Kirche

„Mission beginnt in der Kirche vor Ort“

Ein Gespräch mit Abt Aloysius Althaus OSB von Königsmünster über klösterliche Identität.
Luftaufnahme der Abtei Königsmünster
Foto: KNA | Luftaufnahme der Abtei Königsmünster.

Die Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede hat seit Juni einen neuen Vorsteher: Die 46 wahlberechtigten Mönche wählten den bisherigen Subprior, Aloysius Althaus OSB, für zwölf Jahre zum vierten Abt des Klosters. Seit seinem Eintritt im Jahr 1988 hatte der neue Abt verschiedene Aufgaben übernommen. Unter anderem war er Novizenmeister. Anja Kordik sprach mit ihm über den Auftrag seines Ordens und das benediktinische Missionsverständnis.

Abt Aloysius, wie trägt der besondere, auch liturgische Charakter der Abtswahl zur Stärkung der Identität eines benediktinischen Klosters bei?

Die Wahl wurde durch das Gebet der ganzen Gemeinschaft begleitet – das stand immer im Vordergrund. Und durch das Prozedere der Wahl wurde der Gemeinschaftsaspekt noch einmal stark betont, da der neue Abt aus der Mitte der Gemeinschaft heraus gewählt wird. Zugleich ist die Gemeinschaft des Klosters Königsmünster eingebunden an den größere Verbund der Kongregation von St. Ottilien, vertreten durch Wahlbegleiter. So wird die klösterliche Gemeinschaft in den Tagen erst der intensiven Vorbereitung, dann der Wahl noch einmal gestärkt, wenn die Mönche im Kapitelsaal versammelt sind. Der neue Abt wird also aus dem Kreis der Brüder gewählt, die vereint um die Führung des Heiligen Geistes bitten.

Inwieweit hat die Abtswahl zu einer neuerlichen Standortbestimmung der Gemeinschaft von Königsmünster beigetragen?

Ganz wichtig war auch, dass wir als Gemeinschaft anlässlich der Abtswahl eine Bestandsaufnahme vorgenommen haben: Wo stehen wir als Gemeinschaft? Was bedeutet klösterliches Leben innerhalb der Weltkirche, aber auch in Rückbindung an den Kontext der Diözese, der Ortskirche von Paderborn? Wir haben Fragen klösterlichen Managements, Führungsaufgaben im Kloster diskutiert. Und natürlich auch die Frage: Was gibt die Regel vor? Benedikt verfasste ja zwei ganze Kapitel über die Rolle des Abtes. Auch mit den Inhalten der Regel und ihrer Bedeutung in heutigen Zeit galt es, sich auseinanderzusetzen. Aber dieser ganze Vorgang wurde immer begleitet vom Gebet. Wir hatten abends eine Anbetungsstunde im Anschluss an die Komplet. Es gab Fürbitt- und Mariengebete – also letztlich immer das Gefühl, vom Heiligen Geist getragen zu sein.

Welche Bedeutung haben Klöster heute auch als Orte der Pastoral?

Benediktinerklöster sind vor allem Orte gelebter Gastfreundschaft. Benedikt widmet der klösterlichen Gastfreundschaft breiten Raum in seiner Regel. Jedem Gast, der kommt, soll geöffnet werden – das ist eine sehr zentrale Stelle seiner Regel. Jeder ist willkommen. Es gibt keine Eingrenzungen, und keiner wird ausgegrenzt. Benediktinerklöster sind Orte der Gastfreundschaft, Orte des Gebets, des Gottesdienstes, des Gregorianischen Chorals – einladende Orte. Es gibt eine Vielfalt spiritueller Angebote: Menschen sind eingeladen, einige Tage im Kloster zu verweilen, sind eingeladen zu Gesprächskreisen, Glaubensabenden, Bibelrunden. Benediktinerklöster sind Orte der Begegnung, des Gesprächs, der Beratung in Lebenskrisen – und damit Orte der Pastoral.

Worin besteht die Wirkung der Abtei Königsmünster auch nach außen?

