Nun sag, wie hast du's mit der Mission?

Konfessionsübergreifender Thementag beleuchtet ein Schlüsselwort der Christen. Von Benedikt Winkler
"Das Mahl mit den Sündern", (1973), von Sieger Köder
Foto: IN | Ziel von Mission sollte das Fest sein, wie hier ein Bild von Sieger Köder zeigt. „Das Mahl der Sünder“ (1973) schmückt den Speisesaal im Landhaus in San Pastore südlich von Rom, das zum Germanicum, dem ...

Salafisten, Zeugen Jehovas, Scientologen und auch Christen sprechen von Mission. Doch was ist unter diesem Begriff zu verstehen? Ist Mission heute noch gesellschaftlich akzeptabel? Gefährdet Mission nicht den gesellschaftlichen Frieden? „Hör auf, mich zu missionieren!“, empören sich viele aufgeklärte Zeitgenossen, denn sie assoziieren Mission mit Missionierung, Indoktrination und Vereinnahmung. Schließlich gibt es sie überall – nicht nur in der Fußgängerzone –, die Missionare und Sinnanbieter, die unter Mission lediglich die zahlenmäßige Ausbreitung ihrer Religion oder Weltanschauung verstehen. Der Missionsbegriff, so scheint es, ist kontrovers und geschichtlich vorbelastet.

„Macht alle Völker zu meinen Jüngern!“ (Matthäus 28, 19) – Unter diesem Titel fand am vergangenen Samstag im „Haus am Dom“ in Frankfurt ein Thementag statt, der die Frage diskutierte, ob heute noch von christlicher Mission gesprochen werden sollte. Eingeladen war eine gemischt-konfessionelle Referentenrunde: Markus-Liborius Hermann von der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) in Erfurt, Uta Andrée von der evangelischen Missionsakademie in Hamburg, Thomas Schirrmacher von der Weltweiten Evangelischen Allianz und die Mitarbeiter des Instituts für Weltkirche und Mission (IWM) in Frankfurt unter der Leitung von Pater Markus Luber SJ.

Reich-Gottes-Kriterien statt Erfolgskriterien

Markus-Liborius Hermann umriss in seinem Statement das katholische Missionsverständnis: „Alle Menschen sind Gottes Volk; Gottes Liebe ist nicht abhängig von der Liebe des Menschen zu Gott, doch macht es einen Unterschied, ob der Mensch um dieser Liebe weiß“, betonte Hermann und zitierte den Erfurter Altbischof Joachim Wanke: „Wir Christen sind nicht besser als unsere Mitmenschen, aber wir haben es besser“. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil setzten neue theologische Reflexionen darüber ein, was die katholische Kirche unter Mission versteht. Das Dekret „Ad Gentes“ spricht von einer „pilgernden Kirche“, die „ihrem Wesen nach missionarisch ist“. Mission gehöre demnach zum Wesensvollzug der Kirche. Sie ermögliche die „Wiedergewinnung der Grundbestimmung des Christ-Seins und des Kirche-Seins“, so der Referent für Evangelisierung und missionarische Pastoral.

„Seelsorge statt Zielsorge“ bedeute nach katholischem Verständnis eine gewisse Absichtslosigkeit in dem Bemühen, die Liebe Gottes zu den Menschen zu bringen. Dabei sollte man nicht, so Hermann, von einem Defizienzmodell ausgehen, wonach dem „religiös Indifferenten, Unmusikalischen oder Naturbelassenen“ etwas fehle. Besser wäre es, mit einem „demütigen Selbstbewusstsein von Gott zu sprechen“ und „das Christsein von denen zu erwarten, denen wir es sagen wollen“. Die französischen Bischöfe hatten in einem Schreiben von 1996 Mission formuliert als „Proposer la Foi“, also „den Glauben vorschlagen“. Das Kriterium für den Missionserfolg solle nicht die quantifizierbare Gläubigenzahl sein, sondern die Frage: „Ist die Liebe gewachsen? Gibt es mehr Hoffnung als Verzweiflung? Mehr Liebe statt Hass? Zielpunkt von Mission sollte das Fest sein wie im biblischen Gleichnis vom Gastmahl beschrieben wird, ein Bild für die Verwirklichung des Reiches Gottes. Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem Reich Gottes und der Kirchenmitgliedschaft, denn Gottes Heilswillen gelte allen Menschen und zwar bedingungslos.

Uta Andrée präsentierte eine evangelische Sicht auf Mission: Während im 19. Jahrhundert noch davon ausgegangen wurde, dass Mission die zahlenmäßige Ausbreitung des Christentums ist, so habe das „Sendungsbewusstsein nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an Plausibilität verloren“. Nichtsdestotrotz spricht der evangelische Theologe Eberhard Jüngel von Mission als „Herzschlag der Kirche“. Kirche hat eine Mission, „Mission um Gottes willen der Welt zuliebe“. Heute stehe besonders der Dialog mit anderen Religionen im Vordergrund mit dem Ziel einer friedlichen Gesellschaft, so Andrée. „Jesus fragt nicht: Hast du den Gefangenen getauft? Hast du den Durstigen getauft? Er fragt: Hast du den Gefangenen befreit? Hast Du dem Durstigen zu Trinken gegeben?“ Auch wenn zum Missionsbefehl Jesu der Taufbefehl gehört, mahnte Andrée zur Zurückhaltung bei der Mission von muslimischen Flüchtlingen. „Es liegt mir fern, einem Muslimen zu erklären, dass das Christentum die bessere Religion ist“, erwiderte Andrée und nahm Bezug auf den Vorwurf der Taufzurückhaltung der Landeskirche bei muslimischen Taufbewerbern.

