische Gruß, der die Kraft zur Versöhnung in sich trägt. Reinhold Schneider hat in seinem Theaterstück „Innozenz und Franziskus“ auch die Problematik kirchlicher Macht in diesem Licht reflektiert.

Bartholomé de Las Casas war zunächst auf der Seite der Konquistadoren und unterstützte ihre kolonialistischen Eroberungen, bis er in Anknüpfung an das Urchristentum die Sklaverei als Sünde erkannte und in den Indios, aber auch in schwarzafrikanischen Sklaven gleichberechtigte Kinder desselben Gottes. Er füllte durch seine Entschiedenheit die kirchliche Naturrechtstradition mit Leben und setzte sich bei Kaiser Karl V. und bei Papst Paul III. für die Änderung ungerechter Gesetze ein. Sein Wirken und sein „Kurzgefasster Bericht über die Verwüstung der Westindischen Länder“ leiteten einen Paradigmenwechsel ein, aus dem die Grundlagen des modernen Völkerrechts hervorgingen.

Bruder Niklaus von Flüe wirkte auch als Berater

Trotz alemannischer Nähe findet der Schweizer Nationalheilige Niklaus von Flüe (1417–1487) durch Reinhold Schneider eher wenig Beachtung. Der zehnfache Vater, Landwirt und Kommunalpolitiker folgte mit Duldung seiner Frau dem inneren Ruf in die Einsiedelei und entwickelt sich zu einem Berater vieler Menschen, auch im Politischen. „Macht den Zaun nicht zu weit“, riet er seinen Landsleuten. Historisch gesichert ist die durch einen befreundeten Pfarrer vermittelte Beteiligung des Einsiedlers am sogenannten „Stanser Verkommnis“ vom 22. Dezember 1481.

Eine Spaltung der Eidgenossenschaft und ein Bürgerkrieg standen im Raum. Der Schweiz-Historiker Volker Reinhardt schreibt dazu: „Bei allem politischen Kalkül konnten sich auch die gewieftesten Politiker dem Charisma dieser Persönlichkeit nicht entziehen. So gewann die Vermittlungstätigkeit von Bruder Klaus über alle einzelörtliche Staatsräson hinaus eine Eigendynamik, die letzte Widerstände und Bedenken ausräumte. […] Vor allem sein Appell, nicht auf starren Rechtsstandpunkten zu beharren, sondern den Weg der gütlichen Übereinkunft zu suchen, prägte sich den Verantwortlichen unauslöschlich ein.“

Die Weihe Russland an die Gottesmutter Maria

Schließlich muss aus der näheren Gegenwart auch der inzwischen heiliggesprochene polnische Papst Johannes Paul II. (1920–2005) genannt werden. Er hatte ein Gespür für Geschichte, für Völker und Nationen. Mit seinem eigenen Volk trug er zum friedlichen Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs in Europa bei. Er vermittelte erfolgreich im Falkland-Krieg. Trotz Widerständen aus den USA, auch aus der dortigen Kirche, stellte er als schwer Erkrankter sich 2003 mit letzter Kraft vehement gegen den Irak-Krieg. Muslime haben ihm vertraut, aber auch Juden weltweit und aus dem Staat Israel, den er 1993 offiziell anerkannte. Die Ukraine, sein Nachbarland, hat er 2001 trotz vieler Widerstände für vier Tage besucht. Möge seine Fürsprache, auch für seinen Nachfolger Franziskus, den dortigen Krieg bald beenden. Die am 25. März vollzogene Weihe Russlands und der Ukraine in Fatima und in der ganzen Kirche an die Gottesmutter Maria war gewiss in seinem Sinne. Pax et bonum!

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