Durch die vielfältigen Möglichkeiten in unserer Abtei, durch die unterschiedlichen Ausbildungswege, die fortwährende Fort- und Weiterbildung unserer Brüder können wir eben ein großes Spektrum anbieten – in der Beratungsarbeit, in der Jugendarbeit, im Bildungshaus „Oase“. Gerade die Angebote für junge Menschen, auch an unserer Schule sind uns wichtig. Ein Beispiel ist seit einigen Jahren die Oberstufenakademie, ein Angebot für Schülerinnen und Schüler, die auf das Abitur zugehen, sich noch einmal ganz neu mit Themen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Entwicklung auseinanderzusetzen. Es gibt Wochenendangebote mit unterschiedlichen Referenten mit Schwerpunkten in unterschiedlichen Bereichen. Wichtig sind auch diejenigen, welche die Ideen und Angebote der Abtei über die Region hinaus verbreiten, die Jahresberichte überregional verteilen, sich über den Dritten Orden an die Abtei binden, die Freunde der „Oase“, die in einem Förderverein zusammengeschlossen sind. Sie alle tragen entscheidend zur Wirkung unseres Klosters nach außen bei.

Wie wird das „Jahr des Glaubens“ in den Klöstern der benediktinischen Regel aufgenommen? Wie wird die besondere Spiritualität des „Ora et labora et lege“, der enge Zusammenhang von aktivem, kontemplativem und intellektuellem Leben – vermittelt?

Zum Anliegen des Glaubensjahres hat Papst Benedikt XVI. sehr schlicht gesagt, es gehe darum, die Freundschaft mit Gott, mit Jesus Christus zu intensivieren. Und wie die Brüder in einer Benediktinerabtei bewusst miteinander leben durch das Stundengebet, in den verschiedenen Arbeitsbereichen und nicht zuletzt durch ihre Gastfreundschaft, tragen sie dazu bei, Menschen für die Beziehung mit Gott zu öffnen und neu zu stärken. Menschen suchen solche Orte wie die Benediktinerklöster, Orte, an denen ich einfach da sein kann, Fragen nach Gott, Fragen auch an die Mitmenschen in neuer Weise intensivieren und meinem Leben eine neue Ausrichtung geben kann. Was für Benediktiner vor allem zählt, ist das tägliche fünfmalige Stundengebet, dazu die Feier die Eucharistie, wo jeder Gott Dank sagt, auch in der Stille verweilen kann. Dort, wo der Mensch lernt, sich selbst neu in den Blick zu nehmen – nicht aus einem rein egoistischen Gefühl heraus, sondern wo er lernt, achtsam mit seinem Körper und seinem Geist umzugehen – da schöpft der Mensch neue Kräfte für andere. Und dann werde ich auch ganz neue Erfahrungen in meinem beruflichen und privaten Alltag machen und plötzlich unvermutete Ressourcen für die täglichen Herausforderungen entdecken. Klöster als Orte der Begegnung sind gute Orte, um mit anderen Menschen über Lebensfragen ins Gespräch zu kommen. Und es ist auch gut, in die Ruhe der Klöster einzutauchen und so den inneren Kern neu zu entdecken. Zum „Jahr des Glaubens“ haben wir hier in Königsmünster keine zusätzlichen Angebote, sondern wir bieten das an, was ohnehin zu unserem Angebot gehört, etwa auch zu Exerzitientagen in unserem „Haus der Stille“. Wir wollen vor allem einladen zur Freundschaft mit Gott, aber auch zur Freundschaft untereinander.

Wie ist die Abtei über ihre Missionen in Afrika und Asien in den Gesamtkontext der Weltkirche eingebunden?

Ich möchte da gar nicht so sehr das Missionsverständnis, Afrika oder Asien betreffend, ansprechen, sondern betonen, dass Mission in der Kirche vor Ort beginnt. Unsere Mitbrüder, die in unserer Niederlassung in Hannover leben, haben sicherlich einen sehr missionarischen Auftrag in der Großstadt zu erfüllen mit ihrer schlichten Präsenz und ihren Angeboten wie dem Stundengebet. Darüber hinaus haben wir Missionare in Tansania, in Korea. Wir gehören ja als Abtei zur Missionskongregation von St. Ottilien, haben also weltweite Niederlassungen – mit dem Auftrag, das Licht Christi allen Völkern zu verkünden. Das steht von Anfang an über dem Missionsverständnis der Benediktiner von St. Ottilien. Das Licht Christi zu verkünden ist sicherlich Auftrag jedes Klosters, allen klösterlichen Lebens – das gilt nicht nur mit Blick auf die Weltkirche, sondern auch für die Ortskirche. Durch die Kontakte der Klöster untereinander wird Weltkirche ganz neu in den Blick genommen. Ich selbst war in Tansania, und was gerade die ersten Missionare dort an pastoraler Aufbauarbeit geleistet haben, ist schon beeindruckend. Von daher verstehen wir unseren missionarischen Einsatz sowohl auf die Menschen vor Ort als auf die Menschen in anderen Kontinenten bezogen.

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