Interview

„Orthodoxe Christen sind enttäuscht“

Der Apostolische Exarch für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, Bischof Bohdan Dzyurakh, appelliert an die Solidaritätsbewegung in Europa. 
Bischof Bohdan Dzyurakh
Foto: Wikipedia - GFDL | Bischof Bohdan Dzyurakh äußerte sich im Gespräch mit der Tagespost zu den Sorgen der Ukrainer wegen der russischen Aggression.

Herr Bischof, wie groß ist die Angst vor einem Krieg?

Die Angst ist ständig da, schon seit acht Jahren. Aber jetzt hat sich die Lage besonders zugespitzt. Und wir befürchten das Schlimmste. Aber als gläubige Menschen hoffen wir, dass es keine unvermeidliche Situation gibt und wir vertrauen Gott – insbesondere in dem Gebet, das wir heute hier gemeinsam gesprochen und zum Himmel erhoben haben. Wir hoffen, dass diese Gebete erhört werden und Gott uns den Frieden schenken wird. Aber wir hoffen auch, dass diese Solidaritätsbewegung, die in ganz Europa verbreitet ist, die Gewissen der Menschen erweckt.

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Wie steht es um die Solidarität unter den verschiedenen Kirchen mit der Ukraine?

Wir spüren, dass alle Christen und auch die Menschen guten Willens europaweit mit uns in den letzten Wochen verbunden sind. Das tröstet uns und gibt uns Hoffnung. Denn das Schlimmste für ein Opfer ist, wenn man es vergisst und verlässt. Jahrelang wurde der Krieg in der Ukraine verschwiegen und vergessen. Heute, leider durch die Eskalation des Aggressors, wurde dieser Krieg wieder auf die ersten Seiten der Zeitungen gerückt. Es liegt mir sehr am Herzen, dass das Leiden meines Volkes auch in die Herzen der Menschen gelangt und dort die Gleichgültigkeit überwindet, weil Gleichgültigkeit nicht weniger tötet als konventionelle Waffen.

"Die orthodoxen Christen, die ihr Oberhaupt in Moskau haben,
sind tief enttäuscht und leiden noch mehr, weil sie spüren,
dass ihr Patriarch nicht genug beiträgt, um den Krieg zu beenden"

Können die Kirchen in der Ukraine zum Frieden beitragen, oder sind sie manchmal eher Teil des Problems?

Es ist uns Gott sei Dank seit Jahrzehnten gelungen, in konfessionellem Frieden zu leben. In der Ukraine haben wir eine Organisation, die „All-ukrainischer Rat der Kirchen und der religiösen Organisationen“ heißt. Dazu gehören alle christlichen Denominationen, sowohl orthodoxe wie katholische, auch die größte protestantische Denomination, und auch Muslime und die jüdische Gemeinschaft.

Diese Organisation steht eindeutig auf der Seite des ukrainischen Volkes, auch im Angesicht der russischen Aggression. Die orthodoxen Christen, die ihr Oberhaupt in Moskau haben, sind tief enttäuscht und leiden noch mehr, weil sie spüren, dass ihr Patriarch nicht genug beiträgt, um den Krieg zu beenden und auch nicht den Herrscher im Kreml zum Frieden aufruft, mit der Gewalt und Aggression aufzuhören, auch gegen orthodoxe Christen in der Ukraine.

Wie reagieren jetzt die Gemeinden in Deutschland und Skandinavien?

Was wir machen können, machen wir auch. Jeden Tag, bei jeder Liturgie beten wir für Frieden in der Ukraine, in unserer Heimat, für die Verletzten, auch für die Verhafteten. Wir werden weiterhin solidarisch bleiben mit dem Volk in unserer Heimat, und jeden Tag wird auch am Abend um 20 Uhr weltweit für den Frieden in der Ukraine gebetet. Die Leute beten das Jesusgebet oder den Rosenkranz.

Am 2. Februar haben wir ein solches Gebet aus unserer Kathedrale in München geleitet, und da haben weltweit fast 30 000 Menschen online mit uns gebetet. Und wir glauben sehr an die Kraft des Gebetes und vertrauen auf Gottes Hilfe. Aber wir bitten auch um menschliche Solidarität. Nur durch gemeinsames Gebet und gemeinsames Wirken werden wir die Gabe des Friedens bekommen und als Friedensstifter handeln.

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