II. Vaticanum

Papst Benedikt schreibt über die positive Kraft des jüngsten Konzils

Kongress über die Ekklesiologie von Papst Benedikt XVI. Die Frage nach der Kirche in der Welt wurde mit dem Zweiten Vatikanum zentral. Das Schreiben an Pater David Pivonka, den Präsidenten der Hochschule, im Wortlaut.
Benedikt XVI. und sein Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein.
Foto: Alessia Giuliani/CPP / IPA via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Benedikt XVI. und sein Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein.

Sehr geehrter Herr Präsident!

Es ist für mich eine große Ehre und Freude, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika an der Franciscan University of Steubenville ein Internationales Symposion sich mit meiner Ekklesiologie befasst und so mein Denken und Mühen in den großen Strom einordnet, in dem es sich bewegt hat.

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Als ich im Januar 1946 mit dem Studium der Theologie begann, dachte niemand an ein Ökumenisches Konzil. Als Papst Johannes XXIII. es zur allgemeinen Überraschung ankündigte, war der Zweifel groß, ob es sinnvoll, ja, ob es überhaupt möglich sein werde, die Einsichten und Fragen im Ganzen einer konziliaren Aussage zu ordnen und damit der Kirche eine Wegweisung für ihren weiteren Weg zu geben. Tatsächlich hat sich ein neues Konzil als nicht nur sinnvoll, sondern als notwendig erwiesen. Die Frage nach einer Theologie der Religionen hat sich erstmals in ihrer Radikalität gezeigt.

Ebenso die Beziehung des Glaubens zur Welt der bloßen Vernunft. Beide Themen waren vorher nicht so vorgesehen. So erklärt es sich auch, dass das II. Vaticanum zunächst die Kirche mehr zu verunsichern und zu erschüttern drohte, als ihr eine neue Klarheit für ihren Auftrag zu schenken. Inzwischen zeigt sich allmählich die Notwendigkeit, die Frage vom Wesen und Auftrag der Kirche neu zu formulieren. So kommt auch die positive Kraft des Konzils langsam zum Vorschein.

Die Kirche als mystischer Leib Christi

Meine eigene ekklesiologische Arbeit war gezeichnet durch die neue Situation, die sich in Deutschland für die Kirche nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ergeben hat. Wenn bisher die Ekklesiologie wesentlich institutionell gedacht worden war, nahm man nun freudig die weiter reichende geistliche Dimension des Kirchenbegriffs wahr. Romano Guardini hat sie damals mit dem Wort dargestellt: „Ein Vorgang von ungeheurer Tragweite hat begonnen. Die Kirche erwacht in den Seelen.“

So wurde nun „Leib Christi“ zum tragenden Kirchenbegriff, der folglich 1943 in der Enzyklika „Mystici Corporis“ seinen Ausdruck fand. Aber mit seiner Veramtlichung hatte der Begriff von der Kirche als mystischem Leib Christi zugleich seinen Höhepunkt überschritten und wurde kritisch neu bedacht. In dieser Situation habe ich meine Dissertation über „Volk und Haus Gottes in der Lehre Augustins von der Kirche“ gedacht und niedergeschrieben. Der in Paris 1954 abgehaltene große Augustinus-Kongress bot mir die Gelegenheit, meine Auffassung über die Position Augustins in den politischen Wirren der Zeit zu vertiefen.

Die Frage nach der Bedeutung von Civitas Dei schien damals endgültig geklärt zu sein. Die in der Schule Harnacks gewachsene Dissertation von H. Scholz über „Glaube und Unglaube in der Weltgeschichte“, die 1911 erschienen war, hatte dargestellt, dass mit den zwei Civitates nicht irgendwelche Körperschaften gemeint waren, sondern es handelt sich vielmehr um die Darstellung der beiden Grundkräfte Glaube und Unglaube in der Geschichte. Dass diese Arbeit unter der Leitung von Harnack entstanden und mit Summa cum laude angenommen worden war, sicherte ihr an sich bereits ein volles Maß von Zustimmung.

Völlige Vergeistigung des Kirchenbegriffs verfehlt

Überdies passte es in die allgemein öffentliche Meinung, die der Kirche und ihrem Glauben einen schönen, aber auch ungefährlichen Platz zuwies. Wer es gewagt hätte, diesen schönen Konsens zu zerstören, konnte nur als verbohrt angesehen werden. Das Drama des Jahres 410 (Einnahme und Plünderung Roms durch die Westgoten) hat die Welt von damals und damit auch das Denken Augustins zutiefst erschüttert.

Natürlich ist die Civitas Dei nicht einfach mit der Institution Kirche identisch. In dieser Hinsicht war der mittelalterliche Augustinus in der Tat ein verhängnisvoller Irrtum, der heute glücklicherweise endgültig überwunden ist. Aber die völlige Vergeistigung des Kirchenbegriffs verfehlt ihrerseits den Realismus des Glaubens und seiner Institutionen in der Welt. So ist denn auch im II. Vaticanum schließlich die Frage nach der Kirche in der Welt zum eigentlichen zentralen Problem geworden.

Dies wollte ich nur sagen, um anzudeuten, in welche Richtung mich meine Arbeit geführt hat. Dem Kongress an der Franciscan University of Steubenville kann ich nur von Herzen wünschen, dass er hilfreich wird im Ringen um das rechte Verstehen von Kirche und Welt in dieser unserer Zeit.

Ihr Benedikt XVI.

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