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„Nicht zu stark mit den Zahlen beschäftigen“

Der Leiter der Loretto-Gemeinschaft Maximilian Oettingen spricht über die Gemeinsamkeiten der traditionellen Chartres-Wallfahrt und der charismatischen Pfingstfestivals.
Pfingsten
Foto: Christof Juergens | „Komm, Heiliger Geist", beteten Christen an diesem Wochenende wieder. An 29 Standorten organisiert die Loretto Gemeinschaft Pfingstfeste.

Die Pfingstfestivals haben dieses Jahr an die 20.000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz versammelt, möglicherweise mehr – jedenfalls eine deutliche Steigerung zum Vorjahr. Wie erklären Sie sich diesen wachsenden Zulauf?

Gute Frage! (lacht). Wir wissen es nicht. Wir machen ja eigentlich nichts anderes als in den Jahren davor auch schon. Letztes Jahr hatten wir insgesamt rund 12.000 Teilnehmer an unseren Festival-Standorten; dieses Jahr waren wir im Vorfeld aufgrund der Einschätzungen der Veranstalter vor Ort von 18.000 ausgegangen. Im Nachhinein sieht es allerdings so aus, als wären es deutlich mehr gewesen – vielleicht sogar mehr als 20.000. Ein befreundeter Priester von mir, der bei geistlichen Veranstaltungen ebenfalls ein deutliches zahlenmäßiges Wachstum feststellt, meint: Das ist entweder ein soziologisches Phänomen oder eine Bewegung des Heiligen Geistes. Das sind die beiden Möglichkeiten.

Können Sie das konkreter ausführen?

Die geistliche Deutung ist: Es ist Gott, der sein Volk sammelt. Dazu kommen weitere Faktoren: Wir haben historisch-soziologisch betrachtet eine Generation vor uns, die sich unvoreingenommener mit dem Glauben beschäftigt als das bei der 68er-Generation der Fall war, die eher eine Protesthaltung gegenüber dem Glauben hatte. Das Zweite ist: Heute kann man sich über die digitalen Medien – Podcasts, Youtube und so weiter – auf eine Weise über den Glauben informieren und sich eine Meinung bilden, wie das vor einigen Jahren noch nicht der Fall war. Und drittens: Gerade jüngere Menschen – aber nicht nur – reagieren auf Angebote, die authentisch sind, bei denen das Äußere und das Innere übereinstimmen. Das gilt auch für den christlichen Kontext.

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Nach der Corona-Pandemie haben Sie begonnen, das Loretto-Pfingstfestival nicht mehr an einem zentralen Ort, sondern an vielen Orten gleichzeitig stattfinden zu lassen. Hat sich das bewährt?

Eindeutig. Der Grund war ja, dass der Salzburger Dom einfach zu voll wurde. Während Corona kam dann die Idee, kleinere dezentrale Veranstaltungen zu machen, auch weil eh nicht klar war, wann man wieder Großveranstaltungen durchführen können würde. Vom Marketing her, also von der Außenwirkung, waren viele der Meinung, das sei das Dümmste, was wir machen können. Jetzt scheint sich zu zeigen, dass es die richtige Entscheidung war. Wir können so einfach viel mehr Menschen unmittelbar erreichen. Bei den Festivals vor Corona waren wir maximal 10.000 Veranstaltungsteilnehmer und Tagesgäste.

Wie sieht die Altersstruktur der Teilnehmer aus? Auf der Website des Festivals sieht man an den Zeugnissen, dass es nicht nur junge Menschen sind, die kommen.

Manche Veranstaltungsorte legen den Fokus eher auf jüngere Menschen, die meisten richten sich aber explizit an alle Altersgruppen. Pfingsten ist das Fest der Interaktion der Generationen. Daran glauben wir gerade mit Blick auf Maria, die Muttergottes, die im Obergemach in Jerusalem den Heiligen Geist auf die nächste Generation herabbittet. Deswegen haben wir diesen intergenerationellen Ansatz und das ist auch sehr gut so.

20.000 bei den Pfingstfestivals, in Frankreich 20.000 bei der Chartres-Wallfahrt. Es scheint, als zögen gerade die charismatische Erneuerung und das Tradi-Milieu junge Menschen an. Wie erklären Sie sich das?

Jesus ins Zentrum stellen, darum geht es. Das gilt natürlich auch für andere Veranstaltungen. Die Jugendwallfahrt nach Medjugorje versammelt 40.000 Menschen. Ich glaube, das ist es, was die Chartres-Wallfahrt sich bemüht zu tun und was auch wir versuchen: den Herrn in den Mittelpunkt stellen. Interessanterweise in unterschiedlicher Weise, aber doch ist bei uns beiden Christus im Zentrum. Und was da gerade passiert, das ist das, was passiert, wenn sich die Kirche auf den Herrn fokussiert. Das ist ja auch der Grund, warum die Kirche überhaupt existiert. Benedikt XVI. erinnerte an die Kirchenväter, die sagten, dass sich die Kirche zum Herrn verhält wie der Mond zur Sonne. Ohne Sonne ist der Mond langweilig, ohne den Herrn sind wir als Kirche uninteressant. Wenn wir uns nicht von ihm bescheinen lassen, wenn wir ihn nicht in den Mittelpunkt stellen, dann sind wir als Kirche so interessant wie ein Klumpen Erde.

Kann die Loretto-Gemeinschaft den Befund bestätigen, dass sich auch im deutschen Sprachraum eine Art geistlicher Aufbruch abzeichnet, gerade unter jungen Menschen? Woran würden Sie auch jenseits von Zahlen vielleicht diesen Aufbruch messen?

Es ist sicher eine Gefahr auch für uns als Kirche, uns zu stark mit den Zahlen zu beschäftigen. Zahlen machen Lärm und bedienen den Narzissmus. Jesus hat mit ganz wenigen Leuten begonnen, ihnen viel Zeit gewidmet, und daraus ist etwas entstanden, das Wirkung hatte. Ich glaube, der Schlüssel für die Ausbreitung des Reiches Gottes liegt darin, dass wir einen starken Fokus auf den Herrn haben und Räume schaffen, in denen Menschen ihn anbeten können. Aus dieser Beziehung zu ihm heraus beginnt dann etwas zu wachsen. Paulus spricht von den Früchten des Geistes. Die werden nach einer Weile sichtbar. In einem solchen Milieu beginnen Menschen nach dem christlichen Leben zu fragen. Sie machen sich auf einen Weg, den wir Jüngerschaft nennen. Und aus dieser Erfahrung des gemeinsamen Gehens mit Christus heraus lassen sich Menschen hinaus in Kirche und Welt senden. Wenn diese drei Dinge zusammenkommen – Anbetung, Jüngerschaft und Sendung –, dann werden irgendwann auch Zahlen sichtbar wachsen. Dann kann das ein Zeichen dafür sein, dass der Heilige Geist etwas Spannendes tut. Und das scheint gerade zu passieren, an ganz verschiedenen Orten und in vielen verschiedenen Ländern. Aber das Wachstum gründet eben auf viel Arbeit im Hintergrund. Die Alpha-Kurse haben beispielsweise starke Wachstumszahlen. Aber dahinter stehen Jahrzehnte Arbeit. Das ist Knochenarbeit. Zentral bleiben der Fokus auf den Herrn, viel Gebet, konkrete Formen gelebter Jüngerschaft.

Wie haben Sie persönlich das diesjährige Pfingstfestival erlebt?

Solche Veranstaltungen sind ja im Vorfeld immer recht herausfordernd, auch emotional und geistlich. Und wenn es dann losgeht und auch neue Leute kommen, auch solche, die vielleicht schon länger keinen Kontakt mehr zu Gott hatten, dann liegt so eine große Anspannung im Raum. Die Menschen erwarten etwas und wissen vielleicht gar nicht, was genau. Und dann beginnt der Abend der Barmherzigkeit. Zwei Stunden bei ausgesetztem Allerheiligsten, im Hintergrund leiser Lobpreis, die Möglichkeit zur Beichte. Viele Priester sind da oder auch Gebetsteams, zu denen man gehen kann, mit denen man beten kann oder einfach nur eine Frage stellen. Und an diesem Abend, da wandelt sich die Stimmung. Plötzlich ist da eine Erleichterung, eine Freude, eine Einfachheit und Schönheit. Priester haben mir erzählt, wie berührt sie davon waren, wie viele Menschen beichten gehen, denn in der Heimat erleben sie es nicht so oft, dass die Menschen beichten. Ein Priester hat zu mir gesagt, dass er fast beschämt war von den Beichten und er sich gefragt hat, wann er selbst das letzte Mal so gründlich und ausführlich gebeichtet hat, wie er es dort erlebt hat.

Maximilian Oettingen (53) ist verheiratet und drei hat erwachsene Kinder. Er studierte und promovierte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt im Fach Philosophie studiert. Seit 2002 arbeitet Oettingen als katholischer Laienmissionar und ist seit 2004 Leiter der Loretto Gemeinschaft

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