Thomas Schirrmacher von der Weltweiten Evangelischen Allianz sprach sich auch gegen eine strategische Muslimmission aus. Stattdessen sollten sich die Christen fragen: Warum kommen Menschen dazu, dass sie meinen, sie müssten ihre Religion wechseln? Welche Vorteile und Privilegien verspricht dieser Schritt? Welchen Druck baut eine Gesellschaft mit einer christlichen Mehrheitsreligion möglicherweise auf? Müsste muslimischen Konvertiten die Taufe verweigert werden, wenn sie zu diesem Schritt gedrängt worden sind?

In seinem Statement nahm Thomas Schirrmacher Bezug auf das Thema Mission aus evangelikaler Sicht. Gerade im globalen Süden und in Amerika erfreuen sich die evangelikalen Bewegungen und Pfingstkirchen großer Zulaufzahlen. Schirrmacher bezeichnete daher diese Kirchen als die „missionarischste christliche Kirche der Welt“. Mission gehöre zum Wesen der Kirche wie es ein evangelikales Dokument beschreibt: „Mission is the very essence of church.“ Zur Mission der Evangelikalen gehöre es, die als unfehlbar geltende Heilige Schrift auszulegen und persönlich Zeugnis zu geben.

Doch wie gibt man Zeugnis in einer multireligiösen Welt? In der sich anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Frage vertieft, ob es auch jenseits von Jesus Christus Heilsmöglichkeiten gebe. Hermann antwortete mit einer heilsgeschichtlichen Perspektive, wonach Gott akzeptiert, dass die Menschen zu seinem Liebesangebot Nein sagen. Andrée ging auch von einem Angebot Gottes aus, aber positionierte sich in ihrer Antwort pluralistischer, indem sie das berühmte Elefantengleichnis der Religionstheologen bemühte. Gott sei wie ein Elefant, den blinde Forscher ertasten. Jeder Forscher würde nur ausschnitthaft entweder den Rüssel, das Bein oder den Schwanz begreifen. Hermann fragte zurück, ob für sie Jesus Christus nur einer der Repräsentanten Gottes sei. Das historische Christus-Ereignis zeige doch gerade, dass das Partikulare universale Bedeutung habe. Die universale Ausrichtung sei die „Pointe des Christentums“, meinte Hermann. Jesus dürfe nicht auf den Schwanz, den Rüssel oder gar den Stoßzahn reduziert werden. Ob Mohammed, Buddha und Jesus auf einer Stufe stehen oder nicht, diese Aporie ließe sich nicht auflösen, entgegnete Andrée, zumindest nicht vor dem letzten Tag.

Ein lebendiger Missionsbegriff?

Hat der Missionsbegriff noch Chancen? Klara Csiszar, Mitarbeiterin des IWM, hatte mit einer Online-Umfrage über eintausend Menschen danach befragt, was sie unter Mission verstehen und was Menschen tun, die missionarisch tätig sind.

Die meisten der überwiegend katholischen Befragten assoziierten Mission mit „Gott“, „Glaube“ und „Jesus Christus“. Etwa neunzig Prozent der Befragten meinten, Mission solle im Dialog geschehen, um „das ewige Heil, das Wahre und Gute in Liebe zu suchen“. Knapp sechzig Prozent der Studienteilnehmer waren der Meinung, die Kirche ist da, um zu missionieren. Csiszar stellte in ihrer Auswertung verschiedene Missions-Typen gegenüber: Es gebe eine Mehrheit von 64 Prozent, die ein „integrales Missionsverständnis“ vertreten, zehn Prozent zählt Csiszar zu den Verkündigungstypen, Menschen die kirchlich stark sozialisiert sind und die Mission eher mit Predigt und Katechese verbinden. Zwölf Prozent sind die dialogisch-karitativen Typen, die weniger kirchlich sozialisiert und schwächer sakramentalisiert sind. Zehn Prozent halten Mission für „historische Altlast“. Csiszar konnte mit ihrer sozialwissenschaftlichen Studie deutlich zeigen, dass der Missionsbegriff zumindest in katholischen Kreisen noch Chancen hat und dass sich Verkündigung und Dialog komplementär zueinander verhalten.

Schirrmacher, Andrée und Hermann kommentierten die Studie. Hermann meinte, dass die Debatte um den Missionsbegriff zu den Fragen dränge: „Wozu ist Kirche da? Wozu sind wir Christen da? Welche Rolle spielt Ökumene?“ Mit Blick auf die charismatischen Prediger aus evangelikalen Reihen fragte er: „Gibt es Profi-Missionare oder sind wir alle berufen? Was ist Taufgnade, was ist Firmgnade? Welche Rolle spielt Gott in den Glaubensvollzügen?“ Als Christen dürften wir von unserem positiven Recht auf Religionsfreiheit Gebrauch machen und Zeugnis geben.

Andrée fügte dem hinzu, dass dazu neben einer angebotenen Gastfreundschaft auch gehöre, einer Logik der Geh-Hin-Pastoral zu folgen, indem wir uns als Gäste bei Fremden aussetzten. Damit steht sie als Protestantin ganz auf der Linie von Papst Franziskus, der in seinem Apostolischen Grundsatz-Schreiben „Evangelii gaudium“ ähnliches wünscht und von einer „Neuausrichtung der Mission“ spricht, die Aufbruch bedeutet.

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