Griechisch-Katholisch

Bohdan Dzyurakh: Mit Unabhängigkeit von Politik dient die Kirche dem Volk am besten

Bischof Bohdan Dzyurakh, der Apostolische Exarch für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, unterstreicht, dass die Kirche nicht die Magd der Politik ist, und lobt den Heiligen Stuhl für seine Unterstützung der Ukraine.  
Papst mit Ukrainischen Bischöfen
Foto: Romano Siciliani (Romano Siciliani) | Papst Franziskus am 20. Februar 2015 beim Ad-limina-Besuch der katholischen Bischöfe der Ukraine im Vatikan. Die Bischöfe haben die Hoffnung, dass der Papst die Ukraine besuchen wird.

Exzellenz, das Oberhaupt  der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk von Kiew, rechnet mit einem Ukraine-Besuch des Papstes in diesem Jahr. Sind auch Sie der Meinung, dass der Papst die Ukraine 2022 besuchen könnte?

Auf einen solchen Besuch warten wir und würden uns sehr darüber freuen. Er ist auch sehr wahrscheinlich, da der Heilige Vater Franziskus bereits mehrmals gezeigt hat, wie sensibel und hilfsbereit er auf das Leiden der Unschuldigen und Unterdrückten reagiert. Er richtet seine Aufmerksamkeit immer dorthin, wo die Würde und die Rechte der Menschen und der Völker in Frage gestellt und bedroht werden. Unser Land und unser Volk leiden seit Jahren unter der russischen Aggression, die bereits Tausende von Opfern gefordert und das Leid von Millionen von Ukrainern verursacht hat. Deshalb hoffen wir sehr, dass der Heilige Vater uns besuchen wird und uns in diesen Prüfungen auf ganz konkrete und spürbare Weise sein Mitleid, seine Nähe und seine Solidarität zeigen wird. Seine ukrainischen Kinder spüren eine tiefe Sehnsucht, ihren geistlichen Vater zuhause in der Ukraine begrüßen und mit ihm beten zu dürfen.

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Dass Benedikt XVI. das Land nicht besuchte, geschah wohl auch aus Rücksicht auf die Einwände des orthodoxen Moskauer Patriarchats. Hat sich die Lage in dieser Hinsicht geändert?

Ich weiß nichts davon, dass ein solcher Besuch geplant war, und noch weniger, dass er aufgrund einer Einflussnahme von dritter Seite nicht zustande gekommen sein soll. Wahrscheinlich hing es einfach damit zusammen, dass das Pontifikat von Benedikt XVI. nicht lange genug gedauert hat, um so einen wichtigen Besuch gut vorzubereiten und durchzuführen. Letztlich ist für den Heiligen Vater entscheidend, ob sein Besuch eine positive Auswirkung auf die Lage der katholischen Kirche im Land haben wird. Er lässt sich bei seinen Entscheidungen nicht von außen bestimmen, was auch der Besuch des heiligen Johannes Paul II. in der Ukraine im Jahr 2001 gezeigt hat. In der Kirche haben die pastoralen Argumente immer Vorrang vor den politischen oder geopolitischen Interessen der Staaten und Parteien.

Wie bewerten Sie das Argument des „kanonischen Territoriums“, das in diesem Zusammenhang angeführt worden ist?

Sich auf ein „kanonisches Territorium“ zu berufen, um einen Anspruch auf Exklusivität der Missions- oder Evangelisationstätigkeit zu erheben oder nach einer besonderen Position als quasi „Staatskirche“ im Land zu streben, scheint mir vergleichbar mit dem politischen Prinzip der „Einflusszonen“, nach dem einige Politiker im postsowjetischen Raum handeln möchten. Dies ist aber in der Welt des 21. Jahrhunderts kaum aufrechtzuhalten. Ich glaube, dass gerade umgekehrt die Kirchen Europas dazu berufen sind, der Welt ein Beispiel des friedlichen Zusammenlebens und der gegenseitigen Offenheit zu geben, wozu als sehr christliche Tugend die Gastfreundschaft gehört. Schließlich wird es sich bei einem eventuellen Besuch des Heiligen Vaters Franziskus in der Ukraine um einen Besuch des Oberhauptes der katholischen Kirche bei seinen eigenen Gläubigen handeln, deshalb haben wir die begründete Erwartung und Hoffnung, dass auch alle unsere orthodoxen Mitbrüder einem solchen Besuch mit Respekt und Verständnis begegnen werden.

Die Errichtung einer autokephalen ukrainisch-orthodoxen Kirche hat zu einem Zerwürfnis zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Patriarchen von Konstantinopel geführt. Wie sehen Sie das?

