Oase in der Wüste

Neuanfang in der Niederlausitz: Das Kloster Neuzelle ist feierlich wiederbegründet worden. Von José García
Zisterziensermönche gründen Kloster
Foto: dpa | Das Lob Gottes zieht wieder Menschen in die Abteikirche Neuzelle: Das Chorgebet der Zisterziensermönche ist das sichtbarste Zeichen des geistlichen Neuanfangs.

Es regnet leicht bei angenehm frischen Temperaturen am Sonntagmorgen in der Niederlausitz. Der „Jahrhundertsommer“ scheint damit einem wahrhaften „Jahrhundertereignis“ Platz zu machen. Denn als solches kann die Rückkehr der Zisterziensermönche nach Neuzelle nach 200 Jahren Abwesenheit mit Fug und Recht bezeichnet werden. Im Jahre 1817 wurde das im heutigen Bistum Görlitz liegende Neuzeller Kloster durch König Friedrich Wilhelm III. säkularisiert, nachdem die sächsische Niederlausitz infolge des Wiener Kongresses Preußen zugefallen war. Die katholische Pfarrkirche wurde in eine evangelische Pfarrkirche umgewandelt. Mit der Ausweisung der Zisterzienser aus Neuzelle endete die jahrhundertealte Präsenz der Zisterzienser in Brandenburg und der Lausitz.

Die 4 280 Einwohner zählende Gemeinde Neuzelle liegt acht Kilometer südlich von Eisenhüttenstadt, unweit der Mündung der Lausitzer Neiße in die Oder, ganz nah an der deutsch-polnischen Grenze. Jung und Alt strömen bereits am frühen Morgen gutgelaunt zur gleichnamigen Klosterkirche. Die offizielle Neugründung des Zisterzienserpriorates 750 Jahre nach der ersten Klostergründung fällt zudem mit der Diözesan-Jahreswallfahrt zusammen. Um neun Uhr, eine Stunde vor Beginn des Hochamtes, ist in der nach den Beschädigungen durch den Dreißigjährigen Krieg Mitte des 17. Jahrhunderts im Stil des süddeutschen Barocks umgestalteten Kirche kein Platz mehr frei. Viele Gläubige sitzen auf mitgebrachten Klappstühlen. Auf dem großzügig geschnittenen Klosterplatz suchen bereits die ersten Wallfahrer die bereitgestellten Stühle unter freiem Himmel auf. Sie werden den Gottesdienst auf einer Großleinwand verfolgen. Insgesamt haben sich etwa 1 800 Gläubige eingefunden. Sie lauschen dem Chorgebet der Mönche, ehe sie vor Beginn der heiligen Messe andächtig den Rosenkranz beten.

In einem Bistum mit einem Katholikenanteil an der Gesamtbevölkerung von vier Prozent nimmt sich Neuzelle als eine „Oase in der Wüste“ aus. Pater Simeon Wester, der zum Prior des von der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz abhängigen Klosters vom Abt Maximilian Heim ernannt wurde, sagte dazu in der anschließenden Pressekonferenz: „Wir glauben, dass in einer unruhigen Zeit, in einer unruhigen Welt die Menschen Orte der Stille brauchen und suchen. Wir wollen das anbieten. Nach unserer Erfahrung in Heiligenkreuz und in dem vor dreißig Jahren gegründeten Priorat in Bochum-Stiepel ist das für die Menschen anziehend. Nicht wir, sondern Christus zieht sie in das Geheimnis hinein. Gerade die, die ganz weit weg sind, finden durch die Berührung mit einer betenden Gemeinschaft den Mut, der Sinnfrage des Lebens etwas konsequenter nachzugehen. Das ist es, was wir hier tun wollen.“

Offiziell neugegründet wurde das Priorat im Rahmen des feierlichen Hochamts: Nachdem der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt seine Zustimmung öffentlich erklärt hatte, und Abt Maximilian Heim die sechs entsandten Mönche nach ihrer Bereitschaft gefragt hatte, „im Gebiet der Abtei Unserer Lieben Frau von Neuzelle das klösterliche Leben in Gebet und Arbeit wieder aufzunehmen“, erklärte der Abt von Heiligenkreuz: „So gründen wir heute, am 2. September 2018, im 750. Jahr der ersten Klostergründung ein neues Kloster und errichten es als von der Zisterzienserabtei Unserer Lieben Frau von Heiligenkreuz abhängig Kloster Unserer Lieben Frau von Neuzelle“.

Was Bischof Wolfgang Ipolt vom Kloster Neuzelle erwartet, fasst er am Ende seiner Predigt zusammen: „Zeigen Sie mit Ihrem monastischen Leben – den Christen wie auch den vielen, die Gott noch nicht kennen – zeigen Sie beispielhaft, dass sich die Suche nach Gott lohnt, dass sie einen Menschen glücklich machen und erfüllen kann. Seien Sie frohe Gefährten für die Menschen, die hierher nach Neuzelle kommen und nach Antworten für ihr Leben suchen. Ich bin sicher: Wenn Sie selbst Gottsucher bleiben, wird das andere anstecken und einladen. Nicht mehr und nicht weniger erwarten Gott und das Gottesvolk von Ihnen.“

Die Gründermönche werden in der Pfarr- und Wallfahrtsseelsorge sowie im Religionsunterricht tätig sein. Sie möchten aber vor allem Neuzelle in eine „Oase des Gebets“ verwandeln. Längerfristig planen sie, ein neues Klostergebäude außerhalb der historischen Anlage zu bauen. „Als Ordensgemeinschaft brauchen wir ein Leben der Stille“, erklärte dazu Prior Pater Simeon Wester.

 

Hintergrund: Brandenburg war einst „Zisterzienser-Land"

Die im 12. und 13. Jahrhunderts gegründeten Zisterzienserabteien prägten einst die Kulturlandschaft Nordostdeutschlands. Sie machten weite Gebiete in Brandenburg und der Lausitz erst urbar. Kloster Lehnin südwestlich von Potsdam mit Tochterkloster Himmelpfort in der Uckermark, Kloster Chorin (Landkreis Barnim), Kloster Zinna (Landkreis Teltow-Fläming) und die Abtei Dobrilugk in der Lausitz wurden jedoch bereits Mitte des 16. Jahrhunderts säkularisiert. In der Region überlebten die Zisterzienser die Reformation lediglich in der Abtei Neuzelle. JG

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