Stuttgart

Neuer Wein in alten Schläuchen

Katholikentage haben den meisten Menschen nicht mehr viel zu sagen. Christen sollte das nicht erschrecken. Was sie zu sagen haben, ist unverändert aktuell. Ein Kommentar.
Katholikentag 2022 in Stuttgart
Foto: Bernd Weißbrod (dpa) | (Kirchen)offiziellen Angaben zufolge werden es etwa 30.000 Menschen sein, die sich dennoch in Stuttgart einfinden werden. Toll ist das nicht.

Wer in deutschen U-Bahn-Stationen oder Einkaufszentren mittels einer Passantenbefragung ermitteln wollte, wie vielen Menschen das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ noch etwas sagt, würde eine eher bescheidene Trefferquote erzielen. Dieses Zentralkomitee lädt jetzt zum 102. Katholikentag nach Stuttgart ein. Eine Umfrage im Auftrag der „Tagespost“ hat ergeben, dass 59 Prozent der Deutschen sich für diesen Katholikentag nicht interessieren. (Kirchen)offiziellen Angaben zufolge werden es etwa 30.000 Menschen sein, die sich dennoch in Stuttgart einfinden werden. Toll ist das nicht.

Teilnehmerzahl ausgesprochen niedrig

Als zentrale Veranstaltung eines Zentralkomitees, das für sich beansprucht, die katholischen Laien in diesem Land zu repräsentieren, ist das sogar ausgesprochen wenig. Mindestens so viele Teilnehmer trommelt Greta Thunberg für eine einzige Klimaschutz-Demo zusammen. Und bei Heimspielen können die Bayern rund doppelt so viele Zuschauer in ihrer Allianz Arena erwarten. Katholizismus zieht nicht mehr. Ist er vielleicht aus der Zeit gefallen?

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Ja. Der deutsche Katholizismus mit seinen Verbänden, Publikationen, Institutionen und Veranstaltungen hatte Konjunktur in einer Zeit, als es noch die Volkskirche gab. Die gute alte Zeit – sie ist vorbei, im „Thema der Woche“ ist nachgezeichnet, wie aus der gesellschaftlichen Größe „deutscher Katholizismus“ eine innerkirchliche Lobby einerseits und auf der anderen Seite ein immer noch beachtlicher, aber den Glauben kaum noch bezeugender caritativer und schulischer Arbeitgeber wurde. Er ist ein Produkt seiner Zeit, wie einst die Kirchensteuer. Sie wurde erfunden von gar nicht so katholisch tickenden Politikern, um den sich doch ziemlich ultramontan gebärenden Katholizismus in deutschen Landen enger an den Staat zu binden. Ist ja auch gelungen. Doch wenn die Kirchensteuer fällt, zerbröselt auch der Apparat, der mit ihr unterhalten wurde.

Christen sind "wetterbeständig"

Christen sollten das ganz locker sehen, denn sie haben etwas, was sie „wetterbeständig“ macht: Ein solides Menschenbild, das nicht nur vernünftig ist, sondern auch mit den Schattenseiten der menschlichen Existenz – Stichwort Erbsünde – umzugehen weiß und daran nicht zerbricht. Eine Vorstellung von „guter Politik“, die dem Menschen dient. Konzepte für ein erfolgreiches Wirtschaften in sozialer Verantwortung. Zudem ein ökologisches Bewusstsein, das nicht nur das Klima, sondern auch den Menschen umfasst, mit einer klaren Vorstellung vom Anfang und Ende des christlichen Lebens. Und nicht zuletzt einen Sinn für Schönheit und Harmonie, wofür eine christlich inspirierte Kunst zahllose Beispiele enthält. Auf einem Katholikentag hätten Christen einer nach Orientierung suchenden Gesellschaft (und Politik) manche Vorschläge zu machen.

Eine mit sich selbst beschäftigte Kirche kann das natürlich nicht. Zumal sie, wie jetzt, an dem Nasenring „Missbrauch“ durch die Manege gezogen wird. Das ändert jedoch nichts an dem Pfund, mit dem Christen wuchern könnten, wenn nicht der Ballast eines aufgeblähten Apparats die Kirche fesseln würde. Die Versuche, über einen Synodalen Weg diesen Apparat auf die Linie des Zeitgeistes zu bringen, hat viele Bischöfe eingeschüchtert. Das ändert aber nichts daran, dass nur sie es sein können, die das Schifflein Kirche wieder hinaus auf das Meer der Evangelisierung steuern.

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