Von Anfang an haben wir die Prozesse innerhalb der ukrainischen Orthodoxie als innerorthodoxe Angelegenheiten betrachtet und haben auch Verständnis für die Schritte gezeigt, die der Ökumenische Patriarch Bartholomaios unternommen hat, um unseren Brüdern und Schwestern, die zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und der Ukrainischen Autokephalen Kirche gehören, eine kanonische Regelung ihres kirchlichen Status anzubieten. Diese Gläubigen wurden von den Vertretern des Moskauer Patriarchats als nicht kanonisch angesehen und dadurch als außerhalb des Heils Stehende stigmatisiert. So wurde zum Beispiel einem tödlich verunglückten Kind das Begräbnis verweigert, nur weil es nicht zur „kanonischen“ Kirche gehörte. Es wurde verboten, für diese Gläubigen in den zum Moskauer Patriarchat gehörenden orthodoxen Klöstern zu beten usw. Dabei handelte es sich um eine sehr große Schar von Christen, die etwa 20 Millionen Gläubige umfasst. Als nun der Ökumenische Patriarch die ihm verliehene Vollmacht genutzt hat, um diese Situation zu heilen, konnten wir uns nur darüber freuen, dass nun endlich auch die kirchlichen Rechte unserer Schwestern und Brüder in Christus voll anerkannt wurden und diesen dadurch auch aus orthodoxer Sicht der Weg zum Heil eröffnet wurde. Eine andere Reaktion seitens eines gläubigen Menschen oder einer christlichen Gemeinde kann ich mir kaum vorstellen, wenn man konsequent bleiben möchte.

Wirkt sich der Konflikt auch auf die griechisch-katholische Kirche aus?

Auf unsere Beziehungen zu den verschiedenen orthodoxen Kirchen in der Ukraine haben diese Entscheidungen des Patriarchen von Konstantinopel kaum einen spürbaren Einfluss gehabt. Denn wir haben uns auch schon zuvor bemüht – und werden dies auch weiterhin tun – gute Beziehungen zu allen zu pflegen und eine konstruktive Zusammenarbeit mit allen Kirchen und religiösen Organisationen der Ukraine aufzubauen.

Offenbar hat der russische Außenminister Sergej Lawrow Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel vorgeworfen, er sei von den Vereinigten Staaten abhängig. Hat dies irgendwelche Konsequenzen für die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine?

Wenn man die Kirche als einen Teil des eigenen politischen Systems betrachtet und auf diese Weise auch behandelt und ausnutzt, glaubt man überall die Einmischungen der politischen Strukturen und Institutionen zu sehen. Es muss aber nicht so sein, wenn sich die Kirche nicht als Magd der Politik oder der Ideologien, sondern als Mater et Magistra des Volkes Gottes versteht und dementsprechend handelt. Das Prinzip der Autonomie des Handelns muss sowohl innerhalb der Kirchen als auch seitens der politischen Mächte unantastbar bleiben.

Ein Beispiel?

Die Existenz der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche ist, wie ich finde, selbst ein gutes Beispiel dafür, dass man dem eigenen Volk und seinem geistlichen Wohl dann am besten dienen kann, wenn man unabhängig bleibt von den Mächtigen dieser Welt und sich ehrlich bemüht, nicht den Regierenden zu dienen, sondern den Willen Gottes zu erfüllen. Darin könnte auch unser bescheidener Dienst an der neu entstandenen Orthodoxen Kirche der Ukraine bestehen – als Ermutigung, eine solche gesunde Autonomie zu wagen und sie bewusst zu pflegen und zu leben.

"Als gläubige Menschen verstehen wir jedoch,
dass der Frieden letztendlich als
kostbare Gabe Gottes von oben kommt."

Erzbischof Schewtschuk hat Papst Franziskus gesagt, dass viele Ukrainer gleich welcher Religion das Gefühl hätten: „Wenn der Papst in die Ukraine kommt, wird der Krieg enden.“ Können Sie einschätzen, inwieweit der Papstbesuch zum Frieden beitragen kann?

Auf das Treffen mit ihrem obersten Hirten warten nicht nur die Gläubigen unserer Kirche, sondern auch unsere ganze Bevölkerung, weil wir in der Ukraine wissen, wie sehr die Anliegen unseres Volkes dem Papst am Herzen liegen. Das wurde vor allem in den letzten Jahren spürbar, in denen wir das Opfer der Militäraggression der Russischen Föderation geworden sind. Seit Beginn dieses unerklärten und hybriden Krieges haben wir die moralische und geistliche, aber auch finanzielle Unterstützung des Heiligen Stuhls und des Heiligen Vaters persönlich erfahren. Ein aufschlussreiches Beispiel dafür stellt die humanitäre Aktion „Papst für die Ukraine“ dar, an der auf Einladung des Papstes die Katholiken in ganz Europa und in anderen Teilen der Welt teilgenommen haben.

Welche Rolle spielt Moskau dabei?

Die Politiker sind zu Recht der Auffassung, dass der Schlüssel zum Frieden in der Ukraine nicht in unserem Land, sondern in Moskau zu suchen ist, da die gesetzwidrige Annexion der Halbinsel Krim und der darauf folgende Militärangriff im Osten unseres Landes von Russland vorbereitet und durchgeführt wurde. Als gläubige Menschen verstehen wir jedoch, dass der Frieden letztendlich als kostbare Gabe Gottes von oben kommt. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass ein Besuch des Heiligen Vaters zum Frieden in der Ukraine beitragen wird. Wir sind uns dessen bewusst, dass der Aggressor ganz andere Pläne uns gegenüber hegt und immer wieder versuchen wird, diese umzusetzen. Die Gnade Gottes ist jedoch stärker als alle menschliche Bosheit und Aggression. Gott ist letztendlich derjenige, der „zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“